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Buchrezension

Hartmut Haker: „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“

Wiedenverlag, 2. Auflage 2010

Ein junger Mann findet sich eines Tages in der Psychiatrie wieder, hat aber nur wenig Erinnerung daran, warum er hier gelandet ist. Hartmut Haker macht sich in seinem autobiografischen Buch auf die Suche nach den Ursachen für seine Erkrankung. Gleichzeitig beschreibt er das Leben auf seiner Station mit dem erzwungenen Zusammenleben mit anderen Kranken, mit Pflegern und Therapiesitzungen mit seinem Psychiater. Er berichtet von der Diagnose seiner Ärzte – Angstzustände, Verfolgungswahn und Halluzinationen und möchte wissen, wie es dazu kommen konnte. Er denkt über sich nach, erzählt von ihn stark belastenden Erfahrungen – Trennung der Eltern, eine unglückliche Liebe, aber er berichtet auch offen von seinen Exzessen mit Alkohol, Frauen und Geldausgeben. Um mehr über sich zu erfahren, bittet er seine Familie und alte Freunde, ihm zu schreiben, wie sie ihn als jungen Menschen kennengelernt haben und wie sie zu ihm stehen. Aber auch die Geschichte seiner Mitpatienten interessiert ihn und er bittet sie, ihm für sein Buch aus ihrem Leben zu erzählen.

Hartmut Haker hat einen frischen und natürlichen Erzählstil, man sieht die Station, die Patienten und den auch manchmal strengen Stationsarzt unmittelbar vor sich. Er schont sich nicht, sondern erzählt offen davon, dass er mit seinem Verhalten nach den Krankenhausaufenthalten manches Mal eine neue Krise hervorgerufen hat. Aber war es schon der Beginn einer manischen Phase, der ihn dazu brachte, wieder Alkohol zu trinken und sich keine Ruhe zu gönnen? Oder war es die für ihn schlimme Trennung der Eltern, die ihn zu diesem Verhalten gebracht hat? Immer wieder wird deutlich, wie sehr ihn die Trennung der Eltern getroffen und verunsichert hat. Er fühlte sich wie aus dem Paradies einer behüteten und liebevollen Kindheit vertrieben.

Auch die Episode mit seiner unglücklichen Liebe zeigt, wie empfindsam er ist und wie wenig er es verarbeiten kann, wenn er sich zurückgewiesen fühlt. Freunde und Verwandte zeichnen in ihren Briefen das Bild eines geliebten und fröhlichen Jungen.

Mit seinen Mitpatienten geht er interessiert, vorsichtig und freundlich um: Unverfälscht aber respektvoll beschreibt er ihre teilweise dramatischen Lebenserfahrungen. Wenn er seine Angst, seine Paranoia und seine immer wiederkehrenden Manien beschreibt, wird nachfühlbar, wie sehr Menschen leiden müssen, die an psychischen Störungen leiden.

Mich hat beeindruckt, dass Hartmut Haker offen und selbstkritisch von sich erzählt. Er beschreibt, wie es ihm als Kind und später als jungem Mann ging, aber weder bewertet und beschuldigt er seine Eltern und seine Umgebung, noch seine unglückliche Liebe und nicht einmal die Psychiatrie. Er will wirklich verstehen, was zu seinen Krankheitsphasen geführt hat, er sucht nach auslösenden Faktoren, aber er gibt niemandem die „Schuld“ an seiner Situation. Im Gegenteil, er versucht auch seine Eltern zu verstehen und man spürt, dass ihn auch heute noch eine große Zuneigung mit ihnen verbindet.

Es wird deutlich, dass er in einem liebevollen, christlich orientierten Umfeld in schöner Natur großgeworden ist. Seine Großmutter und die Freunde seiner Eltern unterstützen ihn: Sie antworten ihm auf seine Bitte ausführlich und schildern ihn als ein vergnügtes und strahlendes Kind und später jungen Mann, der von allen geliebt wurde.

Auch die Psychiatrie muss bei ihm nicht als Sündenbock herhalten: Nüchtern, aber oft auch mit Humor beschreibt er, was er dort erlebt, aber selbst zu dem – aus meiner Sicht - manchmal etwas strengen Stationsarzt hat er eine gute Beziehung. Er fühlt sich von ihm unterstützt und verstanden. Zum Schluss seines Buches fragt er sich, ob es vielleicht gar keinen Grund für sein Krankheit gibt, ob manche Dinge im Leben einfach passieren.

Auch beeindruckend für mich ist es, wie er die zugewandte und wenig aufgeregte Haltung seiner Eltern, seiner Großmutter und seiner Freunde beschreibt. Man möchte vielen psychisch Erkrankten eine solche Familie und solche Freunde wünschen. Aber die Haltung, mit der er das Buch schreibt macht auch deutlich, dass es eben auch an ihm liegt, an seiner Fähigkeit, trotz Krankheit Beziehungen zu halten, dass Freunde und Familie ihn unterstützen.

„Station 23“ ist ein Buch, dass ich vorbehaltlos empfehlen kann: Es ist gut geschrieben, der Autor geht offen mit sich und seinem Umfeld um und schildert auch manches Mal mit Humor, was Betroffene im Krankenhausalltag erleben können. Wir Angehörigen können daraus lernen, wie es den Erkrankten geht, woran sie leiden und vielleicht auch, wie wir sie unterstützen können. Ich hoffe, dass Hartmut Haker weiter schreibt.

Heute ist Hartmut Haker 41 Jahre alt, vor 16 Jahren erschien sein erstes Buch "Station 23 - Begegnungen in der Psychiatrie". Er ist verheiratet und Vater eines dreijährigen Sohnes, lebt in Ratzeburg und arbeitet als Konstrukteur für Baustatik. Nach seinem ersten Buch sind noch vier weitere autobiographische Bücher und ein Theaterstück von ihm erschienen. Ihm ist klar: seine schizoaffektive Pychose wird ihn sein ganzes Leben begleiten. Aus seinen Büchern hält er Lesungen und möchte einen Beitrag zur Aufklärung über psychische Erkrankungen und zu deren Entstigmatisierung leisten und den vielen Betroffenen Mut machen.

Janine Berg-Peer


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