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Bipolar Roadshow Tourblog

Sebastian Schlösser

18.05. bis 25.05.2014

Sebastian beim Schreiben des Tagebuchs im Tourbus

Tag 1     Würzburg

Der Tag beginnt mit einem Lauschen. Aha. Die Kinder schon wach. Dann ist es nach sieben. Sie geben sich alle Mühe, uns nicht zu wecken, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich ihre Bemühungen heute nicht goutieren kann. Zu sehr drängt es mich selbst aus dem Bett. Zu sehr freue ich mich über den Beginn der Tournee, obwohl das schon der falsche Begriff ist, wie uns unser routinierter Fahrer Julius (seit über 25 Jahren bei Heino) später aufklärt. Wir befinden uns dagegen auf einer Gastspielreise.

Aber das kann ich mir morgens um halb acht noch gar nicht vorstellen. Meine Gedanken kreisen um Bücher, die ich mitnehmen will, Regenjacke, brauch ich die wirklich? Brille, Sonnenbrille, Aufladekabel (vergess' ich immer) - ich vergesse immer irgendwas. Die Kinder und die Gattin wuseln sich währenddessen zum Bäcker, decken den Tisch. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege. Es herrscht die heiter-chaotische Atmosphäre eines Kreuzfahrtschiffes kurz vor Eröffnung des Frühstücksbüffets.

So. Kopfhörer. Vergess' ich auch immer. Ohropax. Man weiß ja nie. Dann geht die Tasche zu. Der letzte Reißverschluss und ich kaue unkonzentriert auf einem Mohnbrötchen herum. Meine Frau drängt in ihrer weisen Art zu einer zeitigen Abfahrt und dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Ich hasse nichts so sehr wie die tote Zeit, bevor die Reise wirklich losgeht. Die Tasche im Wagen verstaut wird. Die Stille vor dem Startschuss.

Es geht endlich los. Gut. Tanken müssen wir noch. Hätte ich auch gestern noch machen können. Aber wir haben ja noch Zeit. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas fehlt mir immer. Und als meine Frau aus der Tankstelle kommt, fällt es mir wieder ein. Mein Buch! Mein Leseexemplar mit all den Strichen und Notizen. Das Buch, das eigentlich meiner Frau gehört, weil es ihr Exemplar ist, aus dem ich aber seit meiner ersten Lesung vorlese. So. Jetzt wird es doch noch knapp. Der Sohn soll vor der Tür warten und das Buch herein reichen. Tut er natürlich nicht. Er sitzt auf Klo. Schließlich sind wir rechtzeitig am Bahnhof und nun ist doch wieder genügend Zeit, als hätte sie sich kurz zusammengezogen wie ein Muskel und nun wieder entspannt. Der Bahnhof ist leer und auf dem Bahnsteig fällt das Licht auf friedlichste Weise in den Glaswartekasten. Stillstand. Sammeln. Harmonie. Plötzlich legt in mir etwas den Schalter um. Die Aufregung ist weg. Ich atme tief durch, spüre die Sonne auf meinem Gesicht und höre den Zug einfahren.

Am Hauptbahnhof steigen viele Reisende dazu. Der Zug fährt nach Bayern. Deshalb sind es vor allem Fußballfans, die zum Relegationsspiel nach Fürth wollen. „Wir sind aus Hamburg und nicht aus Bremen, wärn' wir aus Bremen, müssten wir uns schämen“ hallt es durch die Waggons. Mir ist das Wurscht. Ich habe ja meine Kopfhörer nicht vergessen und kann ein bisschen arbeiten.

Endlich bin ich in Würzburg und das Ankommen in einer fremden Stadt regt mich sonst auch immer etwas auf. Zu viel Neues. Hier nicht. Komisch. Der Taxifahrer schweigt großzügig und das Hotel ist toll.

Ich treffe Barbara in der Lobby, von der ich gar nicht wusste, dass Sie die Tour begleiten wird. Sie ist Angehörigenvertreterin und im Vorstand der DGBS.

Wir gehen zu Fuß zum Veranstaltungsort, aber mein Navi hat etwas anderes verstanden und so spazieren wir eine Viertelstunde in die falsche Richtung. Einmal müssen wir sogar stehen bleiben, weil eine Rollerbladeveranstaltung an uns vorbeirollt. Barbara wird etwas nervös. Sie mag nicht zu spät kommen. Ich sonst auch nicht. Bin immer zu früh da, aber Ihre Nervosität macht mich komischerweise ganz ruhig. Zu zweit geht alles besser.

Dann stehen wir auf einmal in einem Saal vor der Bühne und da sind Sie. Ralf, Peter und Martin. Herzliche Begrüßung. Ralf kenne ich noch nicht, aber den mag ich sofort. Drei furchtbar entspannte Männer. Ja. Mit denen steige ich in einen Tourbus. Sofort. Die drei Soundschamanen sind vertieft in Töne und so ziehen wir uns noch mal ins Hotel zurück. Gerade rechtzeitig, denn als ich den Raum betrete, fällt das 1:0 für den HSV. Später auch noch ein Tor für die anderen, aber es reicht. Gerettet. Dann kann es jetzt losgehen. Mein Taxifahrer ist schlecht gelaunt und mag mich die kurze Tour eigentlich nicht fahren. Egal. Es geht los. Es füllt sich langsam. Die Bühne erstrahlt dank Marcos Licht in einem klar gesetzten Glanz. Schlichte Eleganz.

Würzburg: Es ist angerichtet

Unsere Garderobe ist eine Kegelbahn. Das Catering üppig. Die Stimmung gelassen. Es ist der Anfang. Der Anfang, dem ein Zauber innewohnt. Es geht wirklich los. Dr. Reif führt souverän in die Materie ein. Jetzt aber wirklich. Ralf spielt. Und er spielt wahnsinnig schön. Und alles, was man erahnt, wenn man ihn ansieht, wird übertroffen. Peter kommt dazu und es wird noch schöner. Addiert sich. Die Leute sind zugewandt. Ich überlege krampfhaft, welche Passage ich lesen soll und entscheide mich in dem Moment des letzten Akkords für den Anfang. Was sonst. Alles auf Anfang. Nach mir kommt Martin und mit ihm Ralf und Peter und das ist dann die totale Wucht. Drei Klangvirtuosen, die einen Soundteppich produzieren, wie ich ihn live noch nie gehört habe. Sie erfreuen sich und das Publikum. Alles geht auf. Applaus. Gelöste Stimmung. Alle sind erleichtert. Auch Ritsch, der den guten Ton macht.

Bis die letzte Gitarre verpackt ist, dauert es noch eine ganze Weile. Doch im Hotel lässt man uns noch gemeinsam ein Feierabendbier trinken. Wir sind glücklich. Feiern noch ein bisschen in Martins großem Zimmer weiter. Ein bisschen Rock'n Roll muss sein. Ist doch eine Tour.

Gute Nacht.

Tag 2     Kempten

Der Morgen beginnt mit Kaiserwetter. Es ist warm. Der Himmel blau. Peter ist der Erste beim Frühstück und sitzt bereits auf der Terrasse. Das Frühstück ist hervorragend und wichtig für alle, schließlich gab es gestern nach dem Gig nichts mehr. Punkt zwölf geht es weiter. Endlich ist es soweit. Wir versammeln uns vor dem Tourbus. Normalerweise fährt Heino darin herum. Er sieht aus wie ein Werbebus für den Europa Wahlkampf. Gedacht war das für eine Fernsehsendung in den 90ern, wie mich Julius wenig später aufklärt. Er hat das damals in Auftrag gegeben und man merkt sofort, dass das sein Wagen ist. Der kennt sich aus. Der weiß, was er tut.

Julius

Herrlich. Da kann nichts schief gehen. Wir rollen aus Würzburg heraus. Sanft. Behaglich. Ich darf vorne sitzen und fühle mich wie das Nesthäkchen. Ein vertrautes Gefühl. So war das im Theater auch immer. Und ich habe das geliebt. Unterwegs sein dürfen mit Könnern ihres Faches. Ich lausche und lerne und verstehe doch recht wenig, wenn sich die Gespräche über Musiker, Sounds, Instrumente und vor allem Tontechnik kreisen. Feinstes Fachchinesisch. Der HP 4 hat im oberen Bereich noch Luft. Wenn wir die PA unten weicher pegeln, kommen wir am Ende fetter raus.

Hammer. Julius haut eine Anekdote nach der anderen raus. Immer wieder Heino. Bewegtes Leben. Architekturstudium. Wilde Sechziger. Mucke. Immer wieder hat ihn die Musik magisch angezogen. Das geht den anderen auch so. Mir auch. Die Fahrt dauert länger als gedacht. Aber die Stimmung bleibt. Es wird viel gelacht. Raucherpäuschen. Weiter geht’s durch die sanft dahin hügelnde Landschaft. Und auf einmal, nachdem ein kurzer Disput darüber ausgebrochen ist, ob Jimi Hendrix wirklich so ein Gitarrengenie gewesen ist, erscheinen die Alpen am Horizont, wie ein Empfangskomitee. Schneekoppen inklusive. Erhaben und schön. Das Hotel heißt passenderweise Fürstenhof und verhält sich entsprechend traditionsbewusst. Gegenüber kehren wir zum Mittag ein und stürzen uns völlig ausgehungert auf die schwäbischen Leckereien. Maultaschen, Spätzle, Sahneschnitzel. Da ist die Welt ganz in Ordnung. Professor Dr. Brieger gesellt sich dazu und es ist ihm sofort anzumerken, dass er sich sehr über unser Gastspiel freut.

Der Veranstaltungsort ist, hört hört, eine Sing- und Musikschule. Aber der Raum ist super. Marco und Ritsch haben schon ganze Arbeit geleistet als ich zum Ende des Soundchecks eintreffe. Sehr stimmungsvoll. Durch die ansteigende Tribüne sind die Zuhörer mit uns auf Augenhöhe, was sich kurze Zeit später tatsächlich einlöst. Das Publikum ist von Anfang sehr wach und gibt viel zurück. Alle Darbietungen werden von ihm getragen. Am Ende gibt es Zugaben und langen Applaus. Umarmungen und Butterbrezeln (die wirklich allerbesten). Sekt und Selters. Aber vor allem das köstliche Bier.

Im "Stift" haben sie auf uns gewartet. Allerdings zu lang. Auch hier bleibt die Küche kalt. Ich bin ganz froh, denn ich habe begründete Angst, auf dieser Tour weiter zu verfetten. Die Runde ist klein, aber nach diesem total gelungenen Abend herrscht eine super Stimmung. Der kleine Disput zwischen Kunst und Technik hat sich gelegt. Misstöne sind der reinen Harmonie gewichen. Glücklich wackeln wir ins Hotel, wo es tatsächlich eine Raucherlounge gibt. Wie für uns gemacht. Doch irgendwie hat sich ein Mensch dazu geschlichen. Keiner weiß, wo er her kommt. Plötzlich sitzt er dicht bei uns. Mit weit aufgerissenen Augen. Augen, die starren. Der blinzelt nicht mehr. Dafür redet er unaufhörlich. Er ist sehr schwer zu verstehen. Nicht mal der Dialekt lässt sich einwandfrei heraushören. Angetrunken. Drogen? Ne, denke ich. Der hat auch ne Meise. Klar. Ist ja auch unser Thema. Die Stimmung unter uns ist immer noch sehr gut, aber der Typ drängt sich immer wieder auf. Er stört. Mich ganz gewaltig. Ist gerade so ein super Abend, wir verstehen uns alle so gut, aber der stört einfach. Ich nehme es viel zu persönlich. Irgendwann reicht es mir und ich bitte ihn zu gehen. Nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt. Er versteht mich auch sofort. Aber anstatt zu gehen, beschimpft er mich nun. Klar. Ich der Bad Cop und die anderen sind weiterhin seine besten Freunde. Woher kenne ich das noch mal? Der Nachtportier hat jetzt auch verstanden, dass der nicht zu uns gehört. Ich ärgere mich gleich noch mehr. Dass jetzt die Polizei kommen muss. Dass der Vogel nicht einfach davon fliegen will. Dass er zum Nesthocker- und beschmutzer werden muss. Aber er ist krank. Anstrengend und vereinnahmend. Und gleichzeitig wie ein Zeichen. Eine Erinnerung. Bipolarität ist eine Krankheit. Und kein Segen. Die Polizisten sind wirklich cool und der Typ sofort artig. Im Angesicht der Autorität. Unsere sechsköpfige Autorität hat scheinbar nicht gereicht. Egal. Der Abend endet in Harmonie und Heiterkeit. Etwas zu spät vielleicht. Guten Morgen.

Tag 3     Augsburg

Wow! Ich erwache mit dem Hochgefühl des Siegers. Das war toll! Das Wetter ist weiterhin fürstlich. Über zwanzig Grad. Kurze Hosen. Auf dem Rathausplatz vor dem Hotel haben die Arbeitslosen bereits ihre Position im öffentlichen Raum eingenommen. Auch sie glücklich, dass jetzt die leichte Jahreszeit beginnt. Für uns ist es auch so. Leicht. Oder es wirkt so.  Der Dirndlladen gegenüber hat leider noch nicht auf. Schade, denn im Schaufenster hängen wirklich tolle Kleider. In einem könnte ich mir meine Frau sehr gut vorstellen. Keine Zeit für Wehmut.

Heute haben wir kaum Strecke zu überbrücken. Das ist super. Und alle wissen, dass wir schon früh in Augsburg eintreffen. Zeit für Mittagessen und entspannten Soundcheck. Ralf pflanzt mir kurz nach der Abfahrt ein kulinarisches Bedürfnis in den Kopf, das in seiner Dringlichkeit kaum zu überbieten ist: Schweinsbraten mit Knödeln und Krautsalat! Jaaaaa. Genau. Die Stimmung ist immer noch angeheizt von gestern. Nur müde sind wir alle. Aber selbst dafür ist heute Zeit. Kleiner Mittagsschlaf. Aber erstmal kommen wir an. Witzeln über unseren ungewollt perfekt getimten Auftritt mit dem Europa Tourbus. Die Augsburger gucken interessiert. Dürften jetzt gern Umschläge mit Spenden hereinreichen. Wir winken ihnen fröhlich entgegen. Wir für Europa. Ihr für uns! Das wäre unser Slogan dazu. So, jetzt nur schnell das Gepäck im Bahnhofshotel abwerfen und schnell zum Mittagessen. Es  zieht uns magisch ins Brauhaus. Direkt am Bahnhof. Beeindruckend. Bier des Jahres. Idyllische Terrasse direkt an den Gleisen. Tradition trifft Moderne. Flokatiteppich auf Holzbank. Schwein auf Knödel. Einheimischer auf Tourist. Als Schweinsbraten ist die Sau am Zenit ihrer Erfüllung. Sagt Gerhard Polt und recht hat er. Denn kurze Zeit später stehen nicht bloß winzige Gläschen mit unfassbar süffigem Bier vor uns, sondern auch die perfekte Sau. Inklusive Knackfleisch und Knödeln. Der Salat von Martin und Peter sieht ebenso gut aus. Selig schlendern wir zurück ins Hotel.  Hinlegen. Ruhen vor dem Auftritt. Das ist, was jetzt alle wollen. Ich auch.

Aber kurz nachdem ich mir die Decke über den Kopf ziehe, klingelt das Telefon. Idiot. Was lässt du auch das Handy an. Die Nummer kenne ich nicht. Hat aber öfter schon angerufen. Es ist eine Kollegin aus dem Theater. Ich kenne sie eigentlich nur flüchtig, aber ein Kollege hat ihr meine Nummer gegeben. Sie hat mein Buch gelesen. Und sie hat selbst eine Krise. Akut. Sie ist aufgeregt und besorgt. Akut depressiv. Sie war gerade bei ihrem Arzt, der ihr geraten hat, ihren Job in Österreich aufzugeben. Sie macht sich Sorgen, dass sie nie wieder eine Beschäftigung im Theater findet. Ich kann ihre Angst etwas abmildern. Schildere ihr, wie wenig  Theaterleute sich meine Eskapaden gemerkt haben. Es hat alles wenig Relevanz. Dafür ist das Theater auch viel zu flüchtig. Dem Moment verschrieben. Aber das kann man sich in so einer Situation nicht vorstellen. Alles wirkt zu bedrohlich. Für einen Moment kann ich ihr helfen. Sie bedankt sich und legt auf. Gleichzeitig klingelt das Telefon erneut. Barbara teilt mir mit, dass ich meine Bücher, die heute verkauft werden, nicht wie vor kurzem besprochen in der Buchhandlung abholen muss. Super. Dann hab ich tatsächlich noch Zeit. Die Jungs sind mit Julius im Tourbus zum Soundcheck vorgefahren. Ich fahre später mit dem Regionalzug.

Wir spielen etwas außerhalb. Die psychiatrische Klinik liegt mitten in einem vorstädtischen Wohngebiet. Vom Bahnhof ist es noch eine Viertelstunde. Ich irre mit meinem Navigator, den ich immer noch nicht fehlerfrei bedienen kann, durch die kleinen Straßen und wundere mich etwas, dass nirgendwo gegrillt wird. Ist doch Sommer auf einmal. Das Klinikgelände ist weitläufig und ich bekomme leichte Beklemmungen. Da ich ja nie lange in der Psychiatrie war, ist mein Verhältnis immer noch gespalten. Ich hab immer noch Respekt davor. Der Angang zögerlich.

Wir spielen in einer riesigen Turnhalle und es riecht nach Krankenhausreinigern. Aber auch hier haben sich alle helfenden Hände  voll ins Zeug gelegt. Die Verpflegung lässt keine Wünsche offen. Es ist voll. Das sah anfangs gar nicht danach aus. Die Stimmung ist konzentriert. Man spürt, dass für die Meisten das Thema gerade akut ist. Betroffene, Angehörige und Profis. Alle lauschen gespannt der Einführung von Prof. Schmauß. Dann geht es richtig los. Marco hat es auch hier wieder geschafft die Bühne ins rechte Licht zu setzen. Wunderbar. Und mit Ralfs ersten Akkorden ist die Stimmung des Abends gesetzt. Es ist ein Geschenk, das immer größer wird. Peter kommt dazu. Das Klanggebäude wächst.

Ralf Illenberger (links), Peter Autschbach

Darauf darf ich dann auftreten und lesen. Ich habe mich im Zug dazu entschieden, mal eine ganz andere Passage vorzutragen. Dort weiterzumachen, wo ich in Würzburg aufgehört habe. Ich bin nervös und mache gefühlt hundert Fehler. Die Stimmung ist ruhig, aber gespannt. Die Passage ist nicht so lustig, wie gestern. Irgendwie fehlen mir die Lacher jetzt doch. In der Pause signiere ich am Büchertisch und bekomme unglaublich positive Rückmeldungen. Viele Betroffene, die sich erkannt haben und ich bin glücklich.

Dann kommt der zweite Teil und die Zuhörer saugen die Musik noch mehr auf. Martins Stimme gleitet wie ein Surfer auf den Soundwellen die Peter, Ralf und er selbst mit einer Beiläufigkeit aus den Gitarren kitzeln, die mich staunen lässt. Joe Striebel, der Peter und Martin wunderschöne Gitarren auf den Leib geschneidert hat, ist auch da und nach dem Konzert genau so beglückt wie alle anderen. Toller Applaus und nun dichtes Gedränge am CD Tisch. Peter und Martin signieren. Die Leute strahlen, während Marco, Ritsch und Julius schon alles einpacken.

Augsburg backstage

Aber inmitten der Harmonie und Freude passiert jetzt doch noch ein typischer Rock'n Roll Moment. Die Musiker streiten sich über den Sound. Klar. Über was sonst. Es ist ein alter Streit, den jeder kennt, der schon mal mit Berufsmusikern unterwegs war. Es geht um die Frage der Lautstärke. Wie laut darf ich sein. Passt auch wieder zu unserem Thema. Wie viel Verrücktheit, wie viel Abweichen von der ausgehandelten Norm verträgt mein Umfeld. Es wird angeregt diskutiert, aber immer wieder unterbrochen durch dankbares Händeschütteln. Erwin Lenk von der Selbsthilfegruppe nimmt uns netterweise mit in die Stadt. Die anderen wollen noch ein letztes Glas nehmen. Ich ticke mich ab. Heute ohne mich. Im Fernsehen sehe ich noch einen Augenblick eine sehr schöne Reportage eines jungen Amerikaners über Bier. Und während er Brauereien, Hopfenbauern und Bierköniginnen besucht, denke ich an nichts mehr.

Tag 4     Essen

Heute geht’s früh los. Das Wetter steht schon wieder gigantisch gut gelaunt vor der Tür. Die Stimmung heiter bis müde. Ralf und Peter wechseln sich auf der Komfortmatratze im Heck ab. Ich darf heute mal auf dem Bürostuhl am Tisch sitzen. Weil ich schreiben muss. Die Eindrücke müssen raus. Habe manchmal das Gefühl überzulaufen vor Bildern und Stimmungen. Nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Aber drängend. Wie eine Milchkuh morgens um vier. Hoffentlich schmeckt's.

Ich stöpsel mich mit meinem Kopfhörer in meinen Arbeitskanal. So kann ich überall arbeiten. Mit meiner Musik. Es läuft gut und ich brauche gar nicht lang und dann rochiere ich aufs Bänkchen (gelbe Fließdecke passend zum Europablau des Busses) Martin zeigt mir Fotos die er in den letzten Tagen gemacht hat. Hilfreich für die Realisierung dessen, was hier gerade passiert. Kleine Entschleunigung. Wie unser Reisetempo. Moderat. Von Ort zu Ort.

Julius haut mal wieder einen Klopper raus. Wer 8 Stunden am Tag arbeitet, hat gar keine Zeit Geld zu verdienen. Peter schreibt es seiner Freundin und die antwortet ebenso schlagfertig: Hm, da muss ich erstmal drüber nachdenken. Aber dazu hab ich ja keine Zeit - muss ja arbeiten!

Martin ist sehr glücklich. Er sagt, er ernte die Früchte seiner Arbeit der vergangenen Monate. Das ist ihm deutlich anzumerken und ich bin froh und dankbar, das miterleben zu dürfen. Im Rausch der Freundschaft und Verbrüderung zeigt er mir später sein Buch. Das blaue Buch. Sein Leben. Seine Geschichte. Ab dem Beginn seiner Erkrankung. Die erste Platte. Die ersten Symptome. Ich lese gierig und kann nur durch den unzuverlässigen Akku gestoppt werden. Ich bin platt. Und fasziniert. Es ist, als ob es mir selbst passiert wäre. Als ob er ein von mir vergessenes Leben erinnerte. So nah sind mir seine Empfindungen. So vertraut seine Bilder. Was für ein Geschenk. Magische Begegnungen.

Wir brauchen wirklich lang und kommen gegen sechs in Essen an. Ich bin ziemlich aufgeregt, denn als ich das letzte Mal hier war, bin ich hoch depressiv von hier geflohen. Bin vier Tage vor der Premiere still und traurig abgereist. Im Bus habe ich lange mit mir gerungen, ob ich die Episode aus dem Buch heute vorlesen soll. Hab ich noch nie öffentlich gemacht. Traue ich mich das? Das ist wirklich sehr pur, sehr nah. Da gibt's keine Lacher. Das Lighthouse, wo wir spielen dürfen ist der Hammer. Eine umgewidmete ehemalige evangelische Kirche. Wunderschön saniert. Modernisiert. Hier treffen Glas, Stein und Holz auf harmonische Art zusammen. Der Raum hat Seele. Und wieder haben Marco und Ritsch ganze Arbeit geleistet. Es klingt und leuchtet wie auf einem richtigen Konzert. Kein Platz für Amateure.

Marco
Ritsch

Die Jungs sind super drauf. Das Publikum auch. Meine Freundin Ursel ist gekommen. Das stärkt mich. Aber nichts könnte mir so einen wundervoll roten Teppich ausrollen, wie die Musik der drei Soundartisten. Wie soll ich eigentlich jemals ohne die Vorlesen gehen können? Wird schwer. Bisschen zittrig setze ich mich ins Scheinwerferlicht und beginne zu lesen. Es schwingt in mir. Mach di auf und lasses laufe. Hat Ralf eben noch zu mir gesagt. Mach ich. Und es läuft. So wie noch nie. Sehr glücklich und erleichtert darf ich in der Pause meine Bücher signieren und kassiere viel Lob und Anerkennung, die mich sehr freut.

Dann steht plötzlich ein riesiger Mann vor mir. Es ist der Vater eines Künstlers dessen Bilder während der Veranstaltung auf eine Leinwand projiziert werden. Sein Sohn hat es leider nicht geschafft. Er hat sich das Leben genommen. Er war 27. So alt war ich während meiner letzten Phase auch. Ich soll ihm eine Widmung auf einen Ausstellungskatalog seines Sohnes schreiben, was ich gerne mache. Wir sehen uns lang und wissend in die Augen. Er hat Tränen in den Augen und drückt mir fest die Hand. Ich muss schlucken und bin froh. Dass ich es geschafft habe. Dass ich so viel Glück hatte. Demütig schleiche ich mich in den Aufenthaltsraum und lausche den Jungs, die auch aufgemacht haben. Aber so was von. Hinterher sind alle glücklich und hungrig. Die kompetente und hilfsbereite Sinja vom Aktionsbündnis gegen Depression organisiert uns noch ein Lokal auf der Rüttenscheiderstraße, das uns tatsächlich noch bekocht. Roastbeef mit Bratkartoffeln. Gab's immer bei der Oma und füllt den Akku auf adäquate Weise wieder auf. Das Bergfest lassen wir dann noch bis spät in Martins Zimmer ausklingen. Aber das geht schon. Morgen können wir ausschlafen. So. Bin mit Essen im Reinen. Auf ins Rheinland.

Prof. Dr. Martin Schäfer, Direktor der Klinik für Psychiatrie Essen-Mitte und 1. Vorsitzender der DGBS, bei seiner Conference der Essener Veranstaltung

Tag 5   Bonn

Nach dem super Abend verpasse ich natürlich das Frühstück. Ist aber egal. Es gibt noch kleine Laugencroissants mit Kräuterbutter, die ich mir nie ausgesucht hätte, meinen Elektrolyte-Haushalt aber ganz weit nach vorne bringen. Da steigt die Laune schon wieder.

Wetter steht wie 'ne Eins. Denke ich schon gar nicht mehr drüber nach. Bleibt. Klar und heiß. Aber es liegt etwas in der Luft. Abends soll es regnen. Julius wartet vor dem Hotel. Alle da. Bis auf......


10 Minuten, ruft es zu uns. Das ist Martins Stimme aus dem Hotelzimmer im fünften Stock. Wie hat der denn die Fenster ganz aufgekriegt? Muss man sich aufschließen lassen sagt er mir später. Heute ist besonders angenehm, dass die Fahrt so kurz ist. Alles sehr entspannt. Bonn empfängt uns mit provinzhauptstädtischer Selbstverständlichkeit. Die alte BRD. Ich frage mich, worin sie besteht. Aufgeräumtheit? Hier dominiert noch der Mittelstand. Es scheint ihm gut zu gehen. Hier am Rhein.

Wir kommen um halb zwei an und ich setze mich sofort an den Schreibtisch, um die Eindrücke aus Essen zu verarbeiten. Das Schreiben ist richtig wohltuend. Als ich den Computer nach einer Stunde wieder zuklappe, klingelt mein Telefon. Ich werde abgeholt. Von meiner Kindergartenfreundin Inga, die in Köln wohnt. Ich freue mich sehr, sie zu sehen und vor allem darüber, dass ich den Nachmittag mit ihr und ihrer Tochter verbringen darf. Familienanschluss sozusagen. Ich habe mehrere tote Punkte, als ich in ihrem Wohnzimmer sitze und dem kleinen Mädchen beim Puzzeln zusehe. Es kommt mir sehr vertraut vor und doch kann ich mich in diesem Moment nicht mehr daran erinnern, wie meine Kinder mit Zwei waren. Ist auch nicht schlimm. Aber ich vermisse sie. 



Jetzt sind es nur noch drei Gigs. Alle werden besonders spannend. Morgen in Stuttgart wird's ein Heimspiel für die Jungs. In Berlin wollen von uns allen viele Leute kommen und in Hamburg. Ja, in Hamburg is eh klar. Drei zwei eins. Meins. Aber das ist noch gar nicht dran. Martin ruft mich an und im Hintergrund höre ich Ralf und Peter. Meine Jungs. Wir sind so eng beieinander, dass ich die plötzlich, obwohl wir gerade mal zwei Stunden getrennt sind, bereits vermisse. Komm Inga, lass mal fahren.

Auf dem Weg von Köln nach Bonn regnet es. Herrlicher Sommerregen. Und als wir später über das weitläufige Klinikanwesen spazieren, um den Veranstaltungssaal zu suchen, steht auf einmal Ralf auf einer Wiese und raucht. Ganz entspannt lässt er die warmen Tropfen auf sich regnen. Er genießt es sichtlich. Der Saal ist wieder ganz besonders. Ein wenig verwunschen. Groß. Klassizistische Bauart. Kronleuchter. Stuck und ein Holzboden, der schon lange keine pflegenden Substanzen in sich aufnehmen durfte. Das Licht von Marco sieht wieder anders aus. Schon wieder großartig. Der von Ritsch gestellte Ton ist vielleicht ein bisschen flüchtiger als gestern. Was dem Raum entspricht. Flüchtiger Ort. 


Inga erzählt mir,  dass  sich in Köln und Bonn Sittiche angesiedelt haben. An den prallen, saftig grünen Bäumen der Parkanlage sieht man an den Kronen kahl gerupfte Stellen. Da hocken die Sittiche. Sie sind wohl einstmals aus dem Zoo ausgebrochen. Und jetzt sitzen sie hier im Klinikpark. Das passt doch. Haben sich freiwillig hierher begeben. Ich würde mich hier auch freiwillig her begeben. Wirklich ein tröstender Ort. Im Gegensatz zu den übrigen Locations hat sich hier leider niemand gefunden, der uns ein Catering beschert. Julius füllt das Versorgungsvakuum und hat Obst und Wein besorgt.

Kurz bevor es losgeht kommt mein Freund Sathyan. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Er ist extra aus Bremen angereist, um mich auf der Bühne zu sehen. Eigentlich wollen wir hinterher im Hotel zusammen feiern, aber ich bin heute einfach zu müde. Er allerdings auch. So löst sich auch hier wieder ein Problemchen in Luft auf und der Abend kann losgehen. 


Irgendwie werden die Einführungen der Professoren immer kürzer. Herr Hornung beschränkt sich auf eine erweiterte Vorstellung und dann legt Ralf auch schon los. Jeden Abend wieder der Hammer.  Er gibt das Niveau vor. Die Fallhöhe, von der bisher noch keiner von uns geplumpst ist. 


Ich entscheide mich wieder für eine Passage, die ich vorher noch nicht öffentlich  gelesen habe. Ich muss mich wirklich stark konzentrieren, alle Aufmerksamkeit liegt auf dem Zusammenspiel der Worte, der Geschwindigkeit und der Worte. Manchmal verhasple ich mich. Verspreche mich. Muss einzelne Worte wiederholen. Mich nervt das. Es fließt nicht so stark wie gestern. Aber es fließt. Plätschert.

Sebastian Schlösser

 

In der Pause stehe ich mit Inga und Sathyan vor der Tür. Es regnet immer noch in Strömen. Weil wir beschlossen haben, dass wir beide früh ins Bett gehen dürfen, genießen wir unsere Freundschaft während der zweiten Halbzeit vor der Tür. Wir quatschen gar nicht die ganze Zeit. Oft schweigen wir auch und lauschen dem Sound der Gitarren, die durch das Rauschen des Regens noch eine besonders schöne Komponente dazu gewinnt. Ich bin selig. Über meine Freunde. Die alten und die neuen. Mein Leben. Das vergangene und das zukünftige. Aber vor allem das Jetzt. Jetzt ist jetzt und jetzt ist alles. Und jetzt ist Abbau. Weisch. 

Tag 6 Stuttgart.....

....ist der Hammer. So viel muss ich vorwegnehmen. Heimspiel für Kolbe/Illenberger und Autschbach.

Trotz des Regens immer noch warm. Aber der Regen hat den Druck aus der Atmosphäre gespült, und auch bei uns ist der Druck nach dem Bergfest abgeflaut. Wir haben schon viel geschafft. Viel gegeben. Viel bekommen, aber heute sind die Batterien leer. Ressourcen erschöpft. 


Die Reise ist nun final zur post adoleszenten Klassenreise gereift. Auf einer futuristischen Raststätte, die aussieht wie aus einem Stanley Kubrick Film, erfreut uns Peter mit dem Kauf einer BRAVO und wir schreiten sofort zur kollektiven Blattkritik. Wir bemängeln vor allem die anbiedernde Strategie der Zeitschrift, sich dem Zielpublikum durch gehighlightete Jugendjargonauswürfe anzubiedern. Flirt. Krass. Hot. Bin ich geil.

Apropos. Wo sich einst das Dr. Sommer Team um schonungslos schamfreie Aufklärung bemühte, geht es heute bloß noch um die Frage, ob die Eltern der Freundin einen mögen oder nicht. 


So wird das nichts mit dem 21. Jahrhundert. 


Was sonst alles nicht geht, bespreche ich anschließend mit Julius. Er ist total in Fahrt und schlägt großzügig eine tägliche Sprechstunde bei ihm von viertel vor Zwölf bis Zwölf vor um die Probleme der Welt zu lösen. Das kenne ich von meinem Onkel Claus. Mit dem kann man auch prima die Welt retten. Praktische Ideen entwickeln. Engagiert um Politik, Wirtschaft und Gesellschaft streiten. Herrlich.

Die Jungs checken Fotos und Nachrichten. Die Vorbestellungen für Stuttgart sind super. Klar. Hier kommen Martin und Ralf her. Familie, Freunde und alte treue Fans haben sich angekündigt. Die Stimmung freudig erwartungsvoll. Mehr Musikpublikum.

Ich frage mich kurzzeitig, wie ich meine Sandwichrolle, zwischen den beiden Musikblöcken, gestalten soll. Ob es reicht. Ist schon ein sehr hohes Niveau, auf dem sich die Herren bewegen. Sowohl künstlerisch als auch energetisch. Aber die Energie stimmt. Daran mangelt es nicht. Aber eben nicht manisch. Mindestens einmal am Tag schaue ich Martin tief in die Augen. Fasse ihn am Arm und vergewissere mich, dass er nicht abhebt. Dass ich nicht abhebe. Tut er nicht. Tun wir nicht. Trotz weniger Schlaf sind wir geerdet. Eingebunden. Froh und glücklich, dieses Erlebnis teilen zu können. Und vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis unserer Magical Bipolar Tour. Die Gemeinschaft. Hier fällt keiner aus dem Rahmen. Jeder nimmt sich zurück. Sieht den anderen. Wertschätzend. Und am Abend verschenken wir uns. Und bekommen so viel zurück. 


Der Stuttgarter Bahnhof ist monströs. Aufgeladen. Provokant. Offen, wie eine gigantische Wunde aus Sand. In Intercityhotels kennen wir uns mittlerweile bestens aus. Das einchecken und Zimmer in Beschlag nehmen dauert nicht mehr lang. Nur mit den Zimmernummern komme ich durcheinander. Gestern Abend war ich mir total sicher, dass ich im vierten Stock wohne und habe auf der Suche nach meinem Zimmer die halbe Etage geweckt.

Wir fahren mit dem Taxi den Hügel vom Bahnhof hoch und treffen kurze Zeit später im Theaterhaus Stuttgart ein. Toll. Für mich ist es also auch ein Heimspiel. Die Atmosphäre in den minimalistischen Waschbetongebäuden ist mir mehr als vertraut. Erst recht als wir den Bühnenraum betreten auf dem schon eine von Marcos tollen Lichtstimmungen auf uns wartet. Seitenbühne. Schwarzgestrichener Beton. Garderobenspiegel auf der Hinternbühne. Der Duft von warm gehaltenem Filterkaffee. Applausordnungen an der Wand.

Driss und Benita, dann der Rest einmal Bühnenmitte. Zwei Schritte nach vorn, verbeugen und ab. Aber soweit sind wir noch nicht. 


Soundcheck geht mittlerweile brutal schnell, wie man hier sagt. Essen auch. Bei mir zumindest. Wie ein Löwe atme ich noch ein Käsebrötchen ein. Die Stimmung ist toll. Es ist wirklich voll. Das ganze Areal ist bevölkert und belebt. Die Menschen sehen wieder Großstädtischer aus irgendwie. Bildungsbürgerlicher. Vertraut halt. 


Der Gig beginnt mit einer launigen frei vorgetragenen Rede von Professor Bürgy. Er ist der erste auf der Tour, der auch schon Lacher einfährt. Wow. Das wird toll. Ralf geht raus und die Leute jubeln schon vor dem ersten Akkord. Der Sound bläst einen noch auf der Seitenbühne um. Lass laufe. Aber hallo.

Ralf Illenberger

Gestern musste ich mich so konzentrieren. Heute geht es wie von selbst. Ich bekomme sogar Szenenapplaus. Das habe ich auch noch nicht erlebt. Es bringt einfach nur Spaß. Ich gehe von der Bühne und darf mich für einen Moment fühlen wie ein Rockstar. Danke Stuttgart. 


Ritsch und Martin nehmen mich auf der Seitenbühne in Empfang. Sie haben mir zugehört. Wir liegen uns in den Armen. 


Mit Ritsch verbringe ich wie in Essen die Pause und wir führen unser Gespräch über Bands, Filme und Bücher von dort fort. Eine Schwärmerei. Schwelgen in Bewunderung.


Fast verpassen wir den schönsten Teil. Die Energie der fantastischen Drei ist unbeschreiblich. Der Saal feiert seine Helden. Und wie. Nun stehe ich mit Ritsch auf der Seitenbühne und bin geflasht. Und dann fällt mir ein, was ich hier bin. Welche Rolle ich spiele zwischen diesen drei großen Musikern. Ich bin der Chronist. Und damit richtig zufrieden. 


Martin Kolbe

 

Unter freiem Himmel genießen wir die angebrochene Nacht. Matthias ist aus Zürich gekommen. Er hat die Geburtsstunde der Tour mitbekommen. Der verzauberte Abend in Zürich in der Predigerkirche, der zur Matrize für die Tour geworden ist. Matthias ist von uns angesteckt wie eine Fackel. Er sagt er fliege wie ein Jet und könne die Höhen selber bestimmen. Oder ertragen. Denn er fliegt. Auch wenn man tief fliegt. Das wünsche ich mir auch. In der Pause hat mir ein Arzt kurz Angst gemacht am Bücherstand. Hat ohne zu zwinkern auf mich eingeredet. Von den Nieren schädigenden Langzeitwirkungen des Lithiums. 


Aber auch das kann die unheimliche Energie dieses Abends nicht zerstören. Das letzte, was ich sehr früh am Morgen sehe, sind zwei Kinder, die sich aufgeregt Dinge erzählen. Zwei Freunde fürs Leben. Zwei, die sich gefunden haben. Da passt kein Blatt dazwischen. Martin und Ralf. 


So sieht das Glück aus.

Tag 7  Berlin

Das war also der erste Teil der Heimspiel-Trilogie. Denn auch in Berlin erwarten uns wieder viele liebe Freunde. Gestern waren es vor allem musikalische. Heute werden es wahrscheinlich wieder mehr medizinische sein. Meisenfreunde. Profis aus dem trialogischen Kosmos.

Aber daran kann ich morgens im engen Frühstücksraum des Intercityhotels noch gar nicht denken. Wurst und Speck denkt es und mampft. Gierig.

Gestern Abend zu wenig gegessen. Dann aber mal. Wird 'ne lange Fahrt. Heute steht unser Mammuttrip bevor. Wir haben alle keine große Lust und scheuen uns ein wenig. Verzögern die Abfahrt doch noch um eine halbe Stunde. Halb vertrödelt, halb aufgehalten.


Das Hotel liegt im Stuttgarter Bahnhof und ist deshalb Sicherheitsstufe 1. Hat uns gestern beim Einschecken ein schnittiger junger Portier erklärt. Deshalb mussten wir uns hier alle ausweisen. Das erste Mal. Sonst reicht die Adresse, und eine Unterschrift. Peter wird genötigt, zurück durch den ganzen Bahnhof zu laufen, weil Julius mit dem Hymermobil nicht dichter an das Hotel rankommt.  


Nützt alles nichts. Jetzt zuckeln wir los. Müde. Sehr müde dösen wir jeder für sich in seiner Ecke durch die Hügel und Weiten. Am Zustand der Autobahn und des damit verbundenen Geräuschpegels merken wir, dass wir im Osten sind. Wir sprechen weniger miteinander. Alle noch erfüllt und satt von gestern. Habe aber trotzdem existenzielle Lust auf Currywurst mit Pommes. Ich fühle mich sogar richtig gerettet davon und kann das erste Mal im Wagen, zusammengefaltet auf der kleinen Bank für ein paar Minuten schlafen.

Ansonsten ist es eine Geduldsprüfung sondergleichen. Demut. Vorne, auf dem Stammplatz starre ich stundenlang stupide geradeaus. Ab und an reicht mir Martin sein Telefon und gibt mir die neusten Gästebucheintragungen zu lesen.

Davon bin einfach überwältigt. Wir bekommen so ausführliches und von Herzen kommendes Lob, dass es mir schwer fällt, diese glückselige Wechselwirkung zu beschreiben. Immer wieder denke ich, wie gut das ist, was wir hier tun. Wie richtig. Und wie toll sich alles gefügt hat. So sein sollte.

Ein wenig blutet mir auch das Herz. Ein wenig Wehmut nistet sich ein. Das bleibt nicht aus, wenn man so eng und intensiv aufeinander hockt und mit Zuneigung und Anerkennung überschüttet wird.


Aber es ist auch gut. Es zieht mich auch förmlich nach Berlin. Dort wird mich meine Frau in Empfang nehmen. Das beruhigt mich. Irgendwie ist eh bereits die Zeit der Frauen angebrochen. Gestern bei Marco, der von seiner Frau abgeholt worden ist und heute leider fehlt, weil er eine andere Veranstaltung macht. Und in Kürze wird auch Peters Freundin zu uns in den Tourbus steigen und uns auf dem Rest der Fahrt von Halle nach Berlin begleiten. Peter ist aufgeregt und sehnsüchtig und es ist ihm anzusehen, dass er die Minuten zählt, bis sie sich glücklich in die Arme fallen. Tun sie auch und wir anderen Frauen-und Partnerlosen, freuen uns mit und wünschen uns genau dasselbe.

Meine Tochter würde jetzt sagen: Auf die Schulter. Das vermisse ich jetzt am stärksten. Meine Familie. Nicht mehr lang.

Und dann sind wir endlich in Berlin und es ist so, wie man es sich vorstellt und erinnert. Dreckig an der alten Avus, modern, sauber und verglast am neuen Hauptbahnhof. Wir fahren direkt zur Passionskirche, die schon von weitem so raumgreifend und imposant diesem Viertel seine Erscheinung aufdrängt, dass es mir noch mehr die Sprache verschlägt. Julius hat es wiedermal schwer mit dem Parken, weil alles so wahnsinnig eng und nicht auf die Ausmaße seines Betriebsfahrzeugs ausgelegt ist. Ein dünner Mann jongliert zur gleichen Zeit einen riesigen Handwagen, voll bepackt mit gelben Stühlen.


Aber dann endlich darf ich meine Frau wieder im Arm halten. Ich fühle mich gerettet. Obwohl ich gar nicht in Gefahr war. Evakuiert, obwohl alles gut ist.

Der Raum ist der Wahnsinn und das Bipolaris Team um Uwe Wegener  hat wie so viele Helfer der anderen Selbsthilfegruppen bereits ganze Arbeit geleistet. Das Licht, das heute ja ausnahmsweise nicht von Marco kommt, verstärkt den feierlichen Grundeindruck. Viele Freunde versammeln sich und man hat eh das Gefühl, dass unter den DGBS-Mitgliedern ein sehr familiäres Verhältnis vorherrscht.

Heute sind wir fachlich doppelt besetzt. Prof. Bräunig soll den Abend moderieren, Dr. Thomas Stamm in die Krankheit einführen. Nach einiger Zeit stellt sich jedoch die Frage, ob nicht weniger mehr gewesen wäre, ob diese Expertise überhaupt notwendig ist. So sagt es mir Dr. Stamm auch in der Pause. Macht's doch ohne. Ihr braucht doch gar keine Ärzte. Ihr macht das so gut. Und es stimmt. Es sind jeweils so viele Profis und Halbprofis unterwegs. Die kennen das wirklich alles. So wird es etwas unruhig, als Prof. Bräuning nicht zum Ende findet und sich offensichtlich einen ganz anderen Zeitrahmen gesetzt hat. Kann passieren. Kurz war die Stimmung am kippen, aber wieder mal ist es die Musik von Ralf, Peter und Martin, die alle versöhnt. Aufgeregtheit beruhigt. 


Die Lesung bringt Spaß, auch wenn ich zugeben muss, dass auch ich die Stimmung im Saal dort oben schwer einschätzen kann. Gut ist sie. Merke ich beim Applaus und in der Pause im Gespräch mit strahlenden Gästen. Thomas Stamm hat seine gesamte Familie mitgebracht. Vier Kinder. 


Den zweiten Teil schaue ich mir neben ihm sitzend an. Während die drei oben ihre Musik aus den Instrumenten zaubern, muss ich immer seinen Sohn angucken. Man kann ihm ansehen, dass er die Musik mag. Ich frage mich; woher er sie kennt. Aber irgendwann überkommt auch ihn die Müdigkeit und er lässt sich in die Arme seines Vaters fallen. Martin spielt gerade Family - und das ist mein Gefühl für den Tag. Family.


Martin Kolbe mit Ralf Illenberger (links) und Peter Autschbach

Hinterher versuchen wir mit unserer kleinen Wanderfamilie ein Lokal zu finden, das noch bereit ist, uns kurz vor Mitternacht zu bekochen. Und jetzt die Sensation: Keine Chance. Da ist die Verwunderung groß. In Essen spielend noch ein Teller Roastbeef und hier alles dicht? In der Hauptstadt??? Eine weitsichtige Unterstützerin hat einen Tisch beim Italiener inklusive Antipasti bestellt. Danke dafür. Wieder mal Lebensrettend. Nach dem Auftritt immer Raubtierfütterung.

Wieder wird es spät. Aber das ist jetzt einfach unser Rhythmus.  Die Familie muss noch gemeinsam die Welt retten. Barbara und ihr Sohn warten im Hotel auf uns. 


Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh'n.

Tag 8   Hamburg

Wir stehen relativ früh auf. Noch einmal im riesigen Intercity Hotel am Berliner Hauptbahnhof das Frühstücksbüffet ablaufen. Die Handgriffe sitzen. Eine Woche lang einstudiert. Die anderen schlafen noch. Das ist gut, sonst werde ich doch noch wehmütig, nicht im Tourbus mitzufahren. Aber es ist eh besser so. Schließlich haben die drei Musiker noch etwas zu besprechen. Dinge, die sich über die Woche aufgestaut haben. Dinge, die durch die Tour ausgelöst worden sind. 


Nichts Schlimmes. Niemand ist rückfällig geworden. Weder Martin noch ich sind in eine Manie geraten.  Aber geflogen sind wir schon ein Stück weit. Das kann ich nicht anders sagen. Langsam tagsüber durch die Lande, und abends etwas schneller durch die Nacht.

Ich bin erschöpft. Und in unserem Familienauto, das meine tolle Frau lässig nach Hause lenkt, döse ich. Schlafe immer wieder kurz ein. Bilder der Reise vor den Augen. Vor allem meine Mitstreiter. 


Aber irgendetwas ist bereits verändert. Es ist Teil des Abschieds, der gestern begonnen hat. In Abschied bin ich nicht so gut. Weil ich normalerweise immer möchte, dass es weiter geht. Ich bin schon oft grußlos verschwunden, weil ich mir das melancholische Abschiedsritual ersparen wollte. Weil ich die Erinnerung auf dem Höhepunkt mitnehmen wollte. Ein ähnliches Gefühl habe ich jetzt auch.

Aber wir sehen uns ja gleich noch mal.

Doch vor allen anderen kehre ich heim in meine Stadt.

Und ohne Flachs. Schon am Horner Kreisel weht eine andere Luft in den Wagen. Irgendwie eine Nuance frischer. Da hat sich eine Brise Meeresluft eingeschlichen. Herrlich. Fühlt sich an wie ein Reinigungsprogramm. All die vertrauten Gebäude und Straßen passieren wir und mein Glückspegel steigt. Gleich darf ich auch endlich meine Kinder in die Arme schließen. Endlich.

Ich habe sie sehr vermisst.

Doch vorher schreibe ich im Büro meiner Frau den Eintrag über Berlin. Im Rhythmus bleiben. 

Aber nun. Ich läute an der Haustür und sie kommen mir bereits kreischend auf der Treppe entgegen gerannt. Springen mir in die Arme. Meine beiden Schätze. Der Sohn hat noch einen Freund da. Die Tochter möchte mit der Mutter Fahrrad fahren und so darf ich nochmals ausruhen vor dem letzten Gig.

Das Heimspiel fängt um sieben an. Ich soll um sechs da sein, hat Ritsch gesagt aber um kurz nach fünf halte ich es nicht mehr aus. Ich vermisse die Bande schon zu stark.

In der Uni ist es noch sehr entspannt. Die Bühne steht. Licht und Ton auch.

Der Hörsaal ist wieder eine ganz eigene Location. Ich habe hier Strafrecht I gehört. Damals im Jura Studium. Jetzt steht Prof. Dr. Thomas Bock auf dem Rednerpodest des Nebenhörsaals, in den die Garderobe hinein improvisiert ist.

Er ist heute unser Profi und er verdient den Namen in vielfacher Hinsicht. Er engagiert sich mit seinem Verein Irre Menschlich schon seit Jahren für einen Perspektivwechsel in der Psychiatrie. Für eine humanen Umgang mit Krisen. Für eine Normalisierung. Er hat Gemüsesuppe mit Einlage gekocht, Getränke und Obst bereitgestellt. Wir plaudern ein wenig, bis die Jungs zum Soundcheck eintreffen.


Sie haben sich während der Fahrt ausgesprochen und sind sehr gut drauf. Wir alle. Nicht euphorisch, da sich Melancholie und Erleichterung in die Aufgeregtheit mischt. Aber gut. Fast meine ganze Familie ist gekommen. Dazu noch gute Freunde und Bekannte. Irgendwie beruhigt mich ihre Anwesenheit.

Und als ich nach dem sensationellen Eröffnungsblock von Ralf und Peter unter tosendem Applaus die Bühne betrete, sitzt die Stimme und die Hände sind ruhig, wo sie sonst immer die ersten Seiten noch etwas zittern. Ich lese das Abschlusskapitel. Was sonst. Es ist der Abschluss unser Magical Bipolar Tour. Biopolar hat die unverstellte Deskmanagerin heute morgen gesagt. Auch schön.

Den zweiten Teil sitze ich andächtig und entspannt auf meinem harten Klappstuhl. Für einige war der vielleicht schon zu unbequem, für andere war es für sonntags vielleicht zu lang. Aber das spielt keine Rolle. Sind auch keine Scharen die jetzt fehlen. Und die, die da sind, sind richtig da und feiern Peter, Martin und Ralf. Der Sound ist eine Wucht und, wie die drei hinterher einstimmig sagen, perfekt.
 
Eine letzte große Umarmung auf der Bühne.
Unter uns.
Mit dem Publikum.
Eine letzte Zigarette mit Julius vor der Tür. Er fährt direkt nach Haus.
Ein letzter Abbau.
Ein letztes Beladen.
Ein letzter Umzug ins Aftershowlokal.
Heute muss es etwas besonderes sein.
Spargel, Tartar oder Austern?
Das haben wir uns verdient. Gönnen wir uns gemeinsam.
Der harte Kern.
Das letzte Glas Rotwein. Die vor- die fast- die allerletzte Zigarette. Noch eine schnelle Widmung und dann können auch wir es nicht mehr herauszögern:
Die letzte Umarmung.
Ein letzter Blick.
Aus.
Vorbei.
Schön war's -

Danke.

Fortsetzung folgt.
Bestimmt.

 

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