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Kinder bipolar erkrankter Eltern

Kinder bipolar erkrankter Eltern

Die Bipolare Störung eines Elternteils betrifft immer die gesamte Familie und verändert ihre Beziehungen untereinander. Während sich erwachsene Familienmitglieder entscheiden können, entweder zu bleiben und diese Krisen mit durchzustehen, oder zu gehen, wenn die eigene Belastung zu groß wird, haben Kinder oft keine Wahl. Damit sind sie zahlreichen Risiken, u.a. genetischen, familiensystemischen, biopsychosozialen oder aus den Umfeld- und gesellschaftlichen Bedingungen resultierenden, ausgesetzt, selbst zu erkranken.

Einige Risiken von Kindern bipolar erkrankter Eltern sind beeinflussbar. Kinder beobachten krankheitsbedingte Veränderungen als fremde, nur schwer verständliche Verhaltensweisen ihrer Eltern und können sie sich weder erklären noch einordnen. Oft interpretieren die Kinder diese als Reaktion auf ihr eigenes Verhalten. Sie vermuten, dass das Elternteil wütend, ärgerlich, reizbar oder zurückgezogen und traurig ist, weil sie als Kind etwas falsch gemacht haben. Das kann zu Ängsten, Schuldgefühlen und Desorientierungen führen. Die Kinder brauchen ein Krankheitswissen, ein Krankheitsverstehen sowie einen offenen und aktiven Umgang mit der Erkrankung in der Familie.

Eine frühzeitige und kontinuierliche Behandlung der bipolar erkrankten Eltern und ihre engagierte Auseinandersetzung damit hat einen direkten Einfluss auf ihre soziale Beeinträchtigung und die Übernahme von Erziehungsaufgaben. Damit kann gegen die Rollenumkehr (sog. Parentifizierung der Kinder) gesteuert werden. Mit einer aktiven Krankheitsverarbeitung und Kommunikation in der Familie kann dem Tabu über die elterliche Erkrankung und daraus mitunter resultierenden Loyalitätskonflikten der Kinder entgegengewirkt werden. Eltern können durch einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Bipolaren Störung die Ängste der Kinder, selbst zu erkranken oder dieser Erkrankung ohnmächtig ausgeliefert zu sein, als Vorbild relativieren.

Bipolar erkrankte Eltern sind allerdings häufiger alleinerziehend, arbeitslos und verfügen über ein geringes Einkommen. Diese Konstellation begünstigt die Weitergabe der Erkrankung an die Kinder. Mit frühzeitiger Vorsorge und einem verlässlichen sozialen Netz kann dieser jedoch entgegengearbeitet werden. In familiären Krisenzeiten können nicht erkrankte Familienmitglieder, Elternteile, Geschwister, andere Verwandte oder Freunde eine wichtige Ressource für die Kinder sein. Damit sind zeitweise Betreuungsdefizite in Krisen kein Grund für Scham oder Geheimhaltung, sondern können offen angesprochen und durch gegenüber den Eltern loyale Personen ausgeglichen werden. Die Angst vor der Inobhutnahme der Kinder durch das Jugendamt kann auf diese Weise gebannt werden. Der Zugang zu Versorgungsdiensten und  präventiven Versorgungsmöglichkeiten kann frühzeitig erkundet und folglich bei Bedarf genutzt werden.

Das genetische Risiko für Kinder eines bipolar erkrankten Elternteils an derselben Störung zu erkranken wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 10-20% diskutiert. Sind beide Elternteile betroffen, liegt das Erkrankungsrisiko sogar bei 50-60%. Diese Zahlen lösen bei einigen Bedenken aus, überhaupt Kinder zu bekommen. Neue Handlungsansätze wird die Epigenetik liefern.

Diese junge Wissenschaft der Epigenetik befasst sich mit der übergeordneten Steuerung von Genen. Epigenetische Prozesse vermitteln zwischen Umwelt und Genetik, in dem sie regulieren, wann und in welchem Umfang bestimmte Gene an- oder ausgeschaltet werden. Die Epigenetik wird in Zukunft neue Erkenntnisse im Verstehen der Weitergabe transgenerationaler Mechanismen bei psychischen Erkrankungen und dem Unterbrechen dieser Kreisläufe in diesen Familien herausfinden. Verbindungen in den Wirkmechanismen zwischen vulnerablen und resilienten Kindern bei ähnlichen Bedingungen versprechen neue Ansätze für Interventionen. Das Erforschen der Wechselwirkungen von Risiken mit Schutzfaktoren unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Umwelt wird das multifaktorielle Hilfesystem in diesem Bereich zur verändern.

In der klinischen Praxis wird bislang immer noch nicht regelhaft bei der Behandlung erwachsener Patient*innen mit psychischen Erkrankungen nach Kindern gefragt. Dies beschreibt ein zentrales "Identifikationsproblem“ bei den belasteten Kindern als Risikofaktor. Dem können bipolar erkrankte Eltern aktiv begegnen, indem sie ihre Kinder in der Klinik und auch bei niedergelassenen Psychiater*innen erwähnen.

Die Bipolare Störung des Elternteils bleibt bestehen, jedoch kann den psychosozialen Auswirkungen durch frühzeitige Inanspruchnahme von Hilfen in den Familien, im Freundeskreis und im professionellen Bereich entgegengewirkt werden.

Prävention für Kinder von Eltern mit einer Bipolaren Störung

Hilfreich ist es, dem Kind angemessen und dem Alter entsprechendanschauliche und bildhafteErklärungen, dabei eher einen dynamischenProzess als einen Status beschreibend eine Außenperspektive zu ermöglichen.

Erst wenn die Kinder über Erklärungen zu Verhaltensweisen und Reaktionen ihrer erkrankten Eltern verfügen, entsteht die Chance, dass sich ihre Sorgen und Ängste reduzieren. Wenn Hoffnung, Mut und positive Zukunftserwartungen vermittelt werden können, lernen die Kinder verstehen. Sie können dann Handlungsspielräume und Perspektiven für sich selbst erkennen. Sie erfahren so wichtige Gefühle der Beeinflussbarkeit, Kontrolle und Selbstwirksamkeit sowie sich zugehörig zu fühlen.

Oft besteht Unsicherheit bei den Eltern über das Ausmaß und die Form der Aufklärung für ihre Kinder. Die günstigste Variante ist das offene Gespräch von Eltern, Therapeut*in und/oder anderen professionellen Helfenden mit den Kindern. Mit Schulkindern sollten Möglichkeiten zum Umgang mit stigmatisierenden Verhaltensweisen anderer erarbeitet werden. Sie kann bestenfalls in Dialogform über die elterliche Erkrankung in der Familie fortgesetzt werden. Damit kann Sicherheit im Gespräch über die Erkrankung der Eltern von beiden Seiten wachsen.

Hilfreich können auch (Bilder-)Bücher sein, um den Kindern altersentsprechend die Erkrankung nahe zu bringen. Sie finden Beispiele dazu unter „Literatur“.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass die Eltern an ihre Kinder einen Notfallbrief in stabilen Zeiten schreiben, um die Belastung im Notfall, d.h. in der Krise, zu mildern und dem Kind beizustehen. Eine Nähe zum Krisenplan der Eltern ist dabei beabsichtigt.

So reflektieren die Eltern ihre Erkrankung in Bezug auf ihre Kinder, aus deren Perspektive sowie mit ihren Kindern gemeinsam.

Nach Abklingen von Krankheitssymptomen fällt es eventuell leichter, über das von ihrem Kind miterlebte und wahrgenommene Verhalten zu sprechen.

Sich selbst zurückzunehmen und die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen, fordert von den Eltern Einfühlung und in der Konsequenz einen schwierigen, und so wichtigen, Perspektivwechsel.

Dieses Modell der SIT wurde 1994-1999 im Kinderheim Haus Buckow in Berlin Neukölln der stationären Jugendhilfe entwickelt. Ganze Familien wurden dort stationär aufgenommen.

Eltern verfügen über Erziehungskompetenzen, welche auf dem Weg der Verantwortungsübernahme reaktiviert werden. Dabei wurden Veränderungsprozesse der Kinder mit den Eltern, also im Familiensystem, als auch gemeinsam mit den anderen Familien und den Fachkräften beschritten. Raum für Selbsthilfe durch Elternkooperation wurde gegeben und über den Aufenthalt für diese SIT hinaus gefördert.

Die daraus entwickelten SIT-Arbeitsformen werden heute häufiger ambulant als stationär von den Jugendämtern eingesetzt und münden in eine Form der Hilfe zur Selbsthilfe.

Interventionsstrategien (entwickelt von S. Schreiber)

Zielgruppe Zielsystem

Interventionszweck/

Ansatz

Interventionsstrategie

Kinder

 

Ressourcenaktivierung

& Resilienzstärkung

 

 

 

 

Information

Erklärung

Verstehen

Psychoedukation zu Ursachen, Erscheinungsbilder der elterlichen Erkrankung, Risiken für Kinder

Innerfamiliäre Entlastungen

Andere Bezugsperson

Training in Stressbewältigung, Kommunikation;

Einrichtung eines familienexternen Betreuungssystems (Familienhilfen/Patenschaften/Miteltern)

Umgang mit Gefühlen

Ausleben/Abbau von Ängsten/Schuldgefühlen, Aufbau positiven Selbstwerterlebens (z. B. erlebnispädagogische Maßnahmen; Gruppenarbeit)

familienexterne Kontakte

Selbstwirksamkeit

erlebnispädagogische Projekte; schulische Unterstützungen, Freizeitvereine; Kontakte zu anderen Kindern in ähnlicher Lage - Hilfe zur Selbsthilfe

  • zur familiären Dezentrierung
  • für größere Autonomie der Kinder
 

Gruppenarbeit

„Ich bin wichtig“

Selbstwert

Kombination aus Psychoedukation, Entlastung auch außerfamiliär, Krisenplan erarbeiten, Gefühle wahrnehmen, differenzieren lernen zwischen Kind-sein und Überforderung, Freude am Gruppenleben

Hinweis auf psychische Störung beim Kind

Therapie

Hometreatment

Therapeutische Maßnahmen (Einzel/Gruppe)

Hometreatment der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Eltern

 

Behandlung

Therapie, Frühintervention, Rückfallprophylaxe bei den Eltern mit Einbezug der Kinder als Angehörige, Eigenverantwortung Eltern dafür entwickeln,

Krisenvorsorge, -pass, Notfallbriefe

Verstehen / Akzeptanz eigener Erkrankung

Psychoedukation

Elterliche Kompetenzen stärken

Eltern-Kind-Kommunikation stärken

Information über Bedürfnisse des Kindes fördern

Kompetenzen der Erziehungsfertigkeit verbessern

Reduktion von Partnerschaftskonflikten

Selbstvertrauen als Eltern, ihren Stolz auf die Kinder (wieder) zu entdecken, Bindung stärken

Familiensystem

 

Kinder im Mittelpunkt

Familiäre Kommunikation

Erziehungsfertigkeiten als Basis für Kommunikation über psychische Erkrankung der Eltern erleichtern / anregen (Offener Dialog)

Resilienz der Familie und der einzelnen Familienmitglieder stärken

Kombination aus Therapie, Rehabilitation und präventiver Unterstützung

Kinder ermutigen, eigene Gefühle zu benennen und auszudrücken, Ängste der Kinder ansprechen

Kinder erleben Eltern positiver mit hilfreicheren Reaktionen (Erlebnispädagogik)

Ermutigung zu aktiverem Freizeitverhalten

Sicheres und stabiles Wohnumfeld

Reduktion von Umgebungsstressoren

Entlastungen, Erleben von Gemeinsamkeiten, Vernetzungen fördern

Sensitivität zu Stigmatisierung / Vorurteilen gegenüber Eltern mit psychischen Störungen und ihren Kindern sowie gegenüber elterlichen Ängsten um das Sorgerecht entwickeln

Aufbau sozialer Beziehungen

Wege aus sozialer Isolation; Setzen erreichbarer Ziele; Anregen der Außenorientierung, Erschließung des Sozialraums; Erleben von verlässlichen Beziehungen zu nichtbetroffenen Erwachsenen, Aufbau freundschaftlicher Beziehungen

Multifamiliencoaching

Kombiniert Multifamilienarbeit mit Elementen der kreativen Kindertherapie und Gruppentherapie, multiprofessionell zusammengesetztes Team –„Kidstime“ mit psychisch erkrankten Eltern und ihren Kindern

Gruppen- und Systemarbeit im Familiensystem

SIT – Triangel lernende Systeme

  • Hilfe zur Selbsthilfe
  • Haltung der Fachkräfte hinterfragen
 

Strukturell

Strukturelle Maßnahmen zur Stabilisierung der Situation der betroffenen Familie

Aufnahme der (Klein)Kinder in die Behandlungseinrichtungen der Eltern; Qualifizierung behandelnder Teams im Umgang mit der familiären Problematik; Vernetzung aller beteiligter Einrichtungen (auch Schulen)

Sorgen Sie dafür, dass das Kind einen „gesunden Rahmen“ hat, in den es sich zurückziehen kann. Eine tolle Möglichkeit sind auch die mittlerweile vor allem in den größeren Städten verbreiteten Projekte für Kinder psychisch kranker Eltern, z.B. spezielle Kindergruppen (z.B. AURYN-Gruppen). Recherchieren Sie, was es bei Ihnen vor Ort gibt. Dabei kann auch der lokale Sozialpsychiatrische Dienst eine hilfrieche Informationsquelle sein.

Und nicht zuletzt gilt auch hier ein einfacher Grundsatz: wenn es dem erkrankten Elternteil dank der richtigen und kontinuierlichen Behandlung gut geht, geht es auch dem Kind gut.

"Und wenn ich noch über einen Kinderwunsch nachdenke? Kann ich das mit einer Bipolaren Störung wagen und werde ich die Erziehungsaufgaben bewältigen können?"

Diese Frage stellen sich Mütter mit Bipolaren Störungen oder mit einem Partner, der Bipolare Störungen hat. Bei bekannter Diagnose sollte möglichst schon vor der Entscheidung für eine Schwangerschaft ein Gespräch mit einem Facharzt/einer Fachärztin gesucht werden. Denn besprochen werden sollte beispielsweise, wie mit der Medikamenteneinnahme zu verfahren ist, um das Risiko für eine Krankheitsphase zu verringern und das Ungeborene vor einer Entwicklungsbeeinträchtigung zu schützen. Im Idealfall arbeiten Psychiater*in und Gynäkolog*in eng zusammen.

Auch sollte man überlegen, ob für Krisenzeiten Verwandte und/oder Freunde zur Unterstützung bereit sind oder wie und wo man sich Hilfe organisieren kann.

Bei langfristiger Planung besteht eine gute Chance, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Beachten Sie zu diesem Thema bitte auch diese Seite.

Stand: 06/24, SS, NS & BW

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