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Das Haustier

Manche Leute haben einen Hund, andere eine Katze. Oder ein Meerschweinchen, einen Hamster, einen Wellensittich. Ein Aquarium mit allerlei bunten Fischen drin. Ein Frettchen, eine Schlange, ein Minischwein.

Ich habe von all dem nichts. Ich habe eine Bipolare Störung. Das ist mein Haustier. Niedlich ist es nicht, aber treu. Schon über 20 Jahre an meiner Seite. Immer und überall. Tag und Nacht. Nie würde es ihm einfallen, wegzulaufen. Von Hunden hört man gelegentlich, dass sie sich nach dem Tod des Herrchens auf dessen Grab legen und nichts mehr fressen, bis sie selbst verenden. Das würde ich meiner Bipolaren Störung auch zutrauen.

Zum Kuscheln taugt diese Sorte Tier nicht, und angeben kann man auch nicht damit. Man könnte sich fragen, warum ich es überhaupt noch habe. Aber wir sind schon so aneinander gewöhnt, die Frage stelle ich mir gar nicht. Es ist einfach da.

Morgens direkt nach dem Aufstehen die erste Fütterung: 450 mg Lithium, 100 mg L-Thyroxin und ein bisschen Vitamin B12. Mittags bekommt es zwei Kapseln Omega-3-Fettsäuren, das muss reichen. Und abends dann nochmal Lithium und dazu eine ordentliche Portion Quetiapin, 400 mg, damit es tagsüber nicht so rumflippt und nachts gut schläft.

Wenn man ein Haustier hat, ist man nicht mehr so ganz frei. Man muss es füttern, ihm Aufmerksamkeit schenken und hinter ihm den Dreck wegmachen. Mit dem Urlaub ist das auch so eine Sache. Das ist bei mir allerdings weniger das Problem: Ich nehme meins immer mit. Das einzige, worauf ich dann achten muss, ist, genügend Futter einzupacken. Und dann ein bisschen vorsichtig sein, alles langsam angehen lassen, denn Veränderungen mag es gar nicht.

Wenn ich abends mal zu lange weggehe, zum Beispiel mit Freundinnen im Biergarten sitze bis zwölf, ist es am nächsten Tag manchmal sehr ungnädig. Manchmal schon an dem Abend selber. Während wir uns gemütlich unterhalten, rings um uns ein laues Lüftchen, Lampions und Stimmengewirr, vor mir ein kühles Getränk, noch fast ganz voll, fängt es plötzlich an zu quengeln: Mir reicht's jetzt! Ich will nichts mehr hören! Ich will nach Hause! Jetzt! Sofort! Natürlich kann es nicht sprechen, versteht sich von selbst. Aber nach all den Jahren kann ich seine Körpersprache schon ganz gut lesen. Und ich weiß also: Wenn ich jetzt nicht sofort nachgebe, muss ich das büßen.

Der nächste Tag kann dann einfach die Hölle sein. Dann hängt es mir die ganze Zeit am Rockzipfel und zerrt an mir rum. Da kann ich noch so oft "Aus!" sagen. "Aus!" kann es nicht so gut.

Einen Weg, es wieder friedlich zu stimmen, gibt es allerdings. Ich habe zuhause ein Ergometer stehen. Eigentlich ist ein Ergometer ja bloß eine Art Fahrrad, mit dem man die ganze Zeit quasi steil bergauf fährt und sich abrackert, während man in Wirklichkeit immer an derselben Stelle bleibt. Wenn ich mich da draufsetze und in die Pedale trete, schnappt es zuerst noch ein paar Mal nach meinen Waden, aber irgendwann setzt es sich hin, guckt mir beim Strampeln zu und beruhigt sich langsam. Zwischen der zwanzigsten und der dreißigsten Minute legt es sich meistens hin und lauscht nur noch auf das Schwingen der Gewichte und mein Keuchen und schläft schließlich ein. Ich bin dann schweißüberströmt und wanke so leise wie möglich zur Dusche. Danach ist es meist sehr ruhig, es gähnt und trottet langsam hinter mir her auf den Balkon und pennt da eine Runde weiter.

Vor allem Stress ist so eine Sache, auf die man achten muss. Manche Tiere knabbern sich bei Stress kahle Stellen ins Fell, verlieren Federn, pinkeln dir aufs Sofa oder fressen nicht mehr. Mein Haustier verträgt auch keinen Stress, aber es reagiert da ganz anders. Da ist das alles harmlos dagegen.

Schon bei leichtem Stress fängt es an zu murren. Und je größer der Stress, desto schlimmer. Man könnte etwas böse sagen: Es lässt dann seine miese Laune an mir aus. Natürlich weiß ich, dass Haustiere so nicht denken, aber es wirkt wirklich so. 


Hält der Stress über längere Zeit an, kann es sein, dass es plötzlich richtig ausrastet. Dann wimmert und jault es den ganzen Tag und die ganze Nacht, krallt sich an meinem Nacken oder meinen Beinen fest und lässt mich gar nicht mehr los. Sobald ich mich hinlege, liegt es mir schon quer über der Brust, zappelig und schwer, mit all seinem Gewicht, dass ich kaum noch Atem bekomme und nur mit Mühe aufstehen kann, und jault da weiter rum. Es will nicht aus dem Haus, es will nicht aufstehen, nicht schlafen, nicht spielen. Wochenlang. Damit es sich wieder beruhigt, bekommt es dann jeden Tag noch ein Leckerli extra, Escitalopram zum Beispiel oder Venlafaxin. Manchmal dauert es trotzdem Monate, bis es sich wieder völlig beruhigt hat.

Dann wieder kann es völlig anders sein. Gerade in Zeiten, die sehr aufregend sind, ein neuer Job zum Beispiel, eine neue Wohnung, eine kleine Verliebtheit oder sonst irgendwas mit viel Gefühl in meinem Leben. Auf einmal kann es sein, dass mein Haustier nicht wiederzuerkennen ist. Morgens in aller Herrgottsfrühe steht es schon an meinem Bett und zupft ungeduldig an mir herum, bis ich aufstehe. Ich könnte schwören, es zieht Grimassen, um mich zum Lachen zu bringen. Trotzdem nehme ich es dann lieber mal an die Leine und gebe ihm noch ein bisschen mehr Quetiapin. Leider kann es nicht gut an der Leine gehen, es zieht mich hierhin und dorthin, und dann wieder nach da drüben, schnuppert unentwegt an fremden Leuten herum, hopst und springt den ganzen Tag und lässt mir keine Minute Ruhe. Es strotzt vor Kraft und ist dabei aber ein reinster Ausbund an Lebensfreude, schon beim Zusehen muss ich immer wieder lachen und werde darum trotz allem Hin und Her kein bisschen müde. 


Beim Spazierengehen springt es an jedem Schaufenster hoch und will, dass ich etwas kaufe. Warum, weiß der Kuckuck. Wenn ich ihm dann nachgebe, ist es ein kleines Weilchen zufrieden, und schon zerrt es mich weiter herum. In der einen Hand die Einkaufstaschen, in der anderen die stramme Leine. Wer führt hier wen spazieren, könnten die Vorübergehenden vielleicht sagen.

Wenn es so aufgedreht ist, kann es allerdings auch manchmal sehr aggressiv werden. Wenn Leute sich gemütlich unterhalten, drängelt es sich dauernd penetrant dazwischen und will Aufmerksamkeit, so dass ein normales Gespräch gar nicht mehr möglich ist. Die Leute finden das am Anfang oft sogar noch ganz lustig und lachen über all die Mätzchen und Sperenzchen, aber irgendwann sind sie dann doch meist irritiert und wenden sich genervt ab. Und eine Freundin von mir hat das rabiate Tier einmal dermaßen ins Bein gebissen, dass die mir die Freundschaft gekündigt hat. Das war dann weniger lustig.

Das zusätzliche Futter führt im besten Fall dazu, dass ich nach zwei, drei Wochen wieder Ruhe habe. Dann bin ich aber auch schon völlig ausgelaugt und wiege drei Kilo weniger.

Hierzulande lebt angeblich in jedem dritten Haushalt ein Tier. Auf hundert Menschen kommen etwa neun Hunde und fünfzehn Katzen. Meerschweinchen, Schlangen, Fische und so weiß ich jetzt nicht. Eine Bipolare Störung hat laut Statistik von hundert Menschen nur einer. Ich begegne nur äußerst selten jemandem, der auch mit so einem Viech durch die Gegend rennt. Wenn das so ist, entspinnen sich natürlich gleich Fachgespräche: Wie lange hast du deins denn schon, was gibst du ihm so zu fressen? Es gibt ja auch hunderte von verschiedenen Arten und Rassen. Die verschiedensten Formen und Größen. Das eine mag Lithium gar nicht, vom anderen ist es das Lieblingsfutter. Das eine ist eher wild, das andere eher brav. Das eine ist groß und schwer, das andere eher klein und quirlig. Und so weiter. Manche Leute mögen ihrs, besonders die lebhafte, fröhliche und wilde Seite seines Charakters, manche haben eine ambivalente Beziehung zu ihm. Und die meisten können es eigentlich gar nicht leiden, können sich aber trotzdem nicht von ihm trennen. Manche akzeptieren es, wie es ist, so gut wie alle quälen sich immer wieder bei dem Versuch, es zu erziehen. Ja, es ist äußerst schwer zu erziehen. Und bei einem Punkt bin ich mir mit den anderen Haltern denn auch immer eins: Dass es sehr, sehr anstrengend ist.

Denn man darf natürlich nie vergessen, dass die Bipolare Störung vom Wesen her eigentlich ein Raubtier ist. Besonders gefährlich ist es natürlich, wenn es noch völlig ungezähmt ist. Es kann dir den Partner wegbeißen und sämtliche Bekannte, es kann bei dir auf der Arbeit ein dermaßenes Chaos anrichten, dass du rausgeworfen wirst, dir dauernd im Weg rumstehen und dich an tausend Dingen hindern. Wenn du nicht höllisch aufpasst, kann es dir so richtig das Leben schwermachen, und oft hilft auch das höllische Aufpassen nichts, besonders bei den charakterstarken, eigenwilligen Exemplaren, die einfach viel zu schwer im Zaum zu halten sind. Trauriger Fakt ist, dass etwa zehn Prozent aller Leute, die so ein Haustier haben, ihm irgendwann vollends zum Opfer fallen, vielleicht sogar mehr. Dreimal so viele überleben solche Attacken so gerade nochmal, schwer verletzt. Aber mindestens jeder zehnte wird vom eigenen Haustier gerissen, früher oder später. In einem schwachen Moment. Und auch wenn das dann nur 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmacht, so ist das doch mehr, als zum Beispiel durch bissige Hunde umkommen. Die Bipolare Störung ist kein Kuscheltier. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Bei aller Mühsal und allen Gefahren, allem Auf und Ab und allen Scherereien, die man so hat, muss man dem Tier aber eines lassen: Es kann inspirieren. Nur ein paar Beispiele: Hemingway hatte so eins, Virginia Woolf, Sylvia Plath, Michelangelo, Schumann, Hesse, Van Gogh. Nicht, dass ich mich mit denen vergleichen wollte, aber eins kann ich sagen: Während ich dies hier schreibe, sitzt mein Haustier neben mir und schnuppert an meinem Computer herum. Wenn ich ins Stocken gerate, sieht es mich an, und plötzlich fällt das gesuchte Wort mir ein.

Alles in allem bleibt festzustellen: Es ist einfach mein Haustier. Es ist immer da und wird immer da sein. Es ist, wie es ist, und es gehört nun mal zu mir. Wir zwei werden noch eine Menge miteinander erleben. Heute, morgen, übermorgen, nächsten Monat, nächstes Jahr. Ich kann nicht sagen: Das ist gut so. Ich kann nur sagen: So ist es.



Kalinka (Forumsname)

 
 
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