Kontrast

E.S.* über ihre Gedichte

Die Diagnose Bipolare Störung ist für mich noch relativ neu. Sie bedeutete für mich eine Erleichterung und gleichzeitig wurde ich durch sie erschüttert. Sie hat mir vieles in meinem Leben erklärt. Dennoch weiß ich, dass ich mit dieser Krankheit leben muss. Sie ist ein Teil von mir und wird es immer bleiben.

Ich habe ca. 80 Tagebücher geschrieben, seit ich 17 Jahre alt bin und immer wieder Gedichte, um ein Ventil zu haben - heute weiß ich warum. Ich hätte sonst nicht überlebt. Ich bin dankbar dafür, dass mir diese Möglichkeit gegeben wurde und  möchte deshalb allen Mut machen, die auch über ein solches "Ventil" verfügen, es zu nutzen. Es hilft oft mehr als Tabletten und Therapie.

* Der Name der Autorin ist der DGBS bekannt.

Das langsame Verschwinden
15.02.82
Springtime 82
Wiesenbett
Mai Traum
Verwandlung
Schuss drin
Dresden - rückwärts
See-Leben
Sketches in Green


Das langsame Verschwinden

Es geht sehr langsam,
deshalb fängt es früh an,
schon als Kind
Stück um Stück – kein Zurück!

Manchmal eilt es,
dann verweilt es,
niemals aber gern
Stück um Stück – kein Zurück!

Dann, ganz plötzlich
Sehr verletzlich
Für das Herz
Stück um Stück – kein Zurück!

© E. S. 1982


15.02.82

Heute ist ein andrer Tag
Draußen neue Wolken
Neue Tropfen regnet es
Neu sind die Gesichter

Und von gestern blieb nicht viel
Nur die festen Dinge
Stehen da und ändern nicht
Sie sind meine Bojen

Jetzt und hier bin ich allein
Um mich sind noch viele
Doch die Dinge nur und ich
Kennen uns genau

© E. S. 1982


Spring time 82

Mistreated and deep wounded
by own hand or by others
I sometimes want to feel
but spring is at my heels

As often as I wandered
through this hellish dream
I left back broken flowers
with destroyed colour-scheme

The devil is a needle
inside my heart and brain
and God is in the counted
pulsation of each vein

The darkness and the evil
are made of flesh and blood
but sometimes even touching
the soul to make it rot

How can I break this circle
of misery and pain
spring, green beloved brother
am I bound to be insane?

Oh, wooden noise of windy
lonely standing trees
give back the dreams of childhood
of long forgotten seas

The grass is getting green now
my life is also young
but still the grass and me are
speaking in a different tongue

If it was not this Spring-Time
its grass and blooming trees
I’d probably be able to lay
violent hands on peace

© E. S. 1982


Wiesenbett

Schatten von Bäumen
auf Wiesensäumen
Tropfen wie Regen
auf Gräsern gelegen
Schirmsamen der Pflanzen
im Winde tanzen
Düfte in Grün
den Wald überzieh'n

Inmitten des Allen
lass’ ich mich fallen
ich liebe dies Leben
der Spinnenweben
und meine Gedanken
die zärtlich sich ranken
um Wiesen und Bäume
weil ich nichts versäume.

Geeint und verwoben
will ich geloben:
Mein einstiges Fleisch
nähre jetzt Euch
dafür schenket ihr
für ewig mir
das Grün Eurer Ranken
für meine Gedanken.

© E. S. Sommer 1982


Mai Traum

Dunkle Nacht – ein heller Schein
leuchtet in Gedanken ein
an des endlich Raumes Saum
hängt wassertropfengleich mein Traum

Schillernd in dem hellen Licht
er sacht meine Gedanken bricht
und er bildet neue Formen
ohne jegliche Welt-Normen

Gestern gar in tiefster Nacht
die reine Liebe mir gelacht
Augen klar, wie nie geseh’n
ohne Wort konnt’ ich versteh’n

Was am Tag ich oft vermisst
nun zu mir gekommen ist
eine Freundschaft endlos tief
still nach meiner Treue rief

Ohne Wort, der schönste Ruf
in mir neue Welten schuf
wenn auch nur Traumes Fiktion
eine neue Dimension

© E. S. 1983


Verwandlung

Es fuhr ein Schiff auf der Autobahn,
ich bin im Regen hinterher gefahr'n.
Am Himmel glimmten Zigaretten
und bildeten lange Lichterketten.
Regen gab es millimeterdick
zwischen den Reifen und meinem Glück
 

Das Wasser durchdrang den Gummi alsbald
und meine Haut, die wurde kalt
 

Ich wusste, dass jeder ist immer allein
und dennoch kann s o keiner glücklich sein.
So beschloss ich weiter zu fahr'n
im kieligen Wasser von diesem Kahn
 

Gerne hätte ich Anker geworfen
und wäre barfuß zurückgelaufen,
zurück – immer weiter und immer mehr
 

doch mein Lager der Wünsche war lange schon leer!
 

Ich fuhr in das Ganze tiefer hinein
viel tiefer als es hätte dürfen sein.
Als dann das Schild Abfahrt kam
war mein Körper völlig lahm.
Ich lenkte metallen und ohne Gefühl
denn die Haut, in der ich steckte war so kühl.
Knochen und solches empfand ich nicht mehr
denn ich fuhr nur noch einem Schiff hinterher
 

Endlos auf Reise, wer bin ich, wer?
Warum fahr ich s o kalt einem Schiff hinterher?
 

© E. S. 02/1984


Schuss drin

Dieser Duft
oh, wie Jungsein für immer
Nein, nicht der Duft jetzt
jetzt mehr die Farbe, diese Farbe
ohne Ende, tief, endlos tief, tiefer,
heller, mehr und mehr
Mein Körper ist so weich und nimmt alles auf – alles auf.

Alles ist in mir
es gibt mich nicht mehr, nicht mehr
bin nur noch Hülle, Schale – für alles
jetzt Wärme – tiefer Fall
in alles Warme, was es gibt – Mutter

Ich kann nicht landen – Hilfe

Das weiche Eis unter mir
es riecht nach Sauerstoff und es ist so grün

Ich kann nicht landen – ich friere so
 

Mein Rücken ist voll schauernder Kälte
meine Nieren kommen raus – drück sie rein – drück sie rein
Wasser, Wasser
es schlägt in meinem Körper ein verdammter dicker
Stahlhammer
innen drin

Ich kann nicht landen – es tut so weh

Doch, es wird ja hell
oh, wie schön
herrlich hell, ganz weiß
glasklares Weiß
neben der Sonne

Körper, lass mich doch – lass mich doch landen

© E. S. 10/1984


Dresden – rückwärts

Schnee auf grünen Blättern,
in Zeit gebissene gelbe Rose,
vor dem Schnee, vielleicht gerettet ?

Dresden – ein Nu aus Dampf
ein Nu – in Elbsandstein gedampft.
Die Glocken über dem Fluss – atemlos im Rauch.

Der Sturm in den Felsflöten,
sein Lied gefunden.
Allein, in der Burg, erhaben
Und doch ganz klein, im Regen.

3D-suchend – auf glitschigen Vorschneestufen.
Den Wind in den Haaren.
Wollhandschuhe – vollgesogen mit Graupeln.
Wollseele – vollgesogen mit Grauen
Die Elbe – von oben.

Rückwärts – im Sturm, mit dem Sturm
Und dennoch Gegenwind.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Im Brennglas.
Zeit und Raum: Ein Brennpunkt.

Verloren, verschwunden, weggeschlossen,
bezwungen, gedroschen, die Spreu – viel davon,
in den Wind geschrieben.

Den Ton – abgeschaltet.
Gespielt, verklungen, gebrannt.
Gebrannt – in felsigen Herzensriffen,
über dem Fluss des Lebens.
 

© E. S. Oktober 2009


See-Leben

Mein Leben – ein See
mit dünner Haut aus Eis
wie sacht ich auch geh’
es könnt’ sein, dass sie reißt

In ihm – viel Leben
ganz bunt und sehr reich
mit Unterwasserspinnweben,
die dämmen das Fallen, machen es weich

Um ihn – ein Blühen
wie Frühling für immer
auf felsigen Höhen
zwei Sonnen verbreiten Abendrotschimmer

Und sollte es reißen – das Eis
dann fall ich nur weich
das ist es, was ich ganz genau weiß
ich werde erwartet in diesem Reich.


© E.S. Januar 2013


Sketches in Green

sheep on a meadow
goats stand nearby
view’s no more narrow
no questions ask why

rolling hills wideness
alone standing trees
lakes with their brightness
summer winds’ breeze

more stars than recently seen
make perfect difference
to those sketches in green

© E.S. Juli 2013

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