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Kurzgeschichten von Franz Moritz Sturm

Muse

Hypersensible Menschlein können Ihre besonderen Fähigkeiten meist nur mit Musen öffnen. Mit ihnen können Sie übersteigerte Kreativität durchleben und großes Staunen erzeugen. Meine Muse öffnete mir den bis dahin verschlossenen Raum des Schreibens und Dichtens.

Tiefe innerste Verbindung, oft Romanzen, selten Liebe, sind Schlüssel zu des Künstlers stimmungsgeladenen Nischen, Räumen oder Sälen. Eine Muse schafft erst die Möglichkeiten zur überhohen Ausbreitung seiner fliegenden Gedanken. Durch ihr Dasein, ihren Liebreiz, ihre Stimme, ihre Erotik, ihre Aufmerksamkeit entstehen erst neue Gedankenwege, inspiriert sie ihn.

Sie erlebt Außergewöhnliches, hört geduldig zu, fördert und fordert den Meister, wann immer sie kann. Lobt und lobt und lobt und er, er ignoriert oft die extreme Belastung. Er lässt extravagante Blumen erblühen, schillernde Gräser sprießen und im klirrenden Winter sieht er in voller Blüte stehende riesige Kastanienbäume.

Sie gibt unbewusst, allein durch ihre Anwesenheit, Ideen für erneute Höhenflüge. Was sie ihm flüstert, wie sie ihn anschaut, streichelt über seinen Geist, im Tiefen seine empfindsame Seele. Während seine Liebe zu ihr sprunghaft wächst, genießt sie seine Stürme. Die Zeit des Überfliegens saugt sie voller Lust in sich auf; sie will für immer mit ihm das illustrierte, farbenfrohe Karussell fahren; nur nicht anhalten, sagt sie, wie ein Kind.

Sie beide sehen über sich nur noch Himmelblau, doch Wolken trüben bereits das Bild. Anfangs völlig ungewohnt, erreichen sie von ihm verzerrte Sprachbilder; die kann sie noch entschlüsseln. Der Abstieg wird noch hinausgezögert, doch er ist nicht aufzuhalten, enorme Höhen folgen, voller Erschöpfung, extreme Tiefen, schwarze Löcher in seinem Bewusstsein.

Das mitleidende Medium hält aufgrund ihrer Normalität diese Spannungen nur schwer, aber doch aus, wissend, es geht schon bald wieder hoch hinauf.

© Franz Moritz Sturm 2012

Seifenblasenoper

Laute, rockige Musik wird von Laserlichtstrahlen förmlich in Scheiben geschnitten und die der sich darin zuckend bewegenden Leiber anscheinend auch. Der immens große, betonnackte Raum, ist in Schwingungen versetzt, die den anwesenden Individuen alles, nur keine Ruhe zukommen lassen. Alles zuckt, dreht oder räkelt sich. Heiß getanztes Blut ist sichtbar am Überkochen; das Jungvolk steht sozusagen im eigenen Saft!

Ich, Marie-Ann, habe mir diese Disco bewusst zum Abtanzen ausgesucht. Im Moment stehe ich noch am Rand der heißen Zone der Glastanzfläche, versuche mich an den Sound zu gewöhnen, meinen Körpergefühlen die Chance zur Anpassung zu geben, die Schwingungsbereitschaft bei gleichzeitigem totalen Loslassen zu versuchen.

In meinem Hinterkopf steckt die Begründung für meinen heutigen Auftritt an dieser Stelle: Ich will mir einen Kerl holen, einen richtigen Mann, an dem ich meinen Frust wegen der misslungenen, katastrophalen letzten Beziehung würde abarbeiten können! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So beschließe ich meinen alten Trick anzuwenden; ich bleibe einfach stehen, wo ich stehe und beteilige mich nicht an der Dauerpräsentation der Kids vor den älteren, meist wüst aussehenden heranwachsenden Jungs. Zeitweise amüsiere ich mich darüber, wie sie in Gruppenstärke bis hin zu Schwärmen sich den etwas besseren Freaks anbiedern; eigentlich günstiges Frischfleisch für diese. Aber die Jungs lassen einfach abtropfen, was ihnen zu nahe kommt; sie warten auf die spätere Nacht, um dann abzugreifen, was widerstandslos, weil total heruntergeladen ist. Die Jungs handeln nach der Devise: nur keine Auseinandersetzungen mit irgendwelchen Ordnungskräften (inoffiziellen wie offiziellen) riskieren wegen Minderjährigkeit oder anderen Gründen.

Ich habe mich nach zweieinhalb Stunden schon fast damit abgefunden, dass sich heute Abend wohl kein geeignetes Mannsbild zeigen würde. Meinen Trick, die ignorierte Tussi zu spielen, die man leicht mit einem einzigen Tanz ins Körbchen führen kann, will ich gerade aufgeben, als es auf der Tanzfläche funkelt wie bei einem gleißenden Blitzlichtgewitter. Ein umwerfend scharfer Typ zelebriert seine Eigenpräsentation. Wow, was für ein Kerl: Maße und Aussehen wie jung Siegfried. Ich bin sofort wie elektrisiert; welch eine Aura, was für Packungen überall!! Es geht durch mich wie ein großer, warmer Regen und eine Segnung zugleich. Es zieht mich zu ihm und ich merke, wie er mich bereits mit dem ersten seiner messerscharfen Blicke Stück für Stück auszieht und mich gleichzeitig anzieht wie ein Magnet.

Das junge Gemüse leistet keinen Widerstand. Sie merken sofort, dass sie hier jetzt nichts verloren haben, bestenfalls können sie zuschauen, etwas dazulernen oder spontan kreischen. Ich hingegen mache mich in Gedanken daran, den Adonis für mich in kleine, feine Häppchen zu zerlegen. Eine Berührung hier, ein Schubs da; je mehr er sich wehrt, desto mehr attackiere ich ihn, kneife ihm in seinen geilen Arsch, hauche ihm meinen heißen, liebestollen Atem auf die Brustwarzen, die aufblühen, so dass es ihn erschrocken haben muss.

Langsam begreift er, dass nicht er an diesem Abend die Bühne als Sieger verlassen würde. Nein, er wird abgeführt werden, er wird Leistung bringen müssen, sie wird bestimmen, wo es lang gehen wird!

Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr meldet sich sein Körper mühsam zurück. Etwas unangenehm Kaltes und Nasses stupst ihn in seinem noch übermüdeten Gesicht und weckt in ihm das Gefühl: He, werde wach! Er erschreckt ein wenig, erkennt aber sofort, dass er gerade von einem Hund geküsst wurde. Das ist kein normaler Hund, Ron, mein Mischlingsrüde, wirkt auf ihn anscheinend wie eine Bestie, bestehend aus einem Teil Wolf und einem Teil Husky. Der Rüde zeigt sein prachtvolles Gebiss, indem er bedrohlich die Zähne fletscht.

„Bin ich immer noch gefangen?“ fragt er mich. Ich bin mit einem hauchzarten Negligé bekleidet und ordne gerade etwas Essbares auf dem Tischchen an, das neben meinem nächtlichen Lotterbett steht. Sein kraftvoll zischendes „Sitz“, verbunden mit einem eindeutigen Fingerzeig, klärt für Ron, meinen Hund und Beschützer, die Fronten. Ron versteht, ohne jeden Widerspruch, sofort seine neue Rolle, im Gegensatz zu mir, denn mein Ich ist auf eine ganz andere Weise wie umgedreht.

Der, mit dem ich die Reste der vergangenen Nacht mein Bett durchwühlt habe, ist Carlos, mein seit Jahren geträumter Traum von einem Mann. Er hatte darauf bestanden mich in seinem Wagen, einem riesigen Porsche, nachhause zu bringen. Unterwegs erzählte er mir von seiner Jacht auf dem Rhein, seinem Haus mit eigenem Kino, seinem Studium, seiner Selbstständigkeit, seinem hohen Einkommen, seinen mehrfachen jährlichen Fernreisen, Finanztransaktionen mit Aktien, Golfplatz und, und, und.

Mein Kopf ist vollkommen wirr, wie durch den Wind. Gibt es so was überhaupt? Soll ich mich an so etwas versuchen, die ich doch solche Verhältnisse überhaupt nicht kenne, aber gerade darum auch nicht fürchte. Und da ist ja auch noch diese restliche, überaus verrückte Nacht voller erotischer Außergewöhnlichkeiten, die ich niemals mehr würde vergessen können und auf die ich ebenso wenig würde verzichten wollen. Alles, was ich bisher für wünschenswert gehalten hatte, habe ich tatsächlich erlebt und noch mehr. Orgasmen hatten mich überschüttet, und ich bin mir sicher, ihn genauso. Carlos musste das Gleiche empfunden haben wie ich! So erschöpft, wie er jetzt da liegt, gibt es für mich keine andere Deutung. Es waren aber nicht nur die harten Dinge, die mich erfreuten. Mit seinen Küssen, die meinen ganzen Körper bedeckten, zeigte er seine Fähigkeit zur Zärtlichkeit, was mich von der großen Liebe träumen lässt.

Genussvoll machen wir uns über das aufgebaute, leckere, vitaminreiche Fruchtfrühstück und mittendrin schon wieder über einander her, bis uns unsere intimsten Stellen schmerzlich daran erinnern, das zu viel ist, was zu viel ist.

Ganz offensichtlich findet Carlos mich und auch Ron so richtig gut, auch nachdem ich offenbart habe, ebenfalls auf dem Wege des Studiums der Ökonomie zu sein und Sport zu lieben.

Natürlich hatte er mein allgemeines Interesse bezüglich seines Umfeldes nachhaltig geweckt. Ich drängte ihn, mir alles zu zeigen, von dem er mit großen Worten erzählt hatte. In meinem Kopf schwirrten seine Vorlagen wie wild durcheinander: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Pferd und obendrein noch meine Freundin“! Nicht wirklich glaubhaft, oder… ?

Doch seine Erzählungen schienen sich zu bewahrheiten. Was in mir aufbrandete, war unbeschreiblich. Hin- und hergerissen war ich zwischen meinen inneren Stimmen. Ich, die ich eher aus recht einfachen Verhältnissen stamme, die ich mich unter größten Mühen etwas empor gearbeitet habe, sollte so was wie eine Prinzessin werden? Ich sollte mehrere Schritte der Erfolgsleiter auf einmal überspringen können, in andere Schichten der Gesellschaft eingeführt werden! Ich, warum ich? Ach was, kein Problem, da gehöre ich doch sowieso letztlich hin. Es geht eben nur ein bisschen schneller als erwartet. Hier bot sich eine Gelegenheit, die ich unter keinen Umständen liegen lassen durfte. Eine riesige Herausforderung, aber ich und meine Liebe würden sie beim Schopfe packen.

Die nächsten Wochen waren überlagert vom Eingewöhnen in die neuen Verhältnisse, denn ohne jede Wartezeit, war ich bei ihm eingezogen, und nun genoss ich meine neuen Möglichkeiten in vollen Zügen, nicht ohne ihn aufs Wildeste wieder und wieder mit meiner körperlichen Liebe extrem zu verwöhnen. Er genoss genau wie ich die neue Situation. Als sichtbares Ergebnis buchte er mit mir eine teure Tauchreise ins ferne Ägypten, nach Sharm el Sheikh. Ich strahlte vor Glück, während meine Freunde und Freundinnen sich nach dem ersten Zusammentreffen mit Carlos immer mehr von mir abwendeten.

Er war schon daran interessiert mein bisheriges Umfeld kennen zu lernen, doch sein Interesse war äußerst einseitiger Natur. Seine Suche konzentrierte sich auf deren Geld bzw. verwertbare Vermögenswerte. Als erstes überzeugte er mich davon, dass alle strohdumm sein müssten, die länger als bis zu ihrem 40. Lebensjahr arbeiten. Mit Sicherheit sei er mit 40 Jahren Millionär und Privatier. Seine meist ohne eigenes Geld getätigten „Investitionen“ in Aktien und Spezialpapiere seien so mit seinem und dem Wissen eines Spezialisten abgesichert, dass egal, ob die Kurse fallen oder steigen, er immer Gewinner sei. Alles wäre per Computer gesteuert und jederzeit abrufbar über sein Apple Handy, mit dem er zeitaktuell stets verbunden sei. „Todsichere Sache“, war sein O-Ton! Da er gerade mal 32 Jahre alt war, sollte es also nur noch acht Jahre dauern und „wir“ würden Millionär sein. Anfangs war das für mein noch unbedarftes Köpfchen eine wahrliche first-class Aussicht.

Was meine Freunde und insbesondere meine Freundinnen anging, so waren diese recht schnell verschwunden. Carlos kommentierte ihr Wegbleiben mit den Worten: „Die dummen Hühner, auf die kannst du und erst recht ich, leicht verzichten, denn die bringen dich in deinem Leben sowieso nicht voran“. Übrig blieben am Ende eigentlich nur seine vermeintlichen Freunde und -mit von ihm gewolltem Abstand- seine engste Familie. Den Kontakt zu seinen Leuten führte ich immer wieder gegen seinen Willen herbei. Die Kontaktpflege zu meiner Familie beschränkte er seinerseits auf ein Minimum, denn schon gleich nach der ersten Begegnung war ihm anscheinend bewusst, dass die Gegenseite viel zu gut sein Thema verstand und die Risikogeschäfte wohl genau kannte. Neuerlichen Diskussionen ging er da doch besser aus dem Weg und blieb in Zukunft unentschuldigt einfach fern. Dass sich auf seinen Konten immer mehr Geld anhäufte, wie er anfangs behauptete, konnte ich nie beobachten.

Ron war der erste Leidtragende. Von mir, wie ich glaubte, ordentlich erzogen, bekam der Hund sehr bald Carlos‘ harte Hand voll zu spüren. Rons Selbstvertrauen war innerhalb kürzester Zeit gebrochen. Ein Hund müsse sofort und auf jedes Kommando ohne Verzug und unterwürfig gehorchen, war Carlos‘ Devise. Mein Hund sei doch nur eine Töle, ohne Kraft und Saft, sowie voller Verspieltheit, was er nicht akzeptieren könne. Die Umerziehung samt Gehirnwäsche dauerte gerade mal zwei Wochen. Danach erkannte ich Ron zwar kaum noch wieder und noch weniger merkte ich, dass mein Gehirn bei dieser Gelegenheit von Carlos gerade mit gewaschen worden war. Was Ron anging, freute der sich auf die Urlaube, wenn er zu meiner Mutter und deren Mann ausgelagert werden konnte. Dort genoss er, dass ihm nicht nur das Fell sondern auch seine Seele gestreichelt, und er kurzzeitig wieder aufgerichtet wurde, was allerdings regelmäßig mit einer heftigen Nachschulung durch Carlos endete.

Außer der Tatsache, dass ich die ersten negativen Entwicklungen mit fast geschlossenen Augen hin nahm, ja mich sogar verteidigend hinter Carlos stellte, genoss ich in erster Linie die schönen Seiten mit meinem neuen „Vorzeigefreund“. So einen hatte ich vorher nie den meinen nennen können. Nach wie vor gefiel mir sein äußerer Auftritt: seine modernen, teuren, maßgeschneiderten Klamotten, seine Schuhe, seine Sportlichkeit, sein Haus mit Garten, sein Klotz von Off Road– Auto, die Haushaltshilfe, das erstmalige Golfspielen, einige „gesellschaftsfähige“, dringend notwendige neue Kleider für mich, …. . Was mich jedoch am meisten beeindruckte, war seine selbstsichere Art, mit seinem Umfeld aber auch mit mir zu reden. Die Bildung knisterte sozusagen in der Luft, ich war schon mächtig stolz. Doch all das machte unsere Verbindung noch nicht so perfekt, wie ich es mir erwünscht hatte. Tief in mir drinnen wurden Zweifel wach. Ich träumte doch nicht nur von Liebe, von einer dauerhaft glücklichen Verbindung, ich schien sie doch in Händen zu halten! Mein Herz pochte, wenn ich ihn sah, die Schmetterlinge in meinem Bauch tanzten Polka, wenn er sich mir nur näherte und meine Ohren mit den schönsten Dingen zum Schwingen brachte. Wenn seine sanften Hände mich streichelten, bis meine gesamte Oberfläche in Vibrationen verfiel und erst recht, wenn er in mich eindrang um ganz und gar gierig von mir Besitz zu ergreifen, dann drohte mir die göttliche Ohnmacht. Natürlich war ich in dieser ersten Zeit hin und weg, schob blindlings erste erkennbare Ungereimtheiten beiseite und glaubte fest an die Chance, meine Liebe an die seine anzudocken und daraus gemeinsam eine ganz große Liebe entstehen zu lassen.

Bereits nach recht kurzer Zeit und auch wegen Reparaturarbeiten in meiner Wohnung überzeugte er mich zum endgültigen Umzug in sein Haus. Da nicht genügend Platz vorhanden war, und weil meine Wohnungsausstattung ihm zu primitiv war, wurde mein gesamter Hausstand verkauft oder verschenkt. Dass ich so gerade in eine weitere Abhängigkeitsfalle getappt war, begriff ich erst viel später. Kaum eingezogen, machte mir Carlos klar, ich hätte jetzt einen Miet- und Nebenkostenbeitrag zu leisten, was mich zwar stutzig machte, ich aber, wenn auch ungern, tolerierte. Im gleichen Atemzug verlor ich die Haushaltshilfe; ich hatte mit einem Schlag ein ganzes Haus mit Garten sauber zu halten und das zusätzlich zu einem oft 12 Stunden langen Arbeitstag mit einem berufsbegleitenden Studium, Hund und Mann. Letzterer genehmigte sich jeden Morgen genüsslich ein einstündiges Vollbad.

Die scheinbar gewonnenen Annehmlichkeiten gingen systematisch verloren. Was aber dann - für mich wie aus heiterem Himmel - geschah und was ich niemals vorher erlebt hatte, erschütterte mich zutiefst. Carlos stand nicht mehr aus dem Bett auf, verdunkelte alles, wollte nicht mehr angesprochen werden, jammerte, heulte, wollte nicht mehr leben, hatte berufliche Ängste, Einkommensängste, Versagensängste. Vor mir war ein einziger Jammerlappen, ein Nichts von dem, was mich so angemacht hatte. Auf einmal war ich allein, allein mit unendlich vielen Entscheidungen für mich selbst, aber auch für ihn, meinen Traummann. Von der erhofften Liebe war rein gar nichts zu spüren, eher das krasse Gegenteil, nämlich erhöhte Anforderungen an meine soziale Seite. Von der Geliebten war ich zu einer häuslichen Krankenschwester mutiert.

Diese Zeit öffnete mir ein weiteres Stück meine Augen. Ich bekam Einsicht in seine Post und in diverse private Papiere und somit in größere Teile seiner wirtschaftlichen Situation. Das Kartenhaus fiel plötzlich in sich zusammen; mein anfänglicher Höhenflug entwickelte sich zu einem Sturzflug.

Mir blieb fast die Luft weg, als ich das wahre Ausmaß seiner desolaten finanziellen Lage erkannte: Miete kalt 1.400 €, Nebenkosten 400 €, Auto 1.800 € Finanzierung (Eigentümer gar nicht er, sondern meine Vorgängerin), Krankenkassenrückstände 30.000 €, Steuerschulden 100.000 €, Golf Jahresgebühr 1.500 €, Wertpapiergeschäfte weitgehend wertlos, schlechte Schufa, d.h. nicht mehr kreditwürdig. Das zu versteuernde Einkommen reichte bei weitem nicht aus, seine immensen Schulden neben den laufenden Haushaltskosten zu decken. Mir hatte er unlängst ein Auto der Oberklasse vorgeführt, das er unbedingt haben müsste, um im Porsche- Club bleiben zu können. Das Auto sollte auf meinen Namen finanziert und gekauft werden, monatliche Belastung knapp 2.000 €. Bin ich denn Rockefeller? Meine Nackenhaare begannen sich wie Borsten zu stellen. Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, wie ich aus dieser Situation wieder raus kommen könnte; aber so leicht konnte mein Verstand nicht die Oberhand gewinnen, ich war gefühlsmäßig schon viel zu eng mit Carlos verbandelt, als dass ich ihn nun so einfach liegen lassen konnte. Das passte überhaupt nicht zu mir und meiner sozialen Ader.

Nach einigen Wochen hatte er sich erholt. Alles verkehrte sich wieder ins Gegenteil, seine verbale Stärke kehrte Stück für Stück zurück. Alles, dem er in seiner Schwächephase zugestimmt hatte, wurde von ihm revidiert, für ertrotzt und gestohlen oder als von mir eigenmächtig entschieden dargestellt und zum größten Teil zurückgenommen. Da ihm ganz offensichtlich das Übersteigerte besonders gefiel, griff er sofort nach dem probaten Mittel, seinem Körper und seinem Geist noch einen massiven Schub zu verpassen. Er buchte einen Sonne-und-Meer-Urlaub mit angeschlossenem super Tauchlehrgang im paradiesischen, fernöstlichen Thailand. Er bot mir an mitfahren zu dürfen, wenn ich meinen Anteil an den Reisekosten selbst bezahle. Gesagt getan, mein Konto bäumte sich zwar auf, es ächzte und wollte das Salzwasser ausspucken, letztlich ließ es mich doch mitfliegen.

Natürlich hatten wir einen wunderschönen Urlaub. Carlos zeigte sich prächtig erholt. Wir genossen die Zeit und auch die Zweisamkeit. Neue Kraft kam direkt bei mir an. Ich empfand alles wie eine Wiedergutmachung für die letzten schweren Wochen, blendete die ganzen Problempunkte einfach aus und genoss unsere Zeit, mit der Hoffnung, zuhause würde sich alles zum Besseren wenden, auch Carlos.

Falsch gedacht. Zurück im alten Trott verschlimmerte sich noch alles. Derart aufgeladen und dreist, mit verletzenden Worten um sich werfend, die mich bis ins Mark trafen, hatte ich Carlos bisher noch nicht erlebt. Mein Studium, auf das ich so stolz war, sollte plötzlich für mich ungeeignet gewesen sein. Er wollte mir einreden, meine Leistungsfähigkeit würde niemals ausreichen, das Studium zu Ende zu bringen. Dabei war doch vorher alles in Ordnung, hatte er mich doch scheinbar gerne unterstützt. Von ihm unter Druck gesetzt war ich immer öfter mit auf dem Golfplatz und verlor so die Zeit, die ich dringend für mein Studium benötigt hätte. Auf einmal sollte ich lieber das Haus gründlicher putzen; er beschimpfte mich als „Schlampe“ und zwang mich zu mehr Putzleistungen als vorher von unserer ehemaligen Putzfrau erbracht werden mussten.

Beschimpfungen wie „Flittchen“ oder „Du bist der letzte Dreck“ hagelte es wieder und wieder auf mich hernieder. Für mich war das kaum noch auszuhalten. Meine Tränen ließen sich längst nicht mehr zurückhalten. Doch wenn ich glaubte, es geht gar nichts mehr, lag er plötzlich auf den Knien vor mir, stammelte Worte wie „Verzeihung“, „Entschuldigung, ich weiß selbst nicht, was mit mir los war“, „Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen, ich liebe dich doch so sehr“, „Komm, ich streichel alles weg“. Seine unaufgeforderten, zärtlichen Küsse waren nicht zu unterbinden. Meist trug er mich, das total eingeschüchterte Häschen, zu unserem Bett und ließ keinen Zweifel daran, dass er mich nehmen wollte, obwohl gerade dann „ meine seelischen Verletzungen extrem bluteten“. Wenn er danach endlich von mir abließ, war er ganz offensichtlich befriedigt aber doch irgendwie auch unzufrieden, stand auf und ließ mich mit meinen Gedanken alleine wie ein Häufchen Elend im Bett zurück und verließ das Zimmer. Er legte sich vermutlich Gedanken der Überlegenheit zurecht und verstärkte sein Gefühl, wie gut er doch sei, welche Kraft er geschöpft und welche Stärke er bewiesen habe. Er hatte vor sich selbst sicher gestellt, wer der Herr im Haus war, hatte die Schmach getilgt, die ihm während der letzten Schwächephase zugefügt worden war. Er deutete mein gewonnenes Wissen über seine privaten Fehlentwicklungen als ungeheuerliche Anmaßung meinerseits. Ganz pauschal und banal dachte er wohl: „Was will eigentlich dieses Weib gegen mich ausrichten? Nichts! Der hab ich´s gezeigt!“ Im Glanz seiner fehlgeleiteten Gedanken sonnte er sich, bis die Tür zum Schlafzimmer von mir wieder aufgemacht wurde.

Ich hatte mich inzwischen gefangen, war wieder stark genug zum Angriff gegen ihn. So etwas sollte nicht auf mir sitzen bleiben. Das war ich mir schuldig. Aber was immer ich auch vorbrachte, es prallte wie an einer Stahlplatte von ihm ab. Er wollte und konnte nichts annehmen. Was er allerdings konnte, war mit schärfster verbaler Munition zurück zu argumentieren, bis mir die Möglichkeiten ausgingen. Ich lenkte ein, auch deshalb, weil sich tief in mir drin wieder und wieder mein Helfersyndrom für ihn stark machte. Am Ende lag ich wieder ernüchtert und oftmals heulend in einer Fluchtecke. Ich erkannte zwar, dass nur eine Therapie langfristig würde helfen können. Ansprachen meinerseits lösten aber bei Carlos nur noch größere Aggressionen aus, und diese versuchte ich zunehmend zu verhindern, wobei ich merkte, wie ich mich immer wieder selbst verleugnete.

Arbeitskollegen, auch Vorgesetzte, registrierten meine unglückliche Situation. Sie boten auch Unterstützung an. Meine damals beste Freundin reagierte ausgesprochen positiv auf meinen Hilferuf. Seine Mutter und auch seine Schwester boten sich an mich zu stützen. Das war doch schon was. Den meisten Rückhalt boten mir jedoch meine Mutter und ihr Mann. In Gesprächen, in denen ich mich so weit als möglich öffnete, fand ich neben Wissen, Rat und Tat auch wirtschaftliche Stütze, soweit diese möglich gemacht werden konnte. Überrascht hat mich dabei das bedingungslos unterstützende Verhalten meines Stiefvaters, der sein ganzes Wissen über Geschäfte mit Eigentumswohnungen und deren Finanzierung in die Waagschale warf. Er reiste sogar mehrfach über erhebliche Strecken zu Besichtigungen von Wohnungen und Verhandlungen mit der Verkäuferseite an.

Noch zauderte ich, zögerte die Entscheidung hinaus. Ich hing fest an meinem Bild vom goldenen Käfig, obwohl ich bereits verstanden hatte, dass dieser goldene Käfig eben doch nur ein Käfig ist. Ich verteidigte meine Position. Das Loslassen fiel mir wahnsinnig schwer. Ich brauchte wohl eine erneute, quälende Verletzung, einen gewaltigen Schlag von ihm, um mich von Carlos befreien zu können. Ich sollte nicht lange darauf warten müssen. Er kam meinen Überlegungen einfach zuvor, nachdem ich wieder einmal für ein Wochenende Unterschlupf bei meiner Mutter genommen hatte. Kaum dass ich zuhause die Tür hinter mir zugemacht hatte, wetterte er auch schon los: „Das Spiel ist vorbei, du fliegst jetzt raus. Innerhalb von fünf Tagen verlässt du dieses Haus. Ich hab eh schon eine Neue!“ Und dann folgten alle Titulierungen, die ich mir bisher schon öfter hatte anhören müssen. Diesmal konnte ich all das viel leichter ertragen, es wirkte fast wie eine große Erleichterung auf mich. Ich würde mit der Hilfe derjenigen, deren ich immer noch sicher sein konnte, gelassen ans neue Werk gehen.

Drei Wochen später zog ich aus in meine neue, eigene Wohnung. Alles wendete sich für mich zum Besseren, bis auf die seitdem nicht zu unterbindenden, meist schlechten und aufdringlichen Kontaktversuche von Carlos, der meint, mich nach wie vor verletzen zu können. Er verhält sich wie ein Stalker und lässt sich praktisch nicht abschütteln. Ich hingegen habe fast vollständig zu meiner inneren Ruhe und auch zu meiner in mir ruhenden Liebe zu mir selbst zurückgefunden. Er hat sich und seinen Lebenswandel offensichtlich bisher noch nicht hinterfragt und aus unserer beendeten Affäre wohl auch nichts gelernt. Die nächste Prinzessin, die diesen Frosch küsst, wird wohl schon bereit stehen. Traurig ist nur, dass aus diesem Frosch vorerst, bzw. ohne Therapie kein Prinz werden kann.

© Franz Moritz Sturm 2013

 

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