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An betroffene Profis

Auf die Frage, warum ich schwer behindert bin, gibt es nur eine Antwort:

Ich bin verrückt.

So kann ich wenigstens mit der Kinderkarte ins Schwimmbad gehen und spare so eine Menge Geld.

Außerdem kann ich das Klischee vom irren Psychiater bedienen.

So viel zum Spaß an der ganzen Sache.

Aber leider, wie oft im Leben, hat das psychisch krank Sein im Allgemeinen auch Nachteile, die brauche ich gar nicht groß zu erörtern, da gibt es massenhaft Literatur.

Ich habe trotzdem auch noch etwas studiert, nämlich Humanmedizin, und ich arbeite als Ärztin in der Psychiatrie.

Lange ist es gut gegangen, bis ich wieder krank wurde. Erst hab ich versucht, es zu verstecken, zu verheimlichen, das heißt auch dissimilieren in der Fachsprache. Ich war noch eine Zeitlang der Meinung, ich hätte das voll unter Kontrolle, denn ich bin ja Profi und weiß Bescheid. Mir ist die Situation in der Arbeit nie entglitten, ich habe mich allerdings bis zum Anschlag zusammengerissen. Aber besser ist auch nichts geworden. Und gemerkt haben es die anderen auch, vielleicht nicht, was genau los war, aber dass etwas massiv nicht gestimmt hat, das schon.

Ich wusste zwar, dass ich eine Krankheit habe wie andere auch, aber ich habe mich trotzdem so geschämt, dass mein Mann niemanden erzählen durfte, was ich habe. Als ich dann trotzdem, eigentlich viel zu spät, in einer  Klinik gelandet bin, hatte ich offiziell eine Depression. Ich will es nicht, aber ich schäme mich immer noch, jetzt zwar seltener, aber immer noch wieder. Ich fühlte mich auch schuldig, wenn ich nicht arbeiten konnte, immer überlegte ich es mir drei Mal, ob ich nicht doch hingehen konnte, obwohl mir meine Vernunft sagte, dass es einfach nicht ging. Ich habe mich nutzlos und wie eine Last gefühlt, entweder, weil ich mal wieder nicht entsprechend arbeiten konnte und Dienste absagen musste, aber auch, weil ich nicht so für meine Kinder da sein konnte, wie ich das sein wollte.

Natürlich war mir klar: Ich brauche einen niedergelassenen Nervenarzt, zumindest für die Medikamente und damit mich jemand krank schreiben kann. Anfangs war für mich das Hauptkriterium, dass er eigentlich von mir nichts wissen will und mir nur das Rezept aushändigt bzw. die Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Ich wollte mich nicht behandeln lassen, sondern weiter selbst und allein entscheiden, was passiert. Damit habe ich mir rückblickend mehr geschadet, als dass es mir genutzt hätte.

Ich kenne beide Rollen, die des Arztes und die des Patienten. Und glauben Sie mir: In der Psychiatrie zu sein mit Schlüsseln ist wesentlich angenehmer als ohne Schlüssel. Da kann ich definitiv mitreden. Ich verteile auch lieber Medikamente, als sie selber (unter Umständen unter Aufsicht des Pflegepersonals) schlucken zu müssen. Andere Patienten zu beraten fällt mir wesentlich leichter, als mich selbst an die guten Ratschläge zu halten. Vielleicht kann ich mich durch die eigene Erkrankung besser einfühlen, vielleicht fehlt es aber auch an professioneller Distanz. Ich weiß es nicht. Auch kenne ich, wenn vielleicht nicht alle, aber doch die meisten Tricks, auf beiden Seiten.

Es ist nur vordergründig von Vorteil, genau zu wissen, was ich in Hinblick auf gewisse Themen sagen oder nicht sagen darf. Ich weiß, wie ich mich im Zweifelsfall vor einem Betreuungsrichter präsentieren muss, um einem Beschluss zu entgehen, auch in schlimmeren Phasen konnte ich mich noch zusammenreißen und verstellen, um meine Autonomie zu bewahren. Leider (oder zum Glück?) haben meine Familie und Freunde aber auch gelernt, dass ich das kann und glauben mir manchmal nicht mehr, was ich sage, weil ich schon ein paar Mal ein bisschen untertrieben habe. Dies führt hin und wieder zu Irritationen, denn auch ich bin mal „ganz normal“ gereizt oder einfach schlecht drauf, ohne dass das einen Krankheitswert hat.

Das, was ich geschrieben habe, kann nur ein kleiner Ausschnitt aus 37 Jahren Leben, 20 Jahren Krankheit und 10 Jahren Beruf sein. Aber es ist ein Anfang, der Mut machen soll, und sagen soll:

Uns gibt es auch.

Wenn Sie auch so etwas erlebt haben, sind Sie bei uns richtig. In erster Linie sind wir Menschen, erst in zweiter Linie Ärzte, Krankenpflegepersonal, Ergotherapeuten, Psychologen...

Erst wenn wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, können wir das von anderen erwarten. Wir werden immer wieder auf Widerstände stoßen, im Privatleben und im Beruf; auf Menschen, die „Verrückte“ lieber hinter verschlossen Türen sehen statt als Mitbewohner, Nachbarn oder Kollegen. Auf Kollegen, die wegen angeblicher Gerechtigkeit keine Nachsicht kennen, Chefs, die eine nicht perfekte Leistung als persönliche Schwäche auslegen.

Wir sind viele. Und gemeinsam sind wir stark!

Deswegen haben wir uns als Betroffene Profis bei der DGBS zusammengeschlossen, als Lobby für psychisch kranke Ärzte/Psychologen usw., die im Berufsleben mitgestalten wollen. Wir sind offen für jeden, der Interesse hat, mitzumachen.

Trauen Sie sich, mit uns Kontakt aufzunehmen.

Eine Mail an betroffene.profis@dgbs.de genügt. Selbstverständlich können Sie Ihre Anonymität wahren, wenn Sie es so wünschen.

dino (Nickname im Bipolar-Forum der DGBS)

 

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