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Angehörigenseminar der DGBS in Freiburg 2015

Seminar für Angehörige am 6. und 7. November in Freiburg: Spagat zwischen helfen wollen und Grenzen setzen

Nachbetrachtung zweier Teilnehmerinnen

Erster Bericht

Freitagmorgen

Ich bin an einem Urlaubstag nach Freiburg unterwegs und denke mir: „Eigentlich habe ich gar keine Lust, mich bei diesem schönen Wetter der Thematik Bipolare Störung zu stellen“. Angenehm überrascht bin ich über das schöne Tagungszentrum der Caritas. Es liegt am Hang mit Sicht über Freiburg, dem Rheintal, Kaiserstuhl und den Vogesen. Was für Leute finde ich wohl vor?

Barbara Wagenblast begrüßt mit einem Willkommenssnack. Jeder bekommt ein Namensschild, man kann sich in die Augen schauen. Sehr nette Leute, scheint mir.

Wir lernen uns zu Beginn des Seminars kennen. Es besteht bei allen eine Schweigepflicht über die gesprochenen Worte der Anwesenden. Es fühlt sich gut an. Wir haben die gleichen Probleme.

Unser erster Nachmittag besteht aus sehr informativen, sachlichen Darstellungen von Prof. Dr. Dietrich van Calker über Entstehung der Krankheit, Diagnose und Therapie. Vieles ist dabei, was sich für mich klärt, als Angehörige eines bipolaren Patienten. Ich habe herausgehört, dass es eine schwierige Aufgabe ist, die richtige Behandlung zu finden. Alles kann sich immer wieder verändern und erfordert eine neue Einstellung der Medikamente. Die Forschung ist auch noch in den Kinderschuhen. Ich hoffe, es werden noch neue Medikamente gefunden.

Samstagmorgen

Ich habe gut geschlafen. Freue mich auf ein Frühstück mit den anderen Seminarteilnehmern. Es finden gute Gespräche untereinander statt.

Am zweiten Tag führt uns die Psychologin Dr. Julia Volkert durch die Thematik „Umgang in Krankheitskrisen und Grundlagen der Kommunikation“. Durch praktische Beispiele von Schilderungen der Probleme mit den Erkrankten kann ich mir vieles erklären. Heute, nach drei Wochen, bin ich immer noch begeistert von diesem Seminar. Es hat mir viele Antworten gegeben und war für mich genau das Richtige. Ich kann nur jedem Betroffenen empfehlen, sich einmal ein Angehörigenseminar zu gönnen.

N.N.

Zweiter Bericht

Im Winter vor zwei Jahren erreichten die kaum mehr zu erklärenden Verhaltensauffälligkeiten unserer Tochter ihren absoluten Höhepunkt. Mit dem Anmieten einer Halle für hunderte von Gästen, um die Party des Jahres, nämlich ihren 17. Geburtstag, gebührend zu feiern, dem unaufhörlichen wirren Redefluss, die Phantasien, Bürgermeister zu werden und die Welt zu regieren oder das grenzenlose Geld ausgeben für teure Markentaschen, die sie dann an Freunde verschenkte, gaben uns die Gewissheit, dass der gegenwärtige Zustand unseres Kindes krankhaft zu sein schien.

Eine stationäre Zwangseinweisung in die Uniklinik Freiburg folgte und für mich ein Spagat zwischen der Erleichterung, dass dieses unerklärbare Verhalten plötzlich einen Namen hatte und die Diagnose Manie gestellt wurde und der unendlichen Trauer, das eigene Kind zwangseinzuweisen in eine psychiatrische Klinik, angeschnallt liegen zu sehen in einem Überwachungsraum, sediert mit Medikamenten, um es ruhig zu stellen und das lodernde manische Feuer in seinem Kopf zu löschen.

Welche Auswirkungen eine psychische Erkrankung auf das gesamte Familienleben hat, ist kaum in Worte zu fassen. Die Krankheit ist Laien kaum zu erklären. Ist die Depression weitläufig ein bekanntes Krankheitsbild, ist eine Manie den meisten völlig unbekannt. Hinzu kommen diese fürchterlichen Selbstzweifel, in der Erziehung alles falsch gemacht zu haben, die unaufhörliche Suche in der Vergangenheit nach Fehlern und das schreckliche Schamgefühl, weswegen man mit niemandem über diese Krankheit zu sprechen wagt. Um die straff geregelten Besuchszeiten in der Klinik wahrnehmen zu können, begann für mich ein wahres Versteckspiel am Arbeitsplatz, mit erfundenen Terminen. Vom Freundeskreis isoliert, weil man die Belastungserprobungswochenenden nicht mit anderen teilen mochte.

Nach drei Monaten Klinik (Erstaufnahme in Freiburg, dann Behandlung in der Lindenhöhe, Offenburg) konnten wir ein medikamentös gut eingestelltes junges Mädchen abholen, dass sich ihrer Krankheit bewusst zu sein schien. Für mich als Mutter folgte das wohl sorgenfreieste Jahr mit meiner Tochter. Wir machten gemeinsam entspannten Urlaub, hatten feste Sporttermine und auch der alte Freundeskreis um unser Kind schien zu ihr zu stehen.

Leider hat das Medikament auch die unangenehme Nebenwirkung der starken Gewichtszunahme und der gedämpften Stimmungslage. Meine Tochter hielt die andauernde von ihr empfundene Freudlosigkeit nicht mehr aus und setzte das Medikament ab.

Der unbeschreiblichen Gewichtsabnahme folgte die zweite Manie. Von der Lindenhöhe gut auf diese Situation vorbereitet ging sie auf eigenen Wunsch zurück in diese Klinik. Mittlerweile war sie 18 geworden und konnte nach der Akuttherapie mit Lithium beginnen. Sie sprach gut darauf an und absolvierte sogar ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten, zuverlässig und sehr beliebt.

Im Oktober dieses Jahres bemerkte ich wieder manische Anzeichen, schnelle Bewegungen, Rastlosigkeit, schnelles Sprechen...

Sorgen breiteten sich wieder aus und nach einer durchgrübelten Nacht stieß ich auf die Internetseite der DGBS. Am gleichen Tag sollte das Seminar für Angehörige in Freiburg im Caritas Tagungszentrum stattfinden, fast vor unserer Haustüre. Ich nahm telefonisch Kontakt zu Frau Wagenblast auf, die mir die kurzfristige Teilnahme ermöglichte (nochmals ein ganz, ganz großes Dankeschön).

In den schönen Räumlichkeiten des Caritashauses wurde ich sehr freundlich begrüßt, die Teilnehmer, ca. 30, waren Eltern und Ehe- bzw. Lebenspartner(innen). Am Anfang des Seminars stand ein kurzes Kennenlernen. Dabei wurden die sehr unterschiedlich langen Erfahrungen der Teilnehmer mit der Bipolaren Störung deutlich. Gruppen konnten sich bilden und man kam schnell ins Gespräch.

Am Freitag referierte Prof. Dr. Dietrich van Calker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hervorragend über die Themen Krankheitsentstehung, Symptome und Verlauf der manisch depressiven Phasen sowie Diagnosestellung. Während einer Kaffeepause konnte man sich mit anderen Angehörigen austauschen. Anschließend wurden Behandlung, Prophylaxe und Verhütung neuer Phasen besprochen. Die Beteiligung der Teilnehmer war rege und es gab viele Fragen und Diskussionsbedarf.

Um 18 Uhr gab es ein gemeinsames, sehr leckeres, schmackhaft zubereitetes Abendessen im Tagungshaus. Anschließend konnten die Teilnehmer den Tag gemeinsam im Kaminzimmer ausklingen lassen. Ich persönlich bin leider nach Hause gefahren, würde aber jedem empfehlen, das Angebot der Übernachtungsmöglichkeit anzunehmen.

Am Samstag wurde mit einem kurzen Rückblick das Tagesprogramm eröffnet. Dr. Julia Volkert, Dipl. Psychologin und leitende Psychotherapeutin der Ambulanz der Uniklinik Frankfurt, referierte interessant über das gemeinsame Miteinander von Erkrankten und Angehörigen aus Sicht der Angehörigen. Diskussionsstoff war geboten. Grundlagen der Kommunikation und deren Umsetzung in Krisenzeiten sowie die Voraussetzungen für einen gelungenen Trialog gaben den Teilnehmern kommunikative Werkzeuge für die Bewältigung des Alltages mit auf den Weg. Die Abschlussdiskussion und das Feedback rundeten das Programm ab.

Ein großes Dankeschön an die Referenten und an Frau Wagenblast, die gelungen durchs Programm führte und abschließend über die mitunter auch schwierige Arbeit der DGBS berichtete.

Persönlich möchte ich mich nochmals bedanken, dass ich kurzfristig an der Veranstaltung teilnehmen konnte und den Referenten für die guten Vorträge. Ich möchte Danke sagen für die wertvollen Gespräche in den Pausen mit anderen Angehörigen. Es hat mir geholfen, das erste Mal wirklich offen über die Erkrankung unserer Tochter zu sprechen. Danke auch an die Lindenhöhe Offenburg, deren Pfleger mit unermüdlichem Einsatz für Angehörige und Betroffene da sind.

Mein Wunsch ist es, dass diese Erkrankung von der Gesellschaft zukünftig weniger stigmatisiert wird. Ich wünsche allen viel Kraft und Zuversicht für die Zukunft.

Eine Teilnehmerin