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Kurzgeschichten von Martin Kolbe

 

Guten Morgen!

Bis ich 22 war, habe ich tief und fest geschlafen. Ich denke, in der Kindheit war ich wach. Ich glaube auch, ich weiß, wann und warum ich die Augen schließen musste, wohl um bestimmte Dinge nicht mehr sehen zu müssen. Der Schlaf war, wie gesagt, tief und fest, wohltuend und besänftigend. Das plötzliche Erwachen mit 22 war dann um so schlimmer, geradezu brutal. Natürlich konnte ich das nicht aushalten; es war wirklich unerträglich, dies alles auf einmal sehen zu können und zu müssen. Vor allem, weil da niemand war, der mir die Legende zu den Bildern hätte geben können. Die Schläfer um mich herum riefen: „Falscher Traum! Falscher Traum!“ und zwangen mich mit der Hilfe chemischer Geschosse wieder auf den Boden ihrer eigenen Realität zurück. Sie brauchten wohl einfach ihre Ruhe.



Das erste Erwachen, ausgelöst durch eine lächerliche Winzigkeit und wie die nächsten unvermittelten Augenaufschläge begründet in der Liebe oder der Unfähigkeit zu lieben, dieser erste Blick auf die Gesamtheit also blieb nicht folgenlos. Wer einmal die in einem Vexierbild versteckte Figur entdeckt hat, wird sie immer sehen, ob er nun will oder nicht. Dieses Wissen hat mir einige wunderschöne und seltene Blüten beschert, und manchmal fühlte ich mich, als säße ich auf einem Berggipfel und schaute auf den unter mir liegenden Nebel. Mit der Zeit entdeckte ich, dass die anderen Gipfel auch bevölkert sind und deren Bewohner sich im Licht über dem Nebel sonnen können wie ich. Beim respektvollen Zuruf über die nah/ferne Distanz jedes Mal das Gefühl einer tiefen Zufriedenheit. Die Waffen der Schläfer wurden mit der Zeit stumpfer oder ich wurde gewitzter, wie auch immer: sie können mir schon lange nichts mehr anhaben.



Es ist nett mit anzusehen, wie der Nebel langsam sinkt und mehr und mehr Land und neue Gipfel freigibt. Obschon sich in einigen Gegenden noch eine hartnäckige Suppe breit macht - die Kraft der Sonne wird allemal ausreichen, auch diesen Nebel zu Dunst werden zu lassen und schließlich ganz aufzulösen. Die Strahlen der Sonne kitzeln die Nasen der Schlafenden, manche müssen niesen. Erwachen tun sie alle. Der frühere Bauschlosser mit den Strahleaugen aus dem Speisewagen zwischen Berlin und Basel erst mit 76 und Robin aus dem Sprayerpark in Zürich eben schon mit 15.



Da bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen: „Guten Morgen, allerseits! Weckt doch schon mal die anderen, ich werde jetzt erst mal frühstücken gehen. Ciao!“



Selbstbildnis Juli/August 2003

  • Ich beschäftige mich mit allem und nichts, vor allem mit nichts.

  • Als Kind wollte ich eine Katze sein, sollte ich ein Hund sein, bin aber – ach! – zum Vogel geworden.

  • Ich hasse Geld und benötige viel zu viel davon.

  • Ich liebe die Nacht, besonders, wenn es draußen regnet und sonst alles still ist.

  • Ich liebe die Stille.

  • Ich atme die Stille.

  • Ich brauche die Stille, um meine eigenen Töne hören zu können.

  • Ich träume nie.

  • Meine Traumberufe sind Sodbrenner oder Tauchsieder, im Moment bin ich vor allem als Müllschlucker tätig.

  • Ich bin nicht religiös. - Um Gottes Willen!

  • Ich bin interessiert – egal woran!

  • Weshalb sollte ich Umgangsformen erlernen? Jeder hat doch seine eigenen.

  • Ich bin ein tapferer, sanftmütiger, pazifistischer Krieger.

  • Ich bekomme noch Zustände wegen dieser Zustände – vor allem wegen den Zuständigen!

  • Ich spiele mit allem. Immer. Aber seriös! Natürlich auch immer.

  • Ich komme meistens zu spät, bin aber immer rechtzeitig da.

  • Ich bin ein radikal diplomatischer Politiker ohne Partei.

  • Ich lüge nie. Alles andere wäre die reine Zeitverschwendung.

  • Wäre ich nicht schon total verrückt (und das habe ich schriftlich), so würde ich es sofort angesichts der Verrücktheit der so genannten normalen Welt.

  • Ich erzähle immer allen alles.

  • Ich bin Einzelgänger mit extremer sozialer Ader.

Selbstbildnis Dezember 2003

  • Ich bin nichts.

  • Ich kann nichts.

  • Ich habe nichts (mehr).

  • Es war wieder einmal alles gar nicht wahr.

  • So viel Euphorie. Und jetzt?

  • Die Scherben.

  • Die Schande.

  • Die Scham.

  • Alles, was mir bleibt, ist Schweigen.

© Martin Kolbe

 

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