Kontrast

Kurzgeschichte von Björn Filsinger

Björn Filsinger über das Schreiben von Geschichten und die Erkrankung

Schon in der Schulzeit war meine Freude am Schreiben von Geschichten sehr ausgeprägt. Meine damalige Deutsch-Lehrerin hatte mich dadurch auch zu einer Veröffentlichung in einer Lokalzeitung ermuntert. Leider war später meine Kreativität immer nur im Vorfeld oder während einer manischen Phase so ausgeprägt, dass ich etwas zu Papier bringen konnte. Zum Abschluss einer Geschichte ist es dann nie gekommen oder es war so wirres Zeug, geprägt durch meine Gedankenraserei, dass niemand etwas damit anfangen konnte. Die Idee zum Schreiben von Kurzgeschichten ist durch mein großes Interesse an Stand-up-Comedy und dem Kabarett neu entflammt und mein Schreibstil wird auch durch diese Darstellungsart getragen. Getrieben von meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn werfen mich sehr häufig für mich offensichtliche Missstände in unterschiedlichen Bereichen völlig aus der Bahn. Meine Wut und die Verzweiflung über meine Handlungsunfähigkeit, etwas zu verändern und auch die Illusion eines unkomplizierteren Miteinanders soll durch die schriftlichen Formulierungen ihres fiktiven Charakters entledigt werden. Der Gedanke, auch meine innerliche Zerrissenheit und das Bedürfnis „gesehen zu werden“ in meinen Geschichten zu kompensieren, wurde von mir in Erwägung gezogen. Also versuchte ich, in der Geschichte meiner Wut und der Verzweiflung Ausdruck zu verleihen und verpackte sie mit ein wenig Humor, Witz und Sarkasmus. Entscheidend für mich war, die Sache bis zum Ende durchzuziehen und die Hoffnung, mich ein wenig besser zu fühlen.

Durch die Beeinträchtigung (bipolar affektive Störung) wurden viele Projekte von mir geplant, fanden leider aber sehr oft keinen Abschluss. Diese Geschichte besitzt eine Einleitung, einen Mittelteil und auch ein Ende. In mir hat sich während und durch das Schreiben eindeutig etwas verändert. Was da genau vorgegangen ist und zu einer inneren Ausgeglichenheit geführt hat, bedarf wohl noch einer längeren Analyse. Sicher kann ich behaupten, mir ging es nach dem Schreiben erheblich besser und vielleicht ist diese Kreativität ein neues Ventil für mich, um ein wenig Dampf abzulassen. Wünschen würde ich es mir, auch für meine Frau, die oft genug meine Verbitterung und meine Wut auffängt, die mich ertragen muss und mich trotz meiner Beeinträchtigung immer wieder aufs Neue stützt. Wenn durch meine Schreiberei auch unsere Beziehung etwas Entlastung erfährt, wäre das ein toller Effekt. Es sind nicht viele in der Lage und haben die Kraft, mit Menschen wie mir in einer Beziehung zu leben. Die in den Jahren noch übrig geblieben sind, möchte ich auf keinen Fall missen und die, die mich liebt, nicht auch noch verlieren. Deshalb nutze ich jede Möglichkeit, meine Stimmungsschwankungen in einem erträglichen Maß zu halten, und wenn Schreiben mich dabei unterstützt, dann schreibe ich auch.



Foto © Björn Filsinger

„Prozess-Optimierung“ im Alltag

Die Sache mit der Rinne

Extrem harte Zeiten sind das heutzutage, in denen sich sogar in mir sehr oft Schwierigkeiten ansammeln, die in ihrer gefühlten Masse für mich kaum noch Raum lassen, um mich einfach nur so, wie es eigentlich sinnig wäre, ganz entspannt im Alltag zurechtzufinden.

Da ereilt einen urplötzlich, aus heiterem Himmel (wo sich meiner doch meistens sehr bedeckt hält), die Nachricht von dem „Coming-Out“ eines guten Freundes. Mit dem hast du vor noch gar nicht so langer Zeit, es war auf der letzten Konfirmationsausfahrt, deinen Schlafsack geteilt? Kurz vorm Wegnicken wurde damals aber nicht über sexuelle Ausrichtungen diskutiert. Wir hatten denselben Outdoor-Hersteller und die Reißverschlüsse passten exakt ineinander. Also eine große Decke zusammengeratscht und uns drunter geschmissen. Einen Gedanken daran, dass diese Aktion in irgendeiner Weise mit der abgedroschenen Phrase „aus der Reihe tanzen“ in Verbindung stehen könnte, gab es überhaupt nicht. Und was soll jetzt mit ihm passiert sein? Es ist etwas über ihn „rausgekommen“ oder ans Tageslicht gelangt (wenn ich den Begriff „Coming-Out“ richtig übersetze)? Wir haben uns doch schon immer über die Dinge ausgetauscht, die uns bewegten. Grenzenloses Vertrauen war bei uns eine Selbstverständlichkeit. Jetzt will er mit dem alten Hut: „Männer sind doch mehr mein Ding!“ versuchen, ein Riesenfass aufzumachen, weil das mal grade so trendy ist? Da steckt bestimmt seine „Alte Zippe“, die Ann-Katrin dahinter! Die mochte ich noch nie, die hatte mit geschlechterspezifischen Themen schon immer extreme Probleme. Konservativ ist die, in fast allen gesellschaftspolitischen Angelegenheiten, aber auch sowas von konservativ. Nee, die mag ich überhaupt nicht. Sollte sich mal einige Akteure beim ESC reinziehen (für Ann-Katrin: European Song Contest!), die brauchen sich heute gar nicht mehr zwischen Männlein und Weiblein eindeutig zu entscheiden. Die bedienen sich an sämtlichen geschlechtsbezogenen Attributen und das ist denen dann völlig „Wurst“. Dazu stammen die auch noch aus einem Land, das im Alleingang Einreise-Kontingente beschließt. Wenn 80 Flüchtlinge eingereist sind, wird hinter dem letzten die Schranke zugehauen. Es ist denen täglich scheißegal, was mit den restlichen Tausenden von verzweifelten Menschen passiert, das wird dann einfach auf morgen verschoben. Eine Berg-Ziegen-Region eben. Leider keine Erklärung für die innere Zerrissenheit der Einwohner, nur für die Unfähigkeit der politischen Führungsriege. Viele dort kämpfen ganz offensichtlich mit extremen politischen und auch persönlichen Entscheidungskonflikten. Die Politik kann sich nicht für eine gemeinsame Lösung entscheiden und weigert sich, mit ihren Bündnispartnern einen Plan für die humane Integration der Flüchtlingsströme auszuarbeiten. Die Bürger gehen einem Für oder Wider einfach aus dem Weg. Schmeißen alles in einen Topf und dann stehen da solche Gestalten wie beim ESC (für Ann-Katrin: European-Song-Contest!) auf der Bühne, hinterm Mikro eine Frauengestalt mit Vollbart. Mit solch einer Zerrissenheit sollte sich die Ann-Katrin mal lieber auseinandersetzen. Was über ihren Hans-Dieter auch immer rausgekommen sein soll, weiß ich bis heute nicht. Mit dem ist sie auf jeden Fall noch gut bedient, und dass Männer auch Männer lieben, ist doch schon seit Ewigkeiten bekannt. Wer sollte sich auch anmaßen, uns in der Richtung Vorschriften zu machen - außer Ann-Katrin natürlich. Die mag ich aber auch so wirklich überhaupt nicht, die alte Zippe.

So, jetzt habe ich mich wohl auch ausreichend künstlich aufgeregt. Die geht mir aber auch auf den Geist, die Alte von Hans-Dieter. Ich fahre jetzt und hier genau an diesem Punkt mal leicht runter und versuche einen Neustart, mit einer gesellschaftspolitischen Fragestellung, die uns auf den Weg zur Kernaussage der Erzählung eine Rückführungsunterstützung sein soll. Immer häufiger treffe ich, sogar im engen Freundeskreis, auf offensichtlich rein männlich ausgerichtete Gesellen mit einer nach innen gekehrten und oft dazu nach außen strahlenden Orientierungslosigkeit. Was soll also werden mit der Definition der Rolle des Mannes in der Gesellschaft oder auch nur dem Bild Mann an sich?

„Neue Männer braucht das Land“ - aber woher nehmen und von wem?

„Macho, Macho“ - passt vielleicht nicht mehr so wirklich in die heutige Zeit?

Oder doch lieber: „Männer sind Schweine“?

Kann ich als männlicher Teil der Bevölkerung wirklich noch nur Mann sein oder sollte ich mein Verhalten und mein Handeln von mehr weiblichen Attributen steuern lassen? Vielleicht in der rein sexuellen Ausrichtung doch mehr homosexuell, ein bisschen bi oder konsequent geschlechtslos? Und kümmert sich eigentlich überhaupt noch irgendjemand, und auch wenn es eine Frauenbeauftragte ist, um eine neue Definition?

Die beruflichen Auswirkungen stehen ja nun leider auch so gar nicht im öffentlichen Fokus. Morgens gehst du noch beschwingt und unbeschwert ins Büro. Um 09:34 Uhr ruft jemand aus den oberen Etagen in der Abteilung an, um eine Latte-Macchiato-Bestellung aufzugeben. Natürlich möchtest du beim Management Punkte sammeln und schnappst dir das bestückte Tablett. Flugs hinaufgefahren in die 48. Etage, der Sekretär mit dem Dauergrinsen winkt dich gleich locker durch. Ein kurzes, aber energisches Anklopfen und du trittst ein. Sofort fällt dir alles aus der Hand und zerschellt auf der Auslegware. Denn wer sitzt da hinterm Schreibtisch? Deine eigene Ehefrau. Auch wenn dort in der Partnerschaft anscheinend so gar nichts mehr kommuniziert wird, ist doch an dieser Stelle einfach auch Handlungsbedarf seitens der Regierung gefragt. Solch eine dramatische Situation will erstmal verarbeitet sein. Denn es war doch erst gestern, als sie noch so eine elegante Figur vorm Herd gemacht hat. Gekocht, geputzt, gewaschen, die Kinder unter Feuer gehalten und das hat ihr doch offensichtlich auch Freude bereitet. Beschwerden sind dir wissentlich nie zu Ohren gekommen. Zack, sitzt sie da, von heute auf morgen und dann auch noch gleich in einer Führungsposition. Viele Entscheidungen sind wohl auch ohne mein Wissen oder meine Kenntnisnahme sehr rasant getroffen und wohl auch Gesetze sehr schnell verabschiedet worden. Als bestes Beispiel ist in diesem Rahmen dann da auch gleich mal die Einführung der Frauenquote zu nennen. Klar ist, Veränderungen innerhalb der Rollenverteilung oder des Rollenspiels müssen offen und zeitnah mit allen Beteiligten diskutiert werden. Die Ausgrenzung des Mannes an sich sollte auch bei Entscheidungen geschichtlichen Ausmaßes nicht unterschätzt werden. Existentielle Folgen sind nun die Quittung für das männliche Geschlecht. Die Männer wirken hilflos, verstört und haben auch nicht ansatzweise einen Schimmer, wer, was oder auch wo sie sind, also quasi stehen. Die Krankenkassenverbände beobachten beim männlichen Teil unserer Bevölkerung schon seit längerem einen flächendeckenden Anstieg posttraumatischer Störungen. Auf die hört ja wohl aber auch niemand mehr oder die Frauenquote ist in dem Bereich zu hoch angesetzt und die rein männerbezogenen, statistischen Erhebungen fallen bei den Sachbearbeiterinnen einfach mal so unter den Tisch und werden somit gar nicht weitergeleitet.

Zum Glück gibt es nun gegen das viele weltliche Durcheinander und den stetigen Zerfall des „Großen Ganzen“ doch ein paar Menschen mit Gegenmaßnahmen im Gepäck. Zum Beispiel: Eine Gruppe von hoch qualifizierten Fachleuten, die sich ein brandneues, frei erfundenes Berufsfeld nur einfach mal so zu Eigen gemacht haben. Mein Nachbar ist einer von diesen Schlaumännern. Der agiert zusammen mit seinen Fachidioten irgendwo zwischen den Zeilen in einem jungen aufstrebenden Unternehmen. Branchenkenntnisse sind in diesem Bereich meiner Meinung nach völlig unwichtig. Dadurch erspare ich mir auch spezifizierende Erläuterungen zur Art des Betriebes und der Produktpalette seines Arbeitgebers. Mein Nachbar, das ist nämlich so einer von diesen „Controllern“. Die „controllen“ aber auch überhaupt nicht auf die charmante Art, wie man es vielleicht annehmen würde. Nein, im Gegenteil. Die werden zu jedem Ersten eines Monats mit einer Prämie belohnt, weil sie es mal wieder vollbracht haben, elementare Arbeitsabläufe, die über Jahrzehnte gewachsen sind, einfach über den Haufen zu werfen. Für mein Gefühl bewegt er sich dort auf sehr dünnem Eis. Ich würde sogar weit gehen, zu behaupten, solche „Controller“ kann man einfach nur hassen. Die Akzeptanz seitens seiner Kollegen wird auch von ihm selbst als sehr reserviert bezeichnet. Mein Nachbar teilt diese Meinung so gar nicht. Wirft also gleich mal null Toleranz für die Meinung seiner Kollegen auf den Markt und hält sich trotz der angespannten Lage für unentbehrlich und ausgesprochen wichtig. Hier wird vielleicht schon deutlich, dass zwischen meinem Nachbarn und mir einige Diskrepanzen in der Luft liegen. Doch in einer Sache laufen wir sehr konform, will sagen, sind wir gleich gestrickt: Wir sind beide sehr gläubig! Er glaubt an die Deutsche Bank, denn die zahlt in bar aus und ich glaube an nichts, was ich nicht anfassen kann. Sein uralter Glaube stammt aus einer Überlieferung eines sehr alten Songtextes von Marius Müller-Westernhagen. Meiner hingegen hatte sich schon in einem frühen Stadium meiner Jugend gebildet. Das war während eines Schulpraktikums bei einem Hausmeister eines elsässischen Mädchenpensionats. Manifestiert hat sich dieser Glaube dann während meines Modelljobs bei der Firma „Fromms“. Es ist jetzt für diese Story auch gar nicht so entscheidend. Auf jeden Fall startete mein Nachbar immer wieder Versuche, seine erst kürzlich, taufrisch und frei erfundenen Kompetenzen in seinem Alltag anzuwenden. Da es sich in meinen Augen um einen sehr fragilen Aufgabenbereich in einem fragwürdigen Bereich handelt, hätte ich das Ganze noch eine Weile hinterm Berg gehalten, bevor ich den Versuch gestartet hätte, eine inneren Berufseinstellung auf mein Privatleben zu projizieren. „Controlling“ ist nicht nur ein Trend - nein, vielmehr sollen damit sämtliche Prozesse innerhalb der Arbeitswelt optimiert werden. Das sagt er mit einer Überzeugung, die jedem Zweifel an seinen Worten sofort den Garaus machen soll. Dann fügt er noch seelenruhig hinzu, dass dieses „Controlling“ heutzutage unerlässlich sei. Er kann sich auch gar nicht vorstellen, wie das früher alles ohne Controlling überhaupt funktionieren konnte. Seine Kenntnisse über die Problematik der Übermittlung des disziplinübergreifenden Denkens seien ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Was sollen denn das für bescheuerte Kenntnisse sein? Den Ausdruck in seinen Augen kenne ich nur zu genau. So einen unbeirrbaren Blick hat auch dieses amerikanische Staatsoberhaupt immer aufgesetzt, wenn er den berühmt-berüchtigten Satz skandierte: „Yes, we can!“. Auf dem Kontinent, in dem sich dieser derzeit Regierende, in einem schneeweißen Haus Beherbergte hauptsächlich aufhält, muss wohl auch diesmal wieder so ein Schwachsinn entstanden und rübergeschwappt sein. Wenn es nach meinem Nachbarn geht, sollten da aber nicht nur Arbeitsprozesse „controllt“ werden. Nein, besser gleich die gesamte Belegschaft „controllen“ samt der Optimierung ihrer Persönlichkeit. Nur dadurch ist es möglich, die Effizienz (natürlich ausschließlich im Sinne der Wirtschaft) wirklich und real auf ein Höchstmaß zu steigern.

Was für ein Sermon! (Umgangssprachlich: Was für ein blödsinniges Geschwafel oder Gelaber).

Da stellen sich bei mir gleich massenhaft die Nackenhaare auf, aber so richtig auf Grusel lässt grüßen hoch drei. „Controlling“ ist für mich nur eine englische Wortspielerei. Mein Nachbar hingegen stellt dagegen die Behauptung auf, der jahrelange Kampf für selbstbestimmtes Handeln soll sinnlos gewesen sein. Nur um jetzt einem Wort eine tiefere Bedeutung zu verleihen? Wir besitzen doch schon lange fast alle ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Das Abwägen zwischen richtig oder falsch ist doch durch die ständige Überprüfung unseres persönlich Erlebten längst in Fleisch und Blut übergegangen. Die Begrifflichkeiten für Worte wie legal, illegal und scheißegal sollten auch bekannt sein, aber mein Nachbar ist der Auffassung, nur durch „Controlling“, und damit meint er, glaube ich, alles zu „controllen“, sei die Welt noch zu retten. Diese Einstellung halte ich doch für sehr befremdlich, ausgesprochen befremdlich!

Im Alltag sollte ich nun einer imposanten Demonstration der Umsetzung seiner beruflichen Qualifikationen bei einem durchaus banalen, wirklich alltäglichen Arbeitsprozess beiwohnen dürfen. Da hat es der Zufall mal richtig gut mit mir gemeint, aber so wirklich sehr gut!

Hoppla, Moment mal eben! Es sind hier doch Sätze eindeutig extrem umformuliert worden und auch ganze Passagen plötzlich nicht mehr auffindbar, einfach verschwunden. Ich weiß genau, dass mein Original-Skript eine viel präzisere Gliederung aufgewiesen hat und was ist aus meinem spritzigen, manchmal durchaus witzigen Schreibstil geworden? Das muss nachher gleich nochmal mittels Abgleichung gecheckt werden oder handelt es sich um eine 2. Auflage, deren Existenz mir mutwillig verschwiegen wurde? Da hat mein rachsüchtiger Nachbar doch sicher Kontakt zu meinem Verlag aufgenommen und dort wurden dann gleich mal seine zwielichtigen, dubiosen Dienstleistungen gegen mich eingesetzt. Für diesen Skandal kann nur er verantwortlich sein, denn ausschließlich dieser Typ steht am Ende meiner Story richtig dumm da und auch noch im strömenden Regen. Vielleicht für den Leser aber auch nicht unbedingt von Nachteil, obwohl ich im Vorfeld meinen Verleger eindringlich gewarnt hatte. Mit dieser erfahrungsneutralisierten Mafia soll er sich bloß nicht einlassen.

Dann steigen wir jetzt nahtlos in den Hauptteil ein. Meine Einleitung war schon kurz und knackig, so wie es mein Literatur-Professor gerne gesehen, ich meine natürlich: gelesen hätte. Trotzdem sind die so dreist, noch kurz vor dem Druck daran rumzuschrauben. Gesetzt den Fall, mein Nachbar hat wirklich seine Finger da mit im Spiel gehabt hat, zahle ich ihm das zurück oder einfach nur heim, das kriegt er von mir, aber so richtig.

Und siehe da, bereits am folgenden Morgen sollte ich eine Kostprobe dieser alles verändernden Prozess-Optimierung im Alltag serviert bekommen. Sogar auf der physikalischen Ebene soll seinen Worten nach alles auf den Kopf gestellt werden und bei konkreter Umsetzung seines so trendigen Wissens entsteht dann im Anschluss der Präsentation eine krasse Veränderung des Blickwinkels aller Beteiligten, die seinen Erklärungen nach sogar messbar sein müsste. Obwohl, man sollte nicht alles glauben, was mein Nachbar so von sich gibt, genauso wenig wie das, was andere so zusammenschreiben! Zum Glück versuche ich ja ständig auch, wieder einen Bezug zur Kernaussage meiner eigentlichen Story herzustellen, obwohl es immer schwierig für mich ist, nur eine Begebenheit zu beackern, und auch wenn ich vielleicht hier und dort ein wenig abschweife, hier nochmals ein direkter Hinweis zur Orientierung: Es geht immer noch ausschließlich um: „Die Sache mit der Rinne“!
Nun, just in diesem Moment haben wir endlich, wenn auch etwas verwirrt und holprig, die Einleitung hinter uns gelassen. Es geht nun richtig zur Sache, aber sowas von richtig. Ich würde empfehlen, sich vorzustellen es wäre halb Zehn irgendwo im hohen Norden. Das Waffelgebäck mit den undefinierbaren Inhaltsstoffen wurde von meinen Speiseplan gestrichen. Seit längerem bin ich davon überzeugt, dass nur die Werbefuzzies daran interessiert sind, mir zu suggerieren, so ein ernährungstechnisch völlig wertloses Produkt exakt um diese Zeit in mich reinzustopfen sei für mich in irgendeiner Weise von Vorteil. Sowas lass ich mir von diesen Spinnern nicht mehr diktieren und esse dieses Produkt rein aus Protest erst um halb Elf. Vorteile verspreche ich mir von meiner Entscheidung auch nicht, aber ich bin halt ein „REVOLUZZER“. Ein noch so richtiger, vom alten Schlag und auch aus so einem Holz geschnitzt. Noch schlaftrunken hänge ich so auf der Terrasse rum, leicht in den Seilen. Dazu reiche ich mir gern eine selbstgedrehte Zigarette, die mit leicht gemilchtem Kaffee nochmal besser kommt. Da brettert er auch schon, der besagte Nachbar, auf mich zu. Er bewegt einen in porscherot gehaltenen Aufsitzmäher. Fährt dieses Gerät mit automatischen Grasauswurf, und auch wenn es von der Geschwindigkeit her eher Richtung Rentner mit Rollator geht, verursacht es dabei einen Riesenkrawall. Besonders bei eingeschaltetem Mähwerk. Der Nachbar ist natürlich wie immer zünftig gekleidet: blaue Latzhose (marineblau), blaurotes Hemd in Holzfälleroptik, Sicherheitsschuhe (für Kenner der Materie: S3), auf der Nase eine mächtige Schutzbrille (selbstredend) und einen knallorangefarbigen Gehörschutz über die Ohren geklinkt. Durchaus eine Standardausrüstung, wenn man ihm zugute hält, dass er versuchen möchte, auch Prozesse im Alltag zu optimieren. „Deine Dachrinne ist voller Laub!“, schreit er mir im Vorbeifahren zu. Ergänzt noch, er würde sich zeitnah um die Reinigung kümmern, und hat dabei merkliche Schwierigkeiten, gegen den Höllenlärm des Mähers anzukämpfen. Dann knattert er davon. Eigentlich war diese Aufgabe in meinen Verantwortungsbereich gewandert und das auch schon eine ganze Zeit. Diese Chance, einem optimierten Dachrinnen-Reinigungs-Prozess in Vollendung vom Fachpersonal ausgeführt live beiwohnen zu können, wollte ich auf keinen Fall ungenutzt an mir vorbeiziehen lassen. Ließ ihn also einfach mal machen.

Als er mit dem bleich-blassen grünen Plastikschäufelchen, das er offensichtlich seinem kleinen Neffen gewaltsam entrissen hatte, um die Ecke bog, war ich doch schon einmal ein wenig irritiert, möchte ich mal sagen. In der anderen Hand trug er einen alten, verblichenen 5-Liter-Eimer, ursprünglich einmal für den Transport und die Aufbewahrung von löwenscharfem Senf hergestellt. Das konnte man anhand der stark zerkratzen Aufschrift noch erahnen. Die Anstellleiter unorthodox unter den Arm geklemmt. Ich glaube mich noch schwach zu erinnern, dass die erste Sprosse stumpf weggebrochen war und zwei weitere sahen auch nicht mehr wirklich seriös aus. Eine schon extrem lädiert, die zweite sichtlich durch einen Riss geschwächt. Meine Verwunderung musste sich da ganz bestimmt in meinem Gesicht abgezeichnet haben. Dem Nachbarn konnte das sicherlich nicht entgangen sein. Der war aber so mit seiner Optimierung beschäftigt, dass er meine Gesichtsentgleisung wohl doch nicht wahrnehmen konnte und dadurch auch nicht kommentierte. Vielmehr war es an der Zeit, die Positionierung der Leiter vorzunehmen, die ihm so gar nicht richtig gelingen wollte. Langsam, bedächtig und sehr vorsichtig arbeitete er sich jetzt an der Dachrinne Richtung Fallrohr vor. (Für Laien sei an dieser Stelle erwähnt, das Fallrohr ist das Rohr, in dem das Regenwasser runterfällt Richtung Kanalisation). Stückchen für Stückchen. Immer nach dem Umstellen der Leiter tastete er sich schleichend nach oben, entnahm aus der Rinne ein paar Schäufelchen Laub und beförderte es mit sehr viel Bedacht in den Senfeimer. Während meiner beruflichen Laufbahn war eine effiziente Arbeitsweise immer unerlässlich, so dass ich mich dann auch irgendwann dabei erwischen lassen musste, dem Controller einen gezielten Tipp zukommen zu lassen. „Schieb den ganzen Dreck doch einfach zusammen und schaufel ihn dann raus!“ Wie schon gesagt, scheint dieser Schlag Mensch aber wahrhaftig absolut von seinem Tun überzeugt zu sein. Also beeinflusste ihn der Tipp so gar nicht und er bemerkte nur fast abfällig, dass bei dieser Vorgehensweise doch viel zu viel Dreck auf der Terrasse landen würde. Mein Vorschlag, den Dreck zum Schluss kurz zusammenzufegen, war für ihn auch nicht tragbar. Dabei würde es sich ja um einen weiteren Arbeitsgang handeln, der bei seiner Optimierung wegfällt und deshalb auch völlig unnötig ist. Solche unqualifizierten Ratschläge sollte ich besser für mich behalten. Seine Berufsehre wäre aufs tiefste verletzt, wenn er sein Konzept nicht bis zum Ende durchziehen würde. Die Rinne, wohlgemerkt sehr alt und aus Kunststoff, drohte einige Male zu zerbersten. Aber auch in diesen Situationen stand ihm seine Ehre im Wege, so dass er keinen Rat in Richtung Unfallverhütung meinerseits akzeptieren wollte. Zwei, drei Mal malte ich mir in den schönsten Farben den bestimmt sehr akrobatischen Abgang aus, den mein Nachbar hinlegen würde, angenommen, die Rinne würde wirklich nachgeben. Das mich zunehmend erheitert und mir auch einen wahnsinnigen Spaß gemacht. Das Ergebnis war atemberaubend. Mit dieser Aktion hat der „Controller“ eine „Prozess-Optimierung“ im Alltag hingelegt, da werden sich die Herausgeber des Guinness-Buch der Rekorde die Finger nach lecken. Die Sache mit der Rinne wurde von ihm so dermaßen in die Länge gezogen, dass er ein klärendes Gespräch mit der Mutter seines Neffen nicht abwenden konnte. Während der kompletten Aktion saß der arme Junge nämlich schreiend in der Sandkiste. Völlig erschöpft und schon leicht lila verfärbt fand ihn dort dann auch seine Mutter. Die machte sich dann wutentbrannt sofort auf die Suche nach dem Dieb des bleich-blassen grünen Plastikschäufelchens. Den hat sie dann auch ganz schnell dingfest gemacht, auf meiner Terrasse. Das gab vielleicht ein Theater, wunderbar! Seit dieser Demonstration seiner Künste liegt die Verantwortlichkeit für die Dachrinne wieder in meinen Händen. Mein Nachbar verliert seitdem kein einziges Wort mehr über sein neues, ach so trendiges Betätigungsfeld. Was aus seiner Berufsehre geworden ist oder ob ihn sein Beruf überhaupt noch ehrt, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Für mich steht fest, dass ich lieber doch kein „Controller“ sein will und verfolge lieber weiterhin meinen persönlichen Weg. Den halte ich, trotz mancher Zweifel, immer öfter für den Richtigen.

Und Schluss.

Aus aktuellem Anlass (Androhung körperlicher Gewalt und Verleumdungsklage meines Nachbars!) muss ich zulassen, trotz meiner grundsächlichen und für mich typbezogenen Worte („Und Schluss“), am Ende jeder meiner Kurzgeschichten, an dieser Stelle eine Fußnote abzudrucken.

Fußnote: Die umfangreiche und jetzt abgeschlossene Beweisführung, die von mir geleitet und finanziell unterstützt war, führte zu folgendem Ergebnis: Von meinem Verlag wurde keine 2. Auflage ohne mein Wissen verfasst und in Druck gegeben. Die von mir innerhalb der Geschichte erwähnten und für mich angeblich spürbaren Manipulationen entsprechen nicht der Realität. Hiermit möchte ich mich bei meinem Nachbarn für mein unprofessionelles Verhalten und die damit verbundenen, auf fälschliche Weise entstandenen Verdächtigungen förmlich entschuldigen. Die beschriebenen Personen und verwendeten Örtlichkeiten dieser Erzählung sind nicht meiner blühenden Phantasien oder psychiatrischen Einrichtung entsprungen.

So, Hans-Dieter, ist jetzt endlich wieder alles gut oder muss ich mich auch noch separat bei Ann-Katrin förmlich entschuldigen? Alle Mitglieder unserer gemeinsam gegründeten Wasserballettgruppe „Hoch das Bein“ vermissen dich, sogar Peter. Also fass dir ans Herz und reib endlich einmal mit dem Schwamm über die Sache. Langsam gefährdet dein erheblicher Trainingsrückstand auch die Teilnahme an den Kreismeisterschaften. Zwing mich bitte nicht dazu, auf Knien vor dir herzurutschen, dazu kennen wir uns doch viel zu lange. Denk doch an unseren gemeinsamen großen Traum und lass doch nicht meinen einmaligen Ausrutscher für das drohende Scheitern unserer sportlichen Kariere ausschlaggebend sein.

Gezeichnet: Die gesamten Vereinsmitglieder, auch Peter.

Der Dank des kompletten Vorstandes des „MSV Wasserratte 08 e.V.“ (einschließlich Peter) gilt an dieser Stelle auch der Lebensabschnittspartnerin eines unserer wichtigsten aktiven Vereinsmitglieder. Sie war sogar bereit, ihren Partner durch Androhung von seelischer Gewalt in dieser aussichtslosen Situation durch Liebesentzug zur Rückkehr in die Wasserballettgruppe zu bewegen. Durch ihren aufopfernden Einsatz hat sich die angespannte Situation zwischen ihr und einem der Gründerväter des „MSV Wasserratte 08 e.V.“ leider nicht verändert. (für Ann-Katrin: „Der mag dich immer noch nicht!)

Gezeichnet: Der Vorstand (Peter hat sich wegen eines persönlichen Gewissenskonfliktes dann doch gegen die Unterzeichnung dieser Passage entschieden).
 

Der Autor

Björn Filsinger, geboren 1965 in Hamburg/Harburg, aufgewachsen in Seevetal. Schon in der frühen Jugend durch plötzlich auftretende Depressionen in seinem Dasein gestört. Durch den Unfalltod seines älteren Bruders innerhalb der ersten Krankheitsphase, mit zu jener Zeit noch nicht diagnostizierten Symptomen zusätzlich extrem erschüttert. Seitdem ohne Ablass auf der Suche nach sozialen Nischen und einem erträglichen Umgang mit seinen unberechenbaren Stimmungsschwankungen. Immer wieder aufs Neue durch Selbstzweifel, zwanghaftes Verhalten, Ängste, Depressionen und Suizidversuche ausgebremst und von manischen Phasen getrieben. Ständig neue Ziele glasklar vor Augen, doch durch seine Beeinträchtigung immer wieder weit zurückgeworfen.

© 2016 Björn Filsinger

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.



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