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Genie und Wahnsinn

Jeder Mensch hat grundsätzlich eine Neigung in sich, sich künstlerisch bzw. in Kunstformen wie Malerei, Bildhauerei, Musik, Literatur etc. zu betätigen und damit sich und sein seelisches Innenleben zum Ausdruck zu bringen. So ist das Diktum von Joseph Beuys zu verstehen, dass jeder Mensch Künstler sei.

Auch im Psychischen gibt es eine Kontinuität zu Erfahrungen und Erlebnissen, die vom „Normalen“ bis hin zum „Gestörten“ führt. Grundsätzlich kann jeder Mensch psychisch erkranken, es ist nach wie vor im Grunde unbekannt, warum bei manchen es auftritt und bei vielen anderen es vielleicht im Laufe des Lebens Grenzerfahrungen gibt, jedoch keine psychische Erkrankung im engeren Sinne sich manifestiert. Psychische Grenzerfahrungen und Erfahrungen und Erlebnisse im Rahmen psychischer Erkrankungen sind besondere Erfahrungen, mit denen das Individuum versucht „ins Reine“ zu kommen und für sich einzuordnen. Eine der bedeutendsten Möglichkeiten dafür sind künstlerische Ausdruckstätigkeiten, um Erfahrungen und Erlebnisse „im Zeitstrom der Ereignisse“ „auf den Punkt“ zu bringen bzw. zu benennen und zu erfassen. Dies ist die gemeinsame Wurzel künstlerischer Tätigkeiten bei all denjenigen, die aus welchen Gründen heraus auch immer meinen und glauben, bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse niederlegen zu wollen. Es können Menschen mit der Erfahrung einer psychischen Erkrankung sein, aber natürlich auch viele Menschen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Insofern ist es wichtig, sich klarzumachen, dass hier kein Automatismus besteht, dass nicht jeder von einer psychischen Erkrankung Betroffene automatisch Künstler ist bzw. umgekehrt, nicht jeder Künstler „verrückt“ ist. Es gibt zwischen den Bereichen von Kunst und Psyche keine automatische Kausalität, sondern Korrespondenzen. Man kann lange darüber diskutieren und spekulieren, zumindest erscheint die Anzahl von psychisch kranken Künstlern (wie z.B. Hemingway, van Gogh, Schumann etc.) der statistischen Erwartung für die Gesamtbevölkerung zu entsprechen, z.B. dass 1 - 2% eine schizophrene Erkrankung erleiden, 20 - 25% der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben eine Depression erleben und – wie auch immer man das definiert – eine manisch depressive Erkrankung bei 2 - 6% der Bevölkerung vorliegt.

Was im Innersten die Kunst ausmacht bzw. was zum Künstlertum prädestiniert, ist eine immer wieder besprochene und diskutierte Frage. Sicherlich können außergewöhnliche, wenn nicht extreme Persönlichkeiten, immer am Rande von Gesellschaft und Norm agierend, vielleicht häufiger zu außergewöhnlichen genialen künstlerischen Leistungen führen, aber es ist verkehrt, darüber die vielen herausragenden Künstlerpersönlichkeiten zu vergessen, die nicht mit so einer exzentrischen Persönlichkeit, psychischen Abgründen oder einer Sucht, vielleicht vor allem durch die Mischung von Begabung, Fleiß und stetige Übung zu vielen bedeutsamen Kunstwerken quer durch alle Gattungen geführt haben.

Psychische Erkrankungen sind keine notwendige Bedingung für Kunst, aber es finden sich viele künstlerische Tätigkeiten, die Erschaffung von Kunstwerken, sei es in der Malerei, im Schreiben oder in der Musik als Ausdrucksmittel innerer psychischer Spannungszustände bei vielen psychiatrischen Patienten, so z.B. in Gugging, gefördert durch den österreichischen Psychiater Navratil oder in psychiatrischen Kliniken um die Jahrhundertwende, gesammelt durch den Psychiater Prinzhorn. Auch das, was die moderne Psychiatrie in Form von Ergo- und Kunsttherapie tut, ist ein Heranführen und Arbeiten in diesem Medium zur Erfahrbarmachung, aber auch als die Möglichkeit der Bearbeitung veränderter psychischer Zustände im Rahmen psychiatrischer Erkrankungen. Auf der anderen Seite haben sich immer wieder Künstler und Schriftsteller – ohne im Grunde diese Zustände immer selber zu kennen – sich für „Verrücktheiten“, sprich andersartigen Erfahrungen und Erlebnissen psychisch kranker Menschen interessiert. Die Formensprache der Malerei, der Bildhauerei, aber auch der Literatur hat sich immer wieder beeinflussen lassen von dem ganz anderen „Anderen“, wie es bei psychisch Kranken auftreten kann, wobei insbesondere die moderne Kunst, die auf das ganz Andere, Neue, Abseitige und Verrückte neugierig war, sich in ihrer Formensprache begonnen hat, dadurch zu verändern.

Die Sprache von Kunst und Literatur hat sehr viel mit unseren inneren psychischen Strukturen zu tun, sie ist oft ein Spiegelbild der Seele oder ein Fenster zu ihr eben auch in ihrer veränderten Form. Im Bereich „DGBS kreativ“ auf unserer Website, wo wir verschiedene künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Ergebnisse vorstellen wollen, können wir sehen, wie Betroffene die Bipolare Störung erfahren, sehen und deuten und wir können schlussfolgern, dass in der Kunst unsere bewussten und aber auch unbewussten Tendenzen der Seele, vor allem die Emotionen und die Gedanken zum Ausdruck kommen und damit auch das Innerste bei psychischen Störungsbildern.

Antonin Artaud sagte einmal: „Und was ist ein wahrer Geisteskranker? Das ist ein Mensch, der es vorgezogen hat, verrückt zu werden, im gesellschaftlichen Sinne des Wortes, statt eine bestimmte höhere Vorstellung von menschlicher Ehre zu verletzen... denn ein Geisteskranker ist auch ein Mensch, den die Gesellschaft nicht hören wollte und den sie daran hindern wollte, unerträgliche Wahrheiten zu äußern“.

Es geht also um die Einheit jedes Menschen in all seinen Aspekten: Kunst und auch ungewöhnliches psychisches Erleben als Grenzerfahrung – das ist ein Überschreiten dieser Grenze, ein Zurückkehren und dann dem Ganzen eine Form geben.

Prof. Dr. Georg Juckel, Bochum

 

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