Simon Felix Geiger, Jahrgang 1987, geboren in Reutlingen, wohnhaft in Bad Krozingen, ist staatl. anerkannter Sozialarbeiter und Schriftsteller. Mit sanft vorgetragenen, heilsam wirkenden Gedichten tritt Geiger schwerpunktmäßig in Süddeutschland auf. Thematisch reichen seine wortmalerischen Gedicht-Kreationen vom Suchen nach Antworten auf (vor-)letzte Fragen, über die Verarbeitung seelisch-spiritueller Grenzerfahrungen, bis hin zum Versuch, zeitgemäße Worte für christlich geprägten Glauben im 21. Jahrhundert zu finden.
Als Künstler setzt er sich in der Öffentlichkeit für einen differenzierten Umgang mit Seelischer Gesundheit, Glaube (und seelisch-spirituellen) Grenzerfahrungen ein:
„Mit dem Bereitstellen einiger meiner Gedichte hier auf dieser Seite sowie durch Buch-Publikationen und Auftritte unterstütze ich das Anliegen der DGBS, die Bedürfnisse von Menschen mit einer Bipolaren Störung in Öffentlichkeit und Gesundheitspolitik zur Geltung zu bringen. Durch meinen offenen Umgang mit der eigenen Erkrankung sowie durch die (poetische und reflektorische) Verarbeitung eigener Erfahrungen (mit extremen Hochs, Tiefs und anderen Zwischenzuständen) versuche ich zudem, einen Beitrag zur Entstigmatisierung Seelischer Störungen zu leisten. Zugleich möchte ich mich, wie viele andere Betroffene auch, nicht einzig und allein auf die Erkrankung festnageln lassen. Sie ist ein Teil von mir, aber zugleich bin ich auch Vater, Ehemann, Bruder, Sportler, Künstler, usw.“
Geigers neustes Werk „himmeleinhundert" (2023, 15 €) kann beim Brot&Kunst Verlag online erworben werden. Mehr über Simon Felix Geiger finden Sie auf seinem Blog.
Eine Auswahl an Gedichten:
Einheitsangst
End_scheidung
Versöhnung
Ein Herz für zwei
Frohsinn
Wassertaufe
Neubeginn
Entscheidungsgleiten
Sphärenwechsel
Hoffnungsschimmer
Durch(k)lüftet
Teilhabeappell
Esperanza
Duwendung
Thula
ist es nicht meist das fremde
das uns angst bereitet
so andersartig groß und unbekannt
dass sich in uns die furcht ausbreitet
dagegen haben wir nichts in der hand
laut stammtisch rasend schnell verbreitet
fällt es schon morgen ein in "unser" land
das fremde wird gemieden und es meidet
zwei fronten stehen frontal wand an wand
noch steht die angst in schafspelze gekleidet
und wartet still im vorurteil gebannt
doch wehe dem der diesen drachen reitet
den ersten stein wirft und den kampf entflammt
ist es nicht stets das fremde
das uns angst bereitet
so andersartig groß und unbekannt
dass sich in uns die furcht ausbreitet
dagegen haben wir nichts in der hand
dagegen oder miteinander
zusammen oder doch allein
die zukunft die wir mitentscheiden
kann jedenfalls nur eine sein
© Simon Felix Geiger
wer immer nur möglichkeit bleibt
sich niemals entscheidend befreit
befreit sich dennoch entschieden
denn alles ist möglich geblieben
wer sich endgültig entscheidet
den weg der gewissheit beschreitet
befreit sich durch das beschneiden
des wirrwarrs an möglichkeiten
aus entweder oder mal schauen
lässt sich nichts tragendes bauen
nur der der sich festlegt entscheidet
welche wege er fortan beschreitet
wo wir dank unsern entschlüssen
nicht mehr was wir sein könnten sein müssen
lernen wir in begrenzten ideen
für herznaheigenes einzustehen
© Simon Felix Geiger
nach gefühlt eintausend jahren
fällt nun endlich all das ab
was in mir im unsichtbaren
rücksichtslos gewütet hat
wo wild wuchernd wunden waren
setzt sich schmerzvolles schachmatt
und im rundumwunderbaren
streichen sich die wogen glatt
© Simon Felix Geiger
Komm her mein Schatz.
Dein Tränenfluss muss aufwärts fliessen;
in dir darf sich nichts stauen.
Auch das Schwere deiner Tiefen
musst du im Herzen aufwärts hieven,
bevor wir Brücken bauen:
Lass all die düstren Schattentage
aus deiner Brust gen Himmel ziehn;
Gedankenknoten nimm und trage
sie stimmungsschwankend hin zu Grabe
bis dein Kopf ruft: „Die Wolken fliehn!“
Dann leg die tränenfeuchten Lider
dorthin, wo meine trocken sind.
Gib deinen Kummer in mir nieder,
ich streichel sanft ihn immer wieder
obwohl er auch mich traurig stimmt.
Zuletzt müssen wir zwei uns küssen,
da nur ein Kuss den Schmerz vereint.
Doch aus den vielen Tränenflüssen
weiß ich bereits, du willst nicht müssen;
so bleibt uns zwein, ein Herz –
das weint…
© Simon Felix Geiger
Tränen tragen sich
Bis in die Ohren
Schaudern zieht sich
Die Arme entlang
Lachfalten schweigen
Seit Jahren verfroren
Taubstumme trommeln
Gehörgangsgesang
Schreie erklingen
Aus klaffenden Poren
Kein lichter Moment
Kein lockender Klang
Mein Frohsinn wurde
Weinend geboren
Ich lache im Herzen
Ohne jeglichen Zwang
© Simon Felix Geiger
Bach –
Spiegel meiner Seele,
Pollenbefleckter
Oberflächenglanz:
Wenn ich dir von meinen
Schmerzen erzähle;
macht mich dann dein Rauschen
herzensgrundganz?
Ich höre dich singen.
Deine tänzelnden Wogen
glätten meine
von innen heraus,
du hast dich in mir
nach unten gezogen
und nimmst mich nun –
schweigend – als Kieselstein auf.
Hier in der Stille
bleibe ich liegen,
nur Sonnenstrahlen
umschmeicheln mein Haupt,
Wolken lassen –
schlafend – sich wiegen:
Durch dich hab ich bis
in den Himmel geschaut!
© Simon Felix Geiger
Im Frust Enttäuschung angehäuft
Mit Bitterkeit den Blick getrübt
Vergangenes ins Herz geschleust
Seelensuizid verübt
Verheilte Narben aufgerissen
Selbstzweifelnd Zuversicht verkannt
Gedanklich schon ins Gras gebissen
Verbrannte Erde neu verbrannt
Hoffnung ohne blassen Schimmer
Voll Zorn im Selbstmitleid ertränkt
Alleine schweigend wohl für immer
Verschlossen in sich selbst versenkt
Kopfkinohorrorstreifen treiben
Verdrängte Bilder ins Gemüt
Sie werden noch so lange bleiben
Bis aus dem Alten Neues blüht
© Simon Felix Geiger, 2011
Am Scheideweg der Möglichkeiten
scheint die Entscheidung
zu entgleiten...
Nehm ich nun den leichten Weg,
den den jeder gerne geht -
oder den, der fernab liegt?
Den einen nie begangnen Weg -
der einsam seine Bahnen zieht.
Der den leeren trüben Augen
dumpfer Einfältigkeit entflieht,
und denen die zur Trägheit taugen,
sich durch steile Anstiege entzieht.
Der Weg, der nur den wandern lässt,
der freien Geistes klaren Blicks,
sichren Fußes stolzen Schritts,
sich seinen Pfaden überlässt -
der ohne Wehmutsblick zurück,
ohne Sehnsuchtssuche Glück,
ohne je ein Ziel zu sehen,
noch bereit ist ihn zu gehen -
der trotz endlos langem Gang
niemals nach der Ankunft fragt,
niemals Richtung Götter klagt,
niemals fragt: Wie weit? Wie lang?
Und sich, trotz Tausend Möglichkeiten -
nur für den einen Weg entscheidet,
um - Blick wie Horizont geweitet -
mit der Entscheidung
zu entgleiten...
© Simon Felix Geiger, März 2011
Endlich sind wir dorthin vorgestoßen
wo so viel Reicheres noch liegt,
wo in der Stille wilde Winde tosen
und sich der Bambus dennoch niemals biegt.
Wo Bilderstreifen Horizonte überfluten,
in Augenblicken für die Ewigkeit,
die schlimmsten wiegen wie die guten,
trotz Überlänge, eine Nichtigkeit.
Hier können Adlerschwingen jeden tragen
der voll beladen weiter nicht mehr kann,
im Sturzflug durch die Nebelschwaden -
hört man Schweigen, getragen von Gesang.
Momentaufnahmen in Gebirgszugsketten
werfen Schreckensschatten bis ins Tal,
dank Vogelperspektive wirkt das Becken
selbst durch die Dunkelheit sakral.
Sonnenstrahlen schieben sich auf Hügel
bis in des Berges schroffen Schoß,
zum Abschied hebt der Adler seine Flügel,
und lässt uns dann entschlossen los:
Im freien Fall, ganz ohne aufzufallen,
geben wir uns selbst und alles auf,
ungezwungen, doch so nah an allem,
wachsen wir weit über uns hinaus...
© Simon Felix Geiger
Immergleiche Trauerschlaufen
Kein Impuls der vorwärts trägt
Nebulöser Nervenhaufen
Sorgensammelnder Magnet
Emotionsloses Empfinden
Zugedeckelt depressiv
Die Erlösung leicht zu finden
Ein Zwei Meter friedhofstief
Abgestumpftes Dauerdenken
Auf Repeat im Endlosloop
Keine Kraft um umzuschwenken
Energieverebbte Flut
Schwarze Löcher saugen Leben
Aus dem Herz in sich hinein
Beim finalen Brustkorbbeben
Stürzen die Herzkammern ein
Hoffnung ist da aufzufinden
Wo sie uns zuvor verließ
Lasst uns Leidbefülltes trinken
Jeder Tropfen führt uns tief
In das Herzstück des Gewimmers
Wo noch ein Teil heile Welt
Schwaches Flackern eines Schimmers
Schützend in den Händen hält
© Simon Felix Geiger
zwischen auseinander
scherenden klüften
gleichgewicht balance
mittelpunkt der extreme
zum zentrum zurück blickende
führung vereint keilgetriebene
spaltung ursprungsgleich
verwurzelt zerbrechen
eingekrustete denkweisen dank
umschwungbringender
hirndurchlüftung
© Simon Felix Geiger
ich steh außen vor
dem inneren kreis
zu dem ich nicht gehöre
leiht mir euer ohr
will ich rufen doch weiß
dass ich nur den frieden störe
ich bin kein teil
das am leben teilhat
ich habe nur mich selber
ich bin ein teil
das fortgefegt wird
allein werd ich tag für tag älter
ich wär gern ein teil
der am leben teilhat
statt einsam verdorrt zu verderben
leiht mir euer ohr
lasst mich in den kreis
ich möchte ein teil von euch werden
© Simon Felix Geiger
h orizonte herbeisehnend in
o hnmächtigen nächten
f assungslos staunen und
f reudig voran fiebernd
n eues erwarten
u eber sich selbst hinaus
n ullpunkte überschreiten
g anzwerdend neuen horizonten entgegen
© Simon Felix Geiger
blutgefüllte adern bahnen
ihren weg vom kraftpumpzentrum
herzhinaus ins hautverdünnte
sich verästelnd
wärmestrahlend
nähespendend
sich herschenkend
nähren sie
die wurzel hand zu
hand zu
wendung
duhinüber nah und näher
ganz an dich heran an
deinem grunde flüster
kunde herz gesunde
© Simon Felix Geiger
rundumwunderbarumwunden
bedingungslos geliebt verbunden
angstüberwindend auf vertrauen
grundverwurzelt brücken bauen
*bedeutet in der südafrikanischen Bantusprache Zulu frei übersetzt soviel wie "Ruhe"/ "Frieden".
© Simon Felix Geiger
10.12.2024Abschlusskonferenz der BMBF-Forschungsgruppe SALUS
25.11.2024Informationsgruppe für Angehörige von Menschen mit Bipolaren Störungen
20.11.2024Angehörigenworkshop
22.10.2024SAVE THE DATE
Save the Date – DGBS Jahrestagung 2025 in Augsburg