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Hilfe - Berentung!

Ärztin und Berentung mit 50 Jahren

Ich bin 53 Jahre alt, Allgemeinärztin (Zusatzausbildung Psychotherapie). Seit 4 Jahren bin ich mit einer Berufsunfähigkeitsrente nicht mehr als Ärztin tätig. Als ich dies in unserer Gruppe „betroffene Profis“ erwähnte, kam ein kleiner Aufschrei. Spontan wurden Sorgen geäußert, wie das wohl sei, wenn man/frau den Beruf verliere. Was kann das Leben ausfüllen, wenn die gewohnte tägliche Arbeit wegfällt? Das fand ich sehr motivierend, um hier einen Artikel über Arztsein, Bipolare Störung und Berentung zu schreiben. In unserer Gruppe „betroffene Profis“ bin ich die Einzige, die ihren Beruf  verloren hat. Aber ich kann aufzeigen, wie es mir gelang, mein Leben ohne Beruf neu zu gestalten.

Vorgeschichte

Seit meinem 21.Lebensjahr habe ich immer wieder depressive und auch (sub-) manische Krankheitsphasen durchleben müssen. Mit Willenskraft, Durchhalte-vermögen und Geschick habe ich dennoch Studium, Berufseinsteig, Facharzt und parallel dazu auch zu die familiären Aufgaben „geschafft“. Ich konnte trotz der BPS auf meine Kraft vertrauen- sei es in den gesunden Jahren, sei es in oder nach   monatelangen Krankheitsphasen.

Berentung: Ich?

2011 sagten mir meine behandelnden Ärzte, dass ich mich im Alter von 50 Jahren aufgrund meiner Bipolaren Erkrankung (früh-) berenten lassen soll. Zum ersten Mal im ganzen Krankheitsverlauf nach „reiflicher Überlegung“ kam dieser Ratschlag. Ich mag schon den Begriff „Frühverrentung“ nicht. Habe ihn auch nie gegenüber meinen Patienten benutzt... er enthält meiner Meinung etwas „bürokratisch“-Abwertendes.

Meine Welt bricht zusammen. Ich liebe meinen Beruf. Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich dafür gekämpft, Medizin zu studieren. Die anstrengenden Jahre im Studium, bis zum Facharzt, bis zur Promotion, bis zum Zusatztitel... um jetzt an diesem Punkt angelangt zu sein? Wo ich doch gerne als Ärztin arbeite und stolz bin, als geschiedene Mutter unsere Brötchen zu verdienen. Es ist mir unheimlich, dass andere Menschen, „Bürokraten“, über mein weiteres Berufsleben und meine Finanzen entscheiden sollen. Ich bin absolut hilflos. Weiß aber auch, wie ich manchmal in meiner Depression geglaubt habe, meinen Patienten geschadet zu haben, weil ich Situationen nicht mehr korrekt einschätzen konnte. Das waren wirklich Höllenqualen, manchmal wochenlang... Diese Qualen wieder durchleiden müssen, weil ich weiter als Ärztin arbeite? Will ich das? Will ich das wirklich?

Finanzielle Sorgen

Als berufstätige Mutter habe ich nach der Geburt meines Kindes überwiegend in Teilzeit gearbeitet. Wie hoch wird nun meine Rente ausfallen? Habe ich lange genug eingezahlt? Solche existentiellen Sorgen plagen mich in der akuten Krankheitsphase zusätzlich zu den negativen Gedankenschleifen meiner Depression. Ich bin geschieden, mein Sohn steht kurz vor dem Abitur. Wie lange reicht das Geld auf meinem Konto, bis über die Gewährung einer Berufsunfähigkeitsrente überhaupt entschieden wird?   

Berufsunfähigkeitsversicherung

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung konnte ich in den Jahren zuvor mit Z.n. Bandscheibenvorfall und einer Bipolaren Störung nicht mehr zu akzeptablen Bedingungen abschließen. Nur unter Ausschluss von Wirbelsäulenerkrankungen sowie seelischen Erkrankungen. Also kurz gesagt: Hohe Beiträge unter Ausschluss der 1. und 2. häufigsten Berentungsursachen! Also Ausschluss meiner 2 „Baustellen“.

Tip: Möglichst früh und jung eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, bevor zu viele Krankheitsphasen  und altersbedingt mehr Krankheiten an sich diagnostiziert werden.

Wem dies nicht gelingt (wie bei mir): Die Justiziarin meines Versorgungswerkes hat mich wirklich gut und geduldig zusammen mit der Sozialarbeiterin der psychiatrischen Klinik beraten. Es gelang mir dann, Fragen und auch alle Anträge zu stellen. Es nahm seinen Gang - obwohl ich natürlich Angst hatte vor dem Ergebnis.

Begutachtung

Ich hatte Glück. Das Gutachten der akut-behandelnden psychiatrischen Klinik wurde vom Versorgungswerk ohne Hinzuziehung eines weiteren externen Gutachters akzeptiert. Ich fühlte mich weniger „nackt“ damit als mit einem neuen, unbekannten Gutachter. Für 2 Jahre wurde die BU-Berentung rückwirkend vom Tag der Antragstellung an bewilligt. Ein Riesenstein fiel mir vom Herzen, als ich die monatliche Summe sah: Ich muss mich etwas einschränken, aber unsere Existenz ist gesichert. Mein Sohn kann sogar studieren (Kinderzuschlag). Neben all den negativen Aspekten, die der Verlust des Berufes mit sich führt: Die Sicherung der Existenz erlebe ich bis heute als enorm psychisch stabilisierend.  

Alle zwei Jahre: erneutes Gutachten für  Berufsunfähigkeitsrente

Es gibt keine Berentung mehr auf Dauer: Alle zwei Jahre ist ein erneutes Gutachten notwendig. Dabei fließen neben den alten auch die aktuellen psychiatrischen Berichte mit ein, die man/frau selbst zahlen muss (GOÄ). Erst fünf Monate nach meinem Antrag auf Verlängerung der BU-Rente wurde ein externer Gutachter wohnortnah vom Versorgungswerk benannt. Die Terminvereinbarung ging dann rasch für zwei Untersuchungstermine (zwei Nachmittage im Abstand von zwei Wochen).

Gutacher und Selbstwertgefühl

Ich war schon nervös und auch etwas ängstlich, als ich auf den Gutachter wartete. Ich hatte immerhin zur Terminvereinbarung schon mit ihm telefoniert: Sachlich, höflich, kein Zeitdruck trotz Oberarztfunktion. Bei den Untersuchungsterminen erkundigte er sich sehr gründlich nach Anamnese, Verlauf, aktuellem Befinden einschließlich Testbogen. Seine Höflichkeit verbunden mit seiner Gründlichkeit liessen mich aufatmen. Respekt war spürbar vorhanden (Respektlosigkeit hätte ich nur schwer ertragen). Beim zweiten Termin erfolgte zum Ende eine Ganzkörperuntersuchung, die er von einer Kollegin durchführen ließ. Trotzdem war ich ziemlich erschöpft, auch seelisch, unmittelbar danach. Was war so anstrengend? Nicht die Untersuchung! Nein, es war der Umstand, dass ich alle meine Krankheitsphasen ausführlich berichten musste. Mein Trick zur Lebensbewältigung ist, sich auf die Ressourcen zu konzentrieren!

Berentung: Was tun den ganzen Tag?

Unmittelbar nach meiner Berentung habe ich ehrenamtliche Tätigkeiten begonnen, denn Tage und Stunden können lang sein... Die Wand anschauen und mit sich selber reden? Auch Einsamkeit macht auf Dauer krank! Ich habe meine Hobbys intensiviert (Ehrenamt im Sport, Kinderbetreuung, Musikunterricht und Tierheim). Ein neues Hobby wurde begonnen und ich habe dabei meine Kreativität (wieder)- entdeckt. Früher blieb neben dem Arztberuf und dem Mutterdasein keine Zeit dafür. Nun hatte ich plötzlich Zeit im Übermaß.

Berufsunfähigkeitsrente und berufsfremde Tätigkeiten

Mit dem Ehrenamt kam nach einer Weile der Vorschlag einer berufsfremden und geringfügigen Beschäftigung. Zunächst musste ich das mit dem Versorgungswerk abklären. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich dann, dass einige BU-Rentner berufsfremd arbeiten. Nach Überprüfung kann das auch genehmigt werden. Nun habe ich einen  Job (15 Std./Woche), der mir wieder etwas Aufgabe gibt. Manchmal wundern sich die Leute dort, wie viel ich an Wissen habe... Mein Arbeitgeber, dem ich „reinen Wein“ bzgl. meiner Erkrankung und möglichen Fehlzeiten eingeschenkt habe, hat das zur Kenntnis genommen und freut sich über meine gute Ausbildung.

Warum Mitglied bei „Betroffenen Profis“ werden?

Es war enorm entlastend, nicht alleine mit dieser oft existentiellen Krankheit bleiben zu müssen. Sich austauschen zu können mit gleichfalls Betroffenen, die oft auch „zwischen allen Stühlen“ sassen. Erst die Gruppenmitglieder hier haben mir restlos vermitteln können, dass ich weder an meiner Krankheit noch am Ausbruch weiterer  Phasen schuld bin. Nachdem mir eine (ehemalige) Freundin und Psychotherapeutin gesagt hatte, ihre Patienten bekämen keine solch heftigen Phasen wie ich, habe ich mich wie eine Versagerin gefühlt und mich haben noch mehr Schuldgefühlen geplagt. „Wie: Ärztin? Therapieausbildung? Und doch immer wieder krank...“

Schutz der Anonymität

Da wir alle im Gesundheitswesen tätig sind/waren, ist uns Schweigepflicht vertraut. Keiner von uns möchte unerlaubt geoutet werden!

G.S.

Arbeitsgruppe Betroffene Profis

 

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