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Verkürzung der Lebenserwartung bei Bipolarer Störung

Schwere psychiatrische Erkrankungen verkürzen die Lebenserwartung durch Erhöhung des Suizidrisikos, aber auch durch das Hervorbringen schwerer körperlicher Krankheiten wie Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Dies weiß man – leider! - seit langem und man weiß auch, dass Medikamente hier nicht alleine ursächlich sind. Psychopharmaka haben sicherlich den einen oder anderen Einfluss diesbezüglich, aber die Krankheit selbst ist nicht nur psychisch und sozial gravierend, sondern auch eine schwere Belastung für den Körper.

In einem vor kurzem erschienen Artikel in JAMA Psychiatry 2013, Band 70, Heft 9, Seite 931-939 wird von Casey Crump und Mitarbeitern eine schwedische landesweite Kohortenstudie unter dem Titel "Comorbitities and Mortality in Bipolar Disorder" vorgestellt. Insgesamt wurden in dieser Studie 6,5 Mio. schwedische Erwachsene über 20 Jahre eingeschlossen, darunter 6.618 Patienten mit einer Bipolaren Störung. Es wurden alle somatischen Zusatzerkrankungen (Komorbiditäten) diagnostiziert, alle ambulanten und stationären Behandlungssettings registriert und auch die Mortalität bestimmt. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von 2003 bis 2009.

Diese Studie ergab, dass Frauen und Männer mit einer bipolaren Erkrankung zwischen 8,5 und 9 Jahre früher versterben als die Durchschnittspopulation. Diese deutlich angehobene Mortalität bei Patienten mit einer Bipolaren Störung war verursacht durch den Anstieg der Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen, Diabetes mellitus, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) und Infektionserkrankungen wie echte Grippe (Influenza) und Lungenentzündung. Hinzu kamen Unfälle sowie Suizide bei Frauen und Männern und der Anstieg von Krebs bei den Frauen. Das Suizidrisiko war bei den Frauen 10-fach, bei den Männern 8-fach erhöht.

Abhängigkeitserkrankungen oder Missbrauch von entsprechenden Substanzen trugen zu diesen Befunden nur geringfügig bei. Die Autoren fanden auch einen wirklich engen Zusammenhang zwischen der Bipolaren Störung und der Mortalität, hervorgerufen durch diese chronischen Krankheiten, insbesondere bei denjenigen, die diese körperliche Erkrankung nicht vor der Ausbildung der psychischen Erkrankung hatten. Das heißt, bei Patienten, die zunächst eine Bipolare Störung entwickelten, stieg das Risiko in der Folge für eine körperliche Erkrankung deutlich stärker an, die dann zum Tode führen konnte.

Die Autoren fassen ihre Befunde so zusammen, dass Patienten mit einer Bipolaren Störung frühzeitig durch verschiedenste Ursachen, durch schwere körperliche Erkrankungen, einschließlich aber auch durch Suizid, versterben. Es liegt auf der Hand, und so fordern es auch die Autoren, dass chronische Erkrankungen bei den Patienten mit einer Bipolaren Störung frühzeitig vermieden werden könnten, wenn diesen Patienten adäquate medizinische Hilfe frühzeitig zuteil werden würde. Teilweise liegt es vermutlich an den Patienten/Betroffenen selbst, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung, vor allem der Depression, Zeichen des Beginns einer körperlichen Erkrankung oftmals missachten.

Auch mag es sein, dass Angehörige aufgrund der Schwierigkeiten, die sie mit den Betroffenen über den Verlauf der Jahre haben, davor zurückscheuen, Druck auszuüben, um diese zu einer frühzeitigen und guten medizinischen Diagnostik und Behandlung zu bringen. Darüber hinaus muss man kritisch sagen, dass insbesondere auch das deutsche Gesundheitssystem im Hinblick auf Hausärzte und Allgemeinärzte oftmals nicht darauf angelegt ist, Patienten mit einer schweren psychiatrischen Erkrankung wie einer Bipolaren Störung gut und sicher zu versorgen.

Betroffene, die sich in einer Manie befinden oder Betroffene, die fast die Hälfte ihres Lebens an Depressionen leiden, sind in einer Hausarzt- oder Facharztpraxis für innere Medizin oftmals schwierig zu betreuen. Möglicherweise ist hier auch grundsätzlich die Stigmatisierung psychiatrischer Patienten zu nennen, deretwegen bipolare Patienten nicht die adäquate Diagnostik und Therapie erhalten, die sie somatisch benötigen. Die genannten Erkrankungen wie Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen sind auch in der allgemeinen Bevölkerung zu finden, daher kann aus dieser Studie nur die Schlussfolgerung gezogen werden, dass bipolaren Patienten ein frühzeitiger Zugang zum Gesundheitssystem ermöglicht werden sollte, damit eine somatische Komorbidität und zu frühe Mortalität verhindert werden kann.

Man weiß von vielen anderen Studien, dass bestimmte Psychopharmaka wie etwa manche atypischen Neuroleptika, die oft bei bipolar Erkrankten gegeben werden, zur Gewichtszunahme und damit zu einem sogenannten Metabolischen Syndrom führen können, unter anderem Diabetes und Arteriosklerose. Viele bipolar Betroffene rauchen zum Teil krankheitsbedingt mit all den bekannten Folgen (COPD, Lungenkarzinom).

Wie könnte eine Verbesserung der beschriebenen Problematiken vor sich gehen? Die Autoren nennen das nicht, aber es müsste gemeinsame Ambulanzen geben, betrieben von Psychiatern und Fachärzten für Innere Medizin, die gemeinsam Patienten mit einer Bipolaren Störung sowohl psychiatrisch als auch somatisch behandeln. Es müssten die körperlichen Untersuchungen wie Labor und EKG verstärkt und frühzeitig angewandt werden, möglicherweise müssten auch die somatischen Kompetenzen und Fähigkeiten von Psychiatern durch ständige Fortbildung verbessert werden, um hier eine möglichst gute und prophylaktische Behandlung auch von möglichen körperlichen Erkrankungen frühzeitig zu ermöglichen.

Ganz persönlich finde ich die verkürzte Lebenserwartung bei psychiatrischen Erkrankungen wie der Bipolaren Störung skandalös. Dies darf in entwickelten Ländern wie Schweden, aber auch in Deutschland (hier gibt es teilweise ähnliche Daten), nicht sein. Wir müssten verstärkt Versorgungsforschung betreiben und mehr Aufschluss über körperliche Komorbiditäten (und falls sie vorliegen, welche) bei Bipolarer Störung sowie über die Einnahme von Medikamenten für somatische Erkrankungen erhalten. Hausarztnetze, gemeinsame Ambulanzen, auch MVZs etc., in denen viele Ärzte unterschiedlicher Disziplinen unter Einbezug der Psychiatrie zusammenarbeiten, sollten dazu führen, dass frühzeitig die richtigen diagnostischen Methoden angewandt werden, dass psychiatrische und somatische Medikation bestmöglich abgestimmt wird und damit vielleicht das Ziel erreicht werden kann, die Lebenserwartung psychiatrischer, hier bipolarer Patienten derjenigen der Durchschnittsbevölkerung anzugleichen.

Prof. Dr. Georg Juckel, Bochum

 
 
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