Kontrast

Kurzgeschichten von Pascal Schäfer

Der Parasit

David ging in seinem kleinen, spärlich eingerichteten Wohnzimmer auf und ab. Die alten Dielen knarrten unter seinen Füßen, die Wände schienen immer enger zusammen zu rücken. Es war dunkel, die Luft war stickig. In seiner zittrigen Hand hielt David eine Zigarette, sein nervöser Blick richtete sich immer wieder auf den kleinen Gegenstand, der in der Mitte des runden Esstisches stand. Der volle Mond schien durch die Jalousien hindurch und zauberte ein Streifenmuster aus hell und dunkel auf die Oberfläche des Gegenstandes. Nachts wirkte er nicht nur beängstigender, sondern seltsamerweise auch schöner als im Licht des Tages. Und nach jedem Blick auf dieses unscheinbare und doch so machtvolle Etwas stellte sich von neuem eine ganz bestimmte Frage: Was zum Teufel ist das?

Diese Frage schien von diesem Gegenstand regelrecht ausgeschwitzt zu werden. Sie schien bis in die kleinsten Ecken des Raumes zu drängen und ihn mit einer schweren und unangenehmen Schwüle zu füllen. Schweißtropfen traten auf Davids Stirn, doch er bemerkte sie nicht. Ebenso wenig bemerkte er, wie das Herz in seiner Brust pochte, während er dieses... Ding betrachtete.

Er konnte fühlen, wie es seine Gedanken las. Wie es sie stahl. Und nicht nur das. Es versuchte, seine Gedanken nicht nur zu lesen, sondern auch zu beeinflussen. Es war wie ein unangenehmes Raunen in seinem Kopf, wie das Vorstadium schlimmer, pochender Kopfschmerzen. Dieses Ding versuchte auf ihm zu spielen, so wie man auf einem Instrument spielt. Ja, genau so fühlte es sich an. Er war ein Instrument.

Es war still im Zimmer, die meisten anderen Bewohner des kleinen Mietshauses schliefen zu dieser späten Stunde tief und fest. Irgendwo lief ein Fernseher, woanders wurde alle paar Minuten die Klospülung betätigt, und seine Nachbarin Viola hatte ihre High Heels noch nicht ausgezogen, die Wände waren dünn. Der Wind trug die Geräusche des Güterbahnhofs heran, und im Garten heulte eine Katze. Die Geräusche der Nacht. David hatte sie erst in den letzten Nächten kennengelernt.
Und er badete in Angst. Es war keine punktuelle, panische Angst, sondern eher ein allumfassendes Hintergrundgefühl, das ihn schon seit Tagen begleitete. Seit sieben Tagen, um genau zu sein. Sie war stetig gewachsen, mit jedem neuen Tag, jeder neuen Sekunde.

David wusste inzwischen ziemlich genau, was mit ihm passierte. Es war vollkommen absurd, aber es passierte.

Und er konnte einfach nichts mehr dagegen tun, er hatte den kritischen Punkt bereits überschritten.

Vor einer Woche hatte es angefangen, vollkommen harmlos, an einem wunderschönen Sonntagnachmittag. David wollte das sonnige Frühlingswetter genießen und beim Angeln die Seele baumeln lassen. Es war der erste warme Tag nach einem langen und strengen Winter, unzählige Menschen flanierten über die Promenade, saßen in Eiscafés oder aalten sich in der Sonne. Alles erwachte zum Leben.

David hatte jedoch nicht das Bedürfnis, sich unter diese Menschen zu mischen. Viele Menschen bedeuteten Lärm, vor allem viele Kinder. Sein Ziel lag hinter dem Strand, dort, wo die Felsen sich türmten und es würde ihm die Abgeschiedenheit bescheren, die er brauchte. Er wollte seine Ruhe haben. Einige Dinge für wenige Stunden vergessen.

Ganz oben auf dieser Liste des Vergessens stand die Sache mit Ellen, geschehen vor ziemlich genau einem Monat. Sie waren gerade einmal zehn Wochen zusammen gewesen (nicht neun wie Ellen behauptete), dennoch hatte ihm diese Angelegenheit einen tiefen Stich in sein ohnehin schon angeschlagenes Herz versetzt.

Es ist einfach nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Er liebte sie noch immer, aber er hasste sie für diesen Satz.

David litt schwer, obwohl er sich von vornherein darauf eingestellt hatte. Schließlich war es immer so. Und es würde wahrscheinlich auch beim nächsten Mal so sein.

Außerdem gab es seit Wochen Stress im Büro. Ein neuer Chef, der sich zum Ziel gesetzt hatte, jedem Menschen auf der Welt das Leben zur Hölle zu machen, und zwar noch vor seinem vierzigsten Geburtstag. Kollegen, die ständig stichelten und hinter Davids Rücken gemeine Dinge über ihn erzählten. Seine chronischen Magenbeschwerden kamen nicht von ungefähr. Dann war da noch die Wohnung; sie besaß das Flair einer vollgekotzten Ausnüchterungszelle, war kaum größer als eine Garage und die Nachbarschaft ließ zu wünschen übrig. Ständig flatterten Rechnungen ins Haus und seine Eltern lagen ihm damit in den Ohren, dass sie in seinem Alter längst verheiratet waren und zwei Kinder hatten. Obendrein wurmte David noch die Tatsache, dass er langsam Fett ansetzte und dass die ersten grauen Haare aus seinem Kopf sprossen.

Das Leben war einfach beschissen.

Mittelmaß prägte sein ganzes Dasein. Da war nichts Aufregendes, nichts Außergewöhnliches. Kein Salz und kein Pfeffer. Das Leben plätscherte so dahin, wie ein dünnes Rinnsal in der Sonne. Es würde irgendwann einfach enden, versiegen und verdunsten, ohne dass wirklich etwas geschehen war.

Das Angeln war für David der einzige Weg, für kurze Zeit an nichts von all dem zu denken. Er warf die Rute aus und beobachtete die kleinen Wellen, die spielerisch die schroffen Felsen umspülten. Viele Menschen angelten auf dem großen Holzpier, das weit ins Meer hinaus reichte, doch David zog es vor, sich hier in aller Ruhe, fernab von jeglichem Lärm, seinen Hintern auf den harten und kantigen Steinen wund zu sitzen. Weit und breit war niemand zu sehen, sein bevorzugter Angelplatz lag geschützt zwischen steil aufragenden Klippen, die nur von kargen Sträuchern bewachsen waren. Vor ihm breitete sich der endlose Ozean aus und über ihm hing ein blauer Himmel, an dem sich einige Möwen tummelten. Weit draußen zogen zwei Fischkutter vorbei; dahinter, durch die Ferne verschwommen und kaum mehr erkennbar, eine der großen Autofähren.

Noch stand die Sonne hoch, aber in etwa drei Stunden würde sie den Horizont erreichen und ihn erglühen lassen. Das war Davids Lieblingszeit. Der Übergang zwischen Tag und Nacht. Das brachte ihm einen fast vollkommenen inneren Frieden. So auch die Ruhe. Es gab keinen Weg hier herunter und man musste klettern, um zu diesem idyllischen Fleckchen zu gelangen. Den meisten Leuten war das zu anstrengend.

Nach etwas weniger als vier Stunden, die Sonne war verschwunden,  hatte David drei Fische gefangen, einen davon warf er zurück in den Ozean. Jener Glückspilz war noch zu klein, außerdem konnte David ohnehin nicht mehr als zwei Fische verzehren.

Nicht alleine.

Wenn Ellen noch da wäre, ja dann...

Er verwarf den Gedanken, als der grellbunte Schwimmer der Angel sich plötzlich langsam auf und ab bewegte. David erhob sich, nahm die Rute in die Hand und holte mit viel Gefühl die Schnur ein, begleitet vom präzisen Klicken der Kurbel. Es war das einzige Geräusch außer dem steten Atmen des Windes und dem unaufdringlichen Schlagen der kleinen Wellen, die sich an den Felsen brachen.

Als der Gegenstand, den er gefangen hatte, die Wasseroberfläche durchbrach, starrte David einige Sekunden stirnrunzelnd auf dieses grüne, runde Ding. Es war etwa so groß wie ein Apfel und hatte eine geschlossene, pelzige Oberfläche, in der sich der silberne Haken verfangen hatte. Davids erster Gedanke war, dass es sich um einen Schwamm handelte. Doch nach einiger Überlegung kam er zu dem Entschluss, dass Schwämme definitiv anders aussahen.

Ein Fisch war es sicher auch nicht. Eine Qualle? Nein. War es überhaupt ein Tier? Eine Pflanze? Da war absolut nichts, das auf ein Lebewesen hingedeutet hätte. Doch es ging eine seltsame Faszination davon aus.

David konnte es nicht einfach zurück in die Brandung werfen. Er nahm es vom Haken und war verwundert darüber, wie weich sich die Oberfläche anfühlte. Und gleichzeitig schien es hart wie Stahl zu sein und lag angenehm schwer in der Hand.

Kein Tier, keine Pflanze. Ausgeschlossen.

Er packte es behutsam in seine Angeltasche und nahm es mit nach Hause. Seine Neugier war geweckt. Vielleicht handelte es sich um etwas Wertvolles. Etwas Seltenes. Etwas Außergewöhnliches. Eine Mutation. Ein Kunstwerk. Irgend etwas. Doch das alleine war es nicht. Es war einfach das Gefühl, dieses Ding haben zu müssen.

Und dieses Ding musste ihn haben.

Im Fernsehen lief an diesem Abend nichts Besonderes, wie immer. Das Fernsehen war ein guter Indikator, wenn es um die zunehmende Verblödung der modernen Gesellschaft ging. Davids Finger wieselten ständig über die Fernbedienung und zappten durch die vielen Kanäle, die kein Mensch brauchte. Das Programm war zermürbend. Am Fließband hergestellte Eigenproduktionen und billige Serien. Scripted Reality. Reportagen ohne Sinn und Inhalt. Glücksrad. Big Brother. Datingshows.

Was armselige Menschen doch alles tun, um ihre Fresse in die Kamera halten zu können, dachte David und nippte lustlos an seinem Bier.

Er wusste, dass er anders sein könnte. Und er wollte es auch sein. Er wollte aufspringen, sein Leben packen, es kräftig schütteln und etwas Besonderes damit anstellen. Ausbrechen aus diesem ganzen Mist, sich trennen von all den Mitläufern der Gesellschaft. Einfach alles ändern. Doch die Verlockung, ständig wieder in eben diesen bequemen Trott zu verfallen, war einfach zu groß. Es war leichter, mit den anderen zu marschieren, als sich von der Gruppe zu trennen.

Schließlich fand David eine Dokumentation über ein Erdbeben in Peru. Der Kommentator erzählte etwas über geologische Verwerfungen, Plattentektonik und Magmaablagerungen. Doch plötzlich richtete sich Davids Aufmerksamkeit auf diese kleine Kugel, die auf dem Tisch stand. Es schien, als zöge sie seinen Blick mit unablässiger Kraft an, ohne sein eigenes Zutun.

Er konnte die Augen einfach nicht mehr davon losreißen.

Die Kugel.

Sie war nichts anderes als ein grünes, pelziges Etwas.  Abgesehen von den winzigen, dünnen Härchen war sie absolut konturenlos. Geruchlos. Leblos.

Und dennoch...

Da spürte David zum ersten Mal dieses Gefühl in seinem Kopf, dieses undefinierbare Brummen, das unter seiner gesamten Schädeldecke zu vibrieren schien. Wie ein Erdbeben in meinem Kopf, dachte er und massierte sich mit zusammengekniffenen Augen die Schläfen. Dieses Ding verursacht sie! Und im gleichen Augenblick schon hielt er den Gedanken für absurd.

Doch dieser Gedanke reifte langsam vor sich hin, während die Tage vergingen.

Etwas schien anders zu sein. Zunächst konnte David nicht genau sagen, was es war. Im Grunde genommen waren diese Tage wie alle anderen. Es geschah nichts Außergewöhnliches. Natürlich nicht. David ging zur Arbeit, ließ alles mehr oder weniger heroisch über sich ergehen, rettete sich mit letzter Kraft nach Hause und verbrachte die Abende alleine. Keine Freunde kamen vorbei, keine Frau lag in seinen Armen. Nicht mal ein Hund pinkelte auf den Teppich. Oberflächlich betrachtet hatte sich nichts geändert.

Dennoch ging etwas vor sich, es rührte sich unter der Oberfläche seines Lebens. Man musste schon genau hinsehen, hinfühlen, um es zu bemerken. Es waren Gedanken, die ihm fehlten, und Erinnerungen. Er merkte es bei der täglichen Arbeit. Er vergaß Dinge. Kleinigkeiten. Es fehlten ihm plötzlich Informationen, die er seit Jahren in seinem Kopf gehabt hatte. 

Mit jedem Tag wurde es schlimmer. Er konnte sich einfach an viele Dinge aus seinem eigenen Leben nicht mehr erinnern: Wie hieß das Mädchen, von dem ich meinen ersten Kuss bekommen habe? War es damals der rechte oder der linke Arm, den ich mir im Skiurlaub gebrochen habe? Mag ich lieber Zitroneneis oder welches mit Vanillegeschmack?

Er vergaß den Geburtstag seiner Schwester. Sie rief ihn am Tag darauf an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Er bejahte, entschuldigte sich und beendete das Gespräch unter einem Vorwand. Das alles war beängstigend. Und jeden Abend betrachtete er diese unscheinbare grüne Kugel, während der Fernseher lief. Stundenlang, ohne es wirklich zu merken.

Als ob all das nicht genügte, bestimmte eine zunehmende innere Leere sein Leben. Sie war schon seit Jahren da, doch jetzt wuchs sie mit rasender Geschwindigkeit an und höhlte ihn immer mehr aus. Der spärlicher Rest an Energie, sich überhaupt noch über irgendetwas Gedanken zu machen (einschließlich über die Tatsache, dass ihm immer mehr Gedanken fehlten), würde bald aufgebraucht sein.

Und genau deshalb wurde es immer schwieriger, sich dagegen zu wehren. Ein Teufelskreis umschlang ihn, so wie eine Würgeschlange ihr wehrloses Opfer umschlingt. Bald schon würde der Punkt erreicht sein, von dem aus es kein Zurück mehr gab.

All das schürte eine bis dahin nicht gekannte Aggressivität in David. Es fand ein innerer Kampf statt, dessen Heftigkeit sich nach außen hin entlud. Beim Autofahren schrie er andere Fahrer an, zeigte ihnen den Finger und schlug wutentbrannt auf sein Lenkrad. Auf der Arbeit fuhr er wegen Kleinigkeiten aus der Haut, legte sich mit Kollegen an und fluchte so laut, dass es auf vermutlich auf der gesamten Etage zu hören war.

Alle hatten ihn nur ungläubig angestarrt und schnitten ihn jetzt noch mehr als zuvor. Sie würden sich noch mehr über ihn das Maul zerreißen. Es war Wasser auf ihren Mühlen.

Und zuhause saß er nur noch da, beobachtete diese Kugel und schäumte über vor Wut und Zorn, innerlich so angespannt, dass sein ganzer Körper nichts weiter als ein einziger Krampf zu sein schien.

Etwas musste geschehen. Und es würde auch etwas geschehen.

Die Frage war nur, ob David es zu seinen Gunsten beeinflussen konnte, ob er es überhaupt noch beeinflussen konnte.
 
Anfangs war es nicht mehr als dieses unangenehmes Gefühl gewesen. Und er hatte es nur in der Nähe der Kugel verspürt. Doch über die Tage hinweg war es immer schlimmer geworden. Und jetzt, eine Woche später, tigerte David mit seiner Zigarette auf und ab und war sich einer Sache vollkommen sicher: Dieses Ding hatte sich während der vergangenen Tage lediglich auf ihn eingestellt. Nun kannte es seine Frequenz vollständig, spielte auf ihm. Jetzt wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis es ihn endgültig unter Kontrolle hatte.

Woher kommt es? Er nahm einen tiefen Zug und spürte, wie der Rauch seine Lungen füllte. Und wie kann es das nur tun, was es tut? Oder bilde ich mir am Ende alles nur ein? Werde ich verrückt? Und plötzlich spürte er, wie ihm auch diese Gedanken langsam entglitten. Sie rannen ganz langsam wie Sand durch die Finger seines Verstandes. Noch konnte er sie mit einiger Anstrengung halten, doch bald wären auch sie verloren.

In einem Anfall von schierer Panik hetzte David ins Badezimmer.

Kaltes Wasser...

Kaltes Wasser würde seinen Kopf klarer machen.

Ein letzter Strohhalm, an den er sich klammerte.

Er ließ die Badewanne mit kaltem Wasser voll laufen, kniete sich davor und tauchte sein Gesicht hinein. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Seine Lungen brannten. Und für einen Augenblick dachte David, er würde sich selbst ertränken. Dann hätte es ein Ende. Ist es überhaupt möglich, mich auf diese Weise zu ertränken? Wäre es schmerzhaft? Natürlich wäre es das. Wer möchte schon ertrinken.

David schnellte hoch und japste nach Luft. Seine stechenden Lungen füllten sich wieder mit Luft. Wasser tropfte aus seinen Haaren und lief über sein Gesicht. Er fühlte sich benommen. Schwindel überkam ihn, als er hilfesuchend nach oben zur Decke sah. Dennoch stemmte er sich hoch, stützte sich mit beiden Händen auf das kleine Waschbecken und betrachtete lange sein Gesicht im Spiegel. Das künstliche und sterile Licht der Halogenlampe hob seine Blässe hervor. Er sah furchtbar aus.

Doch nicht nur das.

Jegliches Gefühl von Vertrautheit war verschwunden. Es war, als würde er einem Fremden gegenüber stehen. Er erkannte zwar sein Gesicht, aber in seinen Augen sah er nichts mehr, das ihn an sich selbst erinnert hätte.

Ein letztes Aufbäumen strömte durch Davids Körper und Verstand, als er ins Wohnzimmer lief und dieses Ding packte mit der festen Entschlossenheit, es zurück ins Meer zu werfen. Da, wo es herkam. Doch als er es berührte, als seine Finger sich um diese samtige Oberfläche legten, da flammte ein greller Blitz des Schmerzes in seinem Kopf auf, so essenziell und ursprünglich, als käme er direkt aus der Hölle.

David zuckte zusammen, ließ die Kugel auf den Tisch fallen und schlug sich die Hände vors Gesicht.

Ich tue es nie wieder! Versprochen! Ich tue alles, was du von mir verlangst! Er meinte es ernst.

Der Schmerz verebbte augenblicklich, nur sein Echo hallte noch einen Moment lang hinter Davids Stirn. Und mit diesem Echo verhallte auch ganz langsam die Entschlossenheit, sich der Kugel zu entledigen. Nach zehn Minuten war nichts mehr davon übrig.

Jetzt ist der Punkt erreicht, dachte David. Und morgen werde ich vergessen haben, dass diese Kugel überhaupt existiert.

Die Kugel gewinnt.


David schlich in den Garten, um ein Loch zu graben. Ein apfelgroßer, runder Gegenstand verschwand darin, bevor er das Loch wieder schloss und langsam ins Haus zurück schlenderte.

Die Kugel wollte in seiner Nähe sein. Sie verlangte es.

Sie wollte von ihm zehren, gierte nach seinen Gedanken.

Noch eine ganze Weile lag David wach, starrte zur Decke und zählte die Fugen zwischen den Brettern. Er fühlte die Gegenwart der Kugel.

Doch das Gefühl wurde schwächer. Als er am nächsten Morgen erwachte und sich den Schlaf aus den Augen rieb, war die Aggression in ihm verschwunden und mit ihr auch sämtliche Erinnerungen an die Kugel. Er fragte sich nie wieder, wer seine Gedanken stahl.

Die Kugel ruhte in der Erde, nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche. Sie konnte sich nun stärkten und nähren, für die nächsten  fünfzig Jahre, wenn es nötig war. Bald schon würde junges und saftiges Gras über ihr gewachsen sein.

Und irgendwann würde jemand sie finden.

So war es immer.

Schon seit Tausenden von Jahren.

© Pascal Schäfer


Heimweg

21:03 Uhr - Der Parkplatz

Bevor Mona den Zündschlüssel drehte, schickte sie ein stummes Gebet zum Himmel und das, obwohl sie überhaupt nicht gläubig war. Aber in diesen Momenten war ihr jeder Gott recht, der den alten Toyota noch ein letztes Mal zum Leben erwecken konnte. Vor allem nach einer Spätschicht, wenn sie so gut wie alleine auf dem spärlich beleuchteten Parkplatz des Discounters stand. Der Markt schloss zwar um zwanzig Uhr, doch bis alle Arbeiten erledigt waren, konnte es gut und gerne eine Stunde oder länger dauern.

Die Batterie des Wagens war alt, aber sie schaffte es tatsächlich einmal mehr, den Motor zum Laufen zu bringen, der Kälte zum Trotz. Mona atmete auf. So weit, so gut. Was in ihre Nase drang, war weniger gut: Ein penetranter Geruch erfüllte das Innere des Wagens. Mona griff sich den Duftbaum, der am Innenspiegel hing (und laut koreanischem Hersteller nach Fichtennadeln riechen sollte), riss ihn ab und spielte mit dem Gedanken, ihn einfach aus dem Fenster zu werfen. Doch dann entschied sie sich, ihn im Handschuhfach verschwinden zu lassen.

Das Handschuhfach war praktisch. Man konnte allen möglichen Kram entsorgen, ohne tatsächlich etwas wegzuwerfen. Würde man es irgendwann wieder brauchen, so wäre es einfach da. Natürlich kam das nie vor. Aber man könnte, wenn man wollte. Und Mona war ein Mensch, dem dieser Gedanke gefiel. Man könnte, wenn man wollte.

Sie richtete den Innenspiegel so aus, dass sie sich betrachten konnte. Ihr Gesicht besaß hübsche, begehrenswerte Züge, doch an Tagen wie diesem war sie alles andere als zufrieden mit sich selbst. Zart violette Ringe umrandeten ihre braunen Augen. Ihre zierliche Nase war vom Schnupfen der letzten Wochen gerötet, die Nebenhöhlen angeschwollen, die Haut wirkte blass und fleckig. Mona seufzte bei dem Anblick, was zweifelsohne übertrieben war. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren war sie überdurchschnittlich attraktiv, auch wenn ihr die letzten Tage ein wenig zugesetzt hatten. Stress auf der Arbeit, eine übergangene Erkältung und eine allgemeine Unzufriedenheit hatten kleine, aber für sie deutlich sichtbare Spuren hinterlassen.

Sie drehte den Spiegel von sich weg und griff nach dem Gurt. Der Motor lief inzwischen etwas ruhiger und aus der Heizung kam lauwarme Luft, die nach verschmortem Kunststoff roch. Mona nahm ihre Handtasche und öffnete den Reisverschluss, ihre geübten Finger fanden schnell, wonach sie gesucht hatten: Nasenspray. Die trockene Luft der Heizung war Gift für ihre Nase. Sie steckte den Kopf der Ampulle ins linke Nasenloch, bevor sie tief einatmete. Sofort spürte sie, wie die kalte Flüssigkeit durch die Nase strömte und beim ersten Schlucken den Rachen hinunter lief. Sie hatte zu fest gedrückt, aber das spielte keine Rolle. Der Gedanke, bald wieder frei atmen zu können, war Entschädigung genug.

Mona stopfte das Nasenspray zurück in die Handtasche, legte den ersten Gang ein und fuhr los. Im Radio lief ein Song der Simple Minds, und Mona sang mit, soweit ihre Textkenntnisse es zuließen. Den Rest ersetzte sie durch Summen, Pfeifen und Fingerklopfen auf dem Lenkrad. Das Tanklicht, das schon seit gut zwanzig Kilometern leuchtete, ignorierte sie. Es würde auch für den Heimweg und morgen noch bis zur Tankstelle reichen.

Was ihr mehr Sorgen bereitete, war der Nebel.

Schwaden sammelten sich zu großen, milchigen Klumpen und wirkten wie Schiffe in einem Meer aus Klarheit. Mona griff nach ihrer Brille, die vorm Schaltknauf lag, und setze sie auf. Sie trug die Sehhilfe selten, doch in solchen Situationen war es beruhigend, eine zu besitzen. Der einzige funktionierende Scheinwerfer suchte sichtlich angestrengt einen Weg durch den Nebel, doch die Sicht war alles andere als gut. Mona hasste den Weg, besonders um diese Jahreszeit. Die Inseln kondensierter Luft wurden größer und zahlreicher, der Ozean aus klarer Luft dazwischen immer kleiner. Sie drosselte das Tempo auf dreißig Kilometer pro Stunde, sehnte sich nach ihrem gemütliche Sofa und ihrem Fernseher, nach leichter und bekömmlicher Abendunterhaltung. Fast Food für die Seele.

21:14 Uhr - Kilometer 4

Das Industriegebiet lag etwa einen halben Kilometer hinter ihr, mehr als ein sanftes, rötliches Glühen im Innenspiegel war nicht mehr davon zu sehen. Die Uhr in der Mittelkonsole war von innen angelaufen, doch man konnte die Zeiger noch erkennen. Es war viertel nach neun. In zwanzig Minuten schon konnte sie bequem auf dem Sofa liegen und die müden Beine hochlegen - zumindest, wenn die Sichtverhältnisse ihr keinen Strich durch die Rechnung machten. Doch inzwischen gab es keine Inseln aus Nebel mehr; der Nebel war selbst zum Ozean geworden.

Mona fuhr eine langgezogene Rechtskurve, die sie schon unzählige Male durchfahren hatte. Es folgte eine kilometerlange Gerade, die ihr jedes Zeitgefühl raubte. Sie tastete sich mit weniger als zwanzig Sachen voran, immer geradeaus. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und nichts war zu sehen. Nur vereinzelt tauchten schemenhaft die Umrisse eines Baumes oder Strauches am Straßenrand auf. Die Stellen, an denen die Straße immer wieder notdürftig ausgebessert wurde, glänzten im Licht des Scheinwerfers und vermittelten den Eindruck von Glätte, was Mona dazu veranlasste, die Geschwindigkeit noch weiter zu drosseln.

Zeit konnte etwas seltsames sein. Dein bester Freund oder dein schlimmster Feind, dachte Mona. In diesem Fall war sie ihr nicht gut gestimmt; die Gerade wollte einfach kein Ende nehmen.

Mona kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, lehnte sich im Sitz weit nach vorne. Kopfschmerzen kündigten sich an und schienen mit jeder noch so kleinen Bodenwelle stärker zu werden (so wie auch der Nebel immer stärker zu werden schien). Ein flüchtiger Blick in den Rückspiegel zeigte: gar nichts. Nicht einmal die Straße. Auch vor dem Wagen war nichts zu sehen, abgesehen von einigen Metern dunklen Asphalts. Dahinter schien die Welt zu enden.

Mona trommelte mit den Fingern auf das abgegriffene Lenkrad, mal mehr und mal weniger im Rhythmus der Musik. Sie dachte über den vergangenen Tag nach, also hauptsächlich über belanglose Dinge. Beispielsweise über den vollkommen unnötigen Streit mit ihrer Kollegin Melanie wegen eines verloren geglaubten Kassenschlüssels, der aber schnell wieder aufgetaucht war; im Personalraum, gleich neben der Kaffeemaschine. Und natürlich dachte sie auch über Kunden nach, die ihr in Erinnerung geblieben waren. Angenehme und unangenehme, wobei sie die erste Sorte meistens schneller vergaß. Leider. 

Plötzlich fegte sie all diese Gedanken aus ihrem Verstand und fragte sich stattdessen, ob diese Gerade wirklich jemals so lang gewesen war. Sie betrachtete das Gras am Fahrbahnrand. Reif hatte sich darauf gebildet und ließ es hellgrau erscheinen. Überhaupt war alles grau, was sich außerhalb des Lichtkegels befand. In ihm schienen sich die letzten Farben der Welt zu tummeln, schwach, aber gerade noch erkennbar, allen voran das leuchtende Gelb der Katzenaugen, die mit jedem neuen Begrenzungspfosten aus der Dunkelheit auftauchten. Immerhin etwas.

Die Kopfschmerzen pochten immer stärker hinter ihren Schläfen und plötzlich kam ihr ein absurder Gedanke: Sie konnte unmöglich noch auf dem richtigen Weg sein. Es konnte nicht dieselbe Straße sein. Längst hätte die Rechtskurve kommen müssen.

Blödsinn. Es gibt hier nur diese eine Straße.

Doch etwas schien wirklich anders zu sein. Ihr Verstand bekam es nicht zu fassen, denn dieses Etwas wusste sich geschickt zwischen anderen, rationaleren Gedanken zu verstecken. Die Zeit verging und die Gerade blieb eine Gerade. Es kam ihr einen Augenblick lang so vor, als würde sie seit Stunden fahren, als läge der Supermarkt, ja sogar die letzte Kurve auf einem anderen Kontinent. Es gab nur eine einzige Straße, die in dieser Richtung aus der Stadt führte. Diese Straße. Und Mona kannte jeden Meter.

Du wirst die nächste Kurve niemals erreichen.

Mona schluckte. Unbehagen überkam sie. Ein unterschwelliges Unbehagen, das hartnäckig gegen jeden Versuch von ihr ankämpfte, sich bei solchen Gedanken dumm vorzukommen.

Die Kurve hätte längst kommen müssen, doch sie kam nicht.

21:20 Uhr - Kilometer 7

Die Kurve. Da war sie.

Nach schier endlos scheinenden sechs Minuten hatte Mona das Ende der zwei Kilometer langen Geraden erreicht. Sie atmete auf und kam sich ungeheuer dumm vor.

Manchmal verliert man das Zeitgefühl. So einfach ist das.

Es gab immer eine vernünftige Erklärung, egal wie seltsam die Lage auch schien. Die vernünftige Erklärung war etwas, das einfach zum modernen Leben gehörte, genau wie die Mikrowelle, das Handy und Ally McBeal. Die vernünftige Erklärung war das, was die Welt zusammen hielt und sie bewahrte die Menschen vor bösen Überraschungen.

Plötzlich war Mona gar nicht mehr so unglücklich darüber, dass immer alles gleich und  der Weg jeden Tag derselbe war. Sie genoss es. Normalität konnte so herrlich und wunderbar sein. Vor allem dann, wenn man am Rand einer unsichtbaren Grenze entlang taumelte, die man auf keinen Fall überschreiten wollte.

21:30 Uhr - Kilometer  9

Im Wetterbericht war von weiteren Schneefällen in Höhenlagen die Rede. Der Gedanke daran ließ neuen Unmut aufkommen; Schnee war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Vor einer Woche hatte sie Sommerreifen aufziehen lassen. Aber selbst ihre Winterbereifung hätte bei Glätte kaum noch etwas genützt, das Profil hatte die gesetzlich vorgeschriebene Mindesttiefe längst unterschritten.

Der Radiomoderator kündigte den nächsten Titel an und wünschte allen eine gute Fahrt. Das machte Mona irgendwie wütend. Ihr kam der absurde Gedanke, dieser Typ mache sich über sie lustig. Er wusste ganz genau, in welcher Lage sie sich befand. Er wusste ganz genau, dass sie fast nichts sehen konnte und schon bei den ersten Schneeflocken in Probleme geraten würde. Ja, dieser Bursche wusste das, und es machte ihm Spaß, sich über sie lustig zu machen.

Arschloch.

Dem Geplänkel des Moderators folgte ein Song von Van Morrison. There’ll be days like this. Mona wollte das nicht wahr haben, wollte nicht akzeptieren, dass es Tage wie diesen geben musste. Van Morrison hatte ja keine Ahnung. Keine Ahnung von Tagen wie diesem. Auch er machte sich über Mona lustig.

Die ganze Welt machte sich über sie lustig.

Plötzlich musste Mona über sich selbst schmunzeln. Über ihre dummen Gedanken. Doch es war eher ein künstliches Lächeln, das in ihrem Gesicht heran wuchs und das so schnell wieder verging, wie es gekommen war.

21:34 Uhr - Kilometer 11

Plötzlich verstummte das Radio. Es ging einfach aus. Mona ließ den Blick von der Straße ab und sah ungläubig auf die Mittelkonsole. Sie nahm die rechte Hand vom Steuer und drehte am Lautstärkeregler, während sie die Augen wieder nach vorne richtete.

„Komm schon, du blödes Mistding!“ fluchte sie und drehte den Knopf hin und her, immer wieder. Und für die Dauer eines Wimpernschlages hatte sie den Eindruck, das Licht hinter der Frequenzanzeige hätte geflackert, doch es konnte auch eine Täuschung gewesen sein. Ein Wunschtraum. Die einzige Quelle der Gesellschaft war versiegt, nun war sie ganz allein.

Fast drei Minuten lang drehte sie unaufhörlich an den Knöpfen, doch nichts geschah. Irgendwann gab sie auf und verfiel in einen Zustand des Selbstmitleides, der sich schließlich in eine Art stiller Akzeptanz verwandelte. Es half nicht, wenn man sich aufregte und verrückt machte. Ronnie, der Auszubildende im ersten Lehrjahr würde jetzt sagen: Denken bringt immer nur Probleme. Und dieser ständig bekiffte Vollidiot hätte damit sogar recht.

Sie erkannte weitere vertraute Wegpunkte. Brücken, Verkehrsschilder, Schlaglöcher; all das nahm sie zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst war. Die Straße verlief nun parallel zum Fluss und endlich passierte Mona im Schneckentempo die alte, verfallene Mühle, in der sie als Kind oft gespielt hatte, obwohl der Zutritt schon damals verboten gewesen war. Seit Jahren hieß es, man wolle die Ruine abreißen, doch soweit Mona gehört hatte, gab es immer wieder Probleme wegen der Besitzrechte. Vermutlich würde das Ding noch hundert Jahre lang stehen.

In diesem Augenblick war es der schönste Anblick seit langem.

In weniger als zehn Minuten bist du zuhause, sagte sie sich und hielt sich an diesem Gedanken fest, so gut es ging.

21:45 Uhr - Kilometer 15

Ein paar Minuten schöpfte sie neue Zuversicht. Das Tanklicht leuchtete bereits seit fünfunddreißig Kilometern, das Radio war immer noch kaputt und die Sicht hatte sich nicht gebessert. Aber es war keine einzige Schneeflocke gefallen und nach weiteren zwei Kilometern würde sie vor ihrer Haustür stehen.

Sofa, Fertigfraß und Glotze an. Pizza und Ally McBeal. Mehr will ich gar nicht.

Mona beruhigte sich und verwarf alle Verschwörungstheorien. Jetzt war alles in Ordnung. Gleich würde das Ortsschild auftauchen. Der Eingang in ihre heile Welt.

21:54 Uhr - Kilometer 18

Mona merkte zunächst nicht, dass das Schild nicht kam. Nicht bewusst. Ein Blick auf den Kilometerzähler hätte ihr verraten, was sie nicht wissen wollte. Doch diese Gewissheit war vorerst nicht viel mehr ein Keim in ihrem Unterbewusstsein. Der Keim wuchs nur ganz langsam heran, in Form einer simplen Frage, und kam erst Minuten später in Monas Kopf an.

„Wo zum Teufel...“ Sie konnte unmöglich falsch abgebogen sein. Es gab keine einzige Kreuzung hier draußen.

Sie schaute nicht auf den Kilometerzähler, die Angst vor der Wahrheit war zu groß. Denn die Wahrheit konnte in diesem Fall gar keine Wahrheit sein, allenfalls ein Riss in der Wirklichkeit. In einer Welt, in der es immer eine vernünftige Erklärung gab.

Der Kilometerzähler hätte ihr alles verraten. Und ein Teil von ihr wusste das. Doch ein anderer Teil schaffte es, sie von einem Blick auf diese Instrumente abzuhalten.

21:57 Uhr - Kilometer 19

Da draußen war nichts mehr. Nur die Straße. Und die war plötzlich mehr da, als Mona es je erlebt hatte. Es war so, als existiere diese Straße nur für den alten Toyota, als hätte sie auf ihn gewartet. Mona fühlte nichts mehr von der Anonymität, die sie sonst empfand, wenn sie unterwegs war, wenn sie für die Straße nur eine von Tausenden von Fahrern war.

Das hier schien ihre Straße zu sein, und das war beunruhigend.

Mona kroch immer noch mit zwanzig Kilometern pro Stunde dahin. Ihre Hände verkrampften sich am Lenkrad. Und als sie einen Moment lang nicht aufpasste, wurde sie von sich selbst überlistet, von dem Teil, der den Gedanken an die Möglichkeit übersinnlicher Phänomene gar nicht so lächerlich fand. Dieser Teil in ihr triumphierte, als sie einen Moment lang abgelenkt war durch Müdigkeit, Mutlosigkeit und ein wenig Wut über die ganze Welt. Sie richtete ihre hübschen braunen Augen endlich auf ein kleines, unscheinbares Instrument mit vier kleinen Rädern, das sich in der unteren Mitte der Tachoscheibe befand.

Der Kilometerzähler.

Unmöglich!

Doch der andere Teil in ihr hatte es längst gewusst.

[Wehr dich nicht. Du kannst nichts daran ändern.]

„Was soll die Scheiße? Wo... bin ich?“

[Das spielt doch im Grunde keine Rolle. Frag Dich eher, wo Du nicht bist.]

Halt’ die Klappe...


Sie sehnte sich nach einer Zigarette und verfluchte den Tag, an dem sie das Rauchen aufgegeben hatte. Die Schmerzen im Kopf wuchsen zu einem fast unerträglichen Reißen an. Die Augen brannten, als wäre die Luft im Wagen mit Dämpfen ätzender Säure angereichert.

Mona nahm die rechte Hand vom Lenkrad, tastete nach ihrer Handtasche, die auf dem Beifahrersitz lag, und wühlte darin. Es war ihr vollkommen egal, als ein großer Teil des Inhalts auf dem Sitzpolster landete. Im Wagen sah es generell schlimm aus, da kam es darauf nun wirklich nicht mehr an. Ein Frühjahrsputz könnte nicht schaden, er stand ganz oben auf der Liste mit Dingen, die sie irgendwann demnächst erledigen wollte.

Schließlich fand sie, wonach sie gesucht hatte, wickelte einhändig das Papier ab und steckte den farblosen Kaugummistreifen in den Mund. Sofort schoss ihr minzige Frische durch den Rachen. Es war ein gutes Gefühl.

Nicht so gut wie eine Zigarette, aber gut.

22:03 Uhr - Kilometer 21

Ihre Augen wanderten von Nervosität getrieben hin und her, von rechts nach links und wieder zurück. Sie konnte ganz schwach das Gras des Straßengrabens erkennen und vor sich drei oder vier Meter grauen Asphalt. Das war alles. Es war nicht wie Fahren, es war eher wie ein verzweifeltes Ankämpfen gegen das Anhalten.

Immer das gleiche? Scheiß drauf...

Schweiß lief zwischen Haut und Wollpullover herunter und gleichzeitig fröstelte sie. Der Blick in den Innenspiegel wirkte bedrohlich. Ein trübes, rotes Glühen vom Schein der Rücklichter. Für Mona wirkte es wie die Feuer der Hölle. Sie drehte den Spiegel von sich weg und beobachtete stattdessen lieber den Kilometerzähler. Das kleine Rädchen ganz rechts drehte sich langsam aber unerbittlich weiter. Jedes Zeitgefühl war verloren, doch dieses Rädchen war unbestechlich.

Drei...Vier... Fünf...

Wie lange leuchtete das Tanklicht nun schon?

Sechs... Sieben...

Noch nicht lange genug, aber mit jeder weiteren Umdrehung des Rädchens näherte sich Mona mehr und mehr einer allzu weltlichen Grenze.

Sie würde mit leerem Tank stehen bleiben.

22:06 Uhr - Kilometer 22

Sie zwang sich zu Gedanken an alltägliche Dinge. Unwichtige Dinge. Diese Gedanken halfen ihr, nicht den Glauben an ihre Welt zu verlieren. Mona klammerte sich an sie, als ob sie das einzige seien, was ihr geblieben war.

Sie war in einer handfesten Familie aufgewachsen. Der Vater ein Fliesenleger, die Mutter gelernte Floristin. Bodenständig und wie zwei Felsen in der Brandung. Das Fundament ihres gemeinsamen Lebens war so solide und unerschütterlich, wie das des Hauses, in dem sie wohnten; des Hauses, das ihr Vater mit eigenen Händen gebaut und in dem Mona eine durch und durch behütete Kindheit verbracht hatte. Es existierte nur, was man mit eigenen Händen anfassen und mit eigenen Augen sehen konnte.

Ja, die sichtbare Welt war Monas Heimat. Doch nun gab es diese Welt nicht mehr.

Die Bäume am Straßenrand waren verschwunden, obwohl das eigentlich unmöglich war. Doch das alleine war nicht das Schlimmste. Schlimmer noch waren die fehlenden Begrenzungspfosten. Auf der ihr sonst so vertrauten Straße standen sie im regelmäßigen Abstand von fünfzig Metern, doch nun waren sie verschwunden. Sie fuhr ein Stück, um sich zu vergewissern und es stimmte. Der Nebel hatte sie verschluckt. Auch sämtliche Fahrbahnmarkierungen waren verschwun-den. Einfach weg. Nur das Gras am Rande der Asphaltfläche glänzte silbergrau im Licht des Scheinwerfers.

Die Frage war nur: Wie lange noch?

Normalität war plötzlich etwas Wundervolles, ein leuchtender Gedanke in einer stockfinsteren Welt, nicht viel mehr als eine Utopie, eine Festung, in deren Mauern man sich ohne Angst bewegen konnte, während draußen vor den Toren hungrige Ungeheuer lauerten.

Das Rädchen drehte sich weiter.

Eins...

Habe ich mich doch getäuscht?

Zwei...

Ganz ruhig. Ganz cool. Tief durchatmen.

Drei...

Ich habe die Mühle gesehen. Vor etwa... Sie schaute auf die Uhr und erschrak. ...einundzwanzig Minuten. Vor einundzwanzig Minuten. In Ordnung.

Vier...

Es gibt nur diese Straße.

Fünf...

...und wo verdammt sind die Bäume hin? Die Linien? Pfosten?    

Die Situation war einfach zu verrückt, zu irrational. Mona konnte sie einfach nicht erfassen, sie entglitt ihr einfach immer wieder. Würde sie sich im Nachhinein vollkommen blöd vorkommen?

Vermutlich. Hoffentlich.

Plötzlich sah sie aus den Augenwinkeln einen Lichtreflex, zuerst schwach, dann stetig ansteigend. Die Stille wurde von einem lauten Krächzen durchbrochen, als das Radio wieder anging.

Sie hatte die Lautstärke versehentlich auf Maximum gestellt, als sie an den Reglern herumgespielt hatte. Mit sturem Blick auf die Straße drehte sie ein wenig leiser, während ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Sie erkannte zuerst die Melodie, dann den Text.

And my Mama told me, there´ll be days like this...

Derselbe Song, bei dem vor einer halben Stunde das Radio verreckt war.

Derselbe verdammte Song...

Als sie diesen Gedanken gerade auseinander pflücken und über seine Bedeutung nachdenken wollte, verstummte das Radio erneut. Mona bildete sich einen Augenblick lang ein, in der darauffolgenden Stille Stimmen zu hören, doch konnte sie an dieser Wahrnehmung einfach nicht festhalten. Der Eindruck, es wirklich gehört zu haben, entglitt ihr binnen einer Sekunde.

Sie spürte Schweiß auf ihrer Stirn und auf der Innenseite ihrer Handflächen. Sie nahm zuerst die rechte, dann die linke Hand vom Steuer, wischte sie an ihrer Jeans ab und öffnete anschließend das Fenster. Die kühle Luft tat gut. Sie wirkte erfrischend und äußerst belebend, fast so wie reiner Sauerstoff. Es war erstaunlich, wie schnell sie ins Innere strömte, obwohl der Spalt nur einen Zentimeter breit war.

Dann wirbelte ihr Kopf herum, so blitzartig, dass der Nacken schmerzte. Etwas hatte sie berührt, über dem linken Ohr, eine eisige Klaue aus kleinen Regentropfen streifte durch ihr Haar. Der Nebel drängte sich durch das Fenster herein, er lief über die Oberkante des Fensters, so wie Wasser über eine Kaskade. Mona sah ihr schwaches Spiegelbild, das von der Scheibe zurückgeworfen wurde und erstarrte.

Das war nicht sie.

Es war das Bild einer anderen; eine verzerrte Grimasse, deren Haut durch den Nebel langsam aufgefressen wurde. An einigen Stellen konnte man das rohe Fleisch sehen, winzig kleine Stücke rieselten wie Kuchenkrümel herab. An den Wangen lief die Haut herab wie heißes, hautfarbenes Kerzenwachs und entblößte Teile des Schädelknochens. Die Haare begannen zu verdampfen. Das rechte Auge schwoll an wie ein kleiner Luftballon, der jeden Moment platzen würde. Die Pupille war geweitet, und die Iris schien einzureißen; Äderchen traten hervor, dunkelrot und ekelerregend.

Sie wollte schreien, doch sämtliche Luft schien aus den Lungen gewichen zu sein, jedes Blutströpfchen aus ihren Venen gepumpt. Sie tastete mit zitternder Hand nach der Kurbel, bekam sie zu fassen, und schloss das Fenster. Es ging schwerer als sonst, als hätte jemand seine Finger zwischen Scheibe und Dachholm eingeklemmt. Und tatsächlich zappelte dort die Hand aus Nebel, die sie vorher berührt hatte, so lange, bis die einzelnen Glieder vom Glas zerquetscht wurden und als trübe Flüssigkeit an der Innenseite der Scheibe herab flossen, bevor sie sich schließlich in Luft auflösten.

Das Spiegelbild war wieder ihr eigenes. Sie starrte es eine ganze Weile an, ohne zu atmen, ohne sich zu bewegen, ohne zu denken. Ihr Mund stand weit offen, die Augen waren weit aufgerissen und mit Tränen gefüllt.

Es blieb ihr Spiegelbild.

Der rechte Fuß glitt vom Gaspedal. Mit der rechten Hand riss sie den Gang heraus, ohne zu kuppeln.

Der Toyota rollte aus.

Monas Atem war flach und schnell. Ihr Kopf glich einer Waschmaschine auf Schleudergang; ihre Gedanken wurden wild umhergewirbelt und schlugen an die Außenwände der Trommel.

Was war eben geschehen? Hatte sie das wirklich gesehen?

Unmöglich. Du drehst durch...

Mona schaute immer noch zur Seite und starrte sich selbst an. Die Suche nach der vernünftigen Erklärung gestaltete sich als schwieriger, als sie es je zu glauben gewagt hätte.

Das war nur eine Halluzination. Manchmal spielt uns der Verstand einen Streich. Mein beschissener Verstand spielt mir an diesem beschissenen Tag einen beschissenen Streich. So einfach ist das.

Dieser Streich, diese Halluzination war jedoch anders als alle, die sie bisher gehabt hatte. Mona hatte dieses Bild nicht nur mit den Augen gesehen, sondern auch mit ihrem Herzen. Dieses Organ in ihrer Brust, das so viel mehr war als ein schlichter Muskel, sagte ihr, dass all dies tatsächlich geschah und sie sich in großer Gefahr befand. Dagegen kam der Verstand nicht an.

Nun suchte sie verzweifelt nach einem schönen Gedanken, nur einem einzigen, der die Kraft besaß, die bösen Geister zu vertreiben. Sie suchte nach dem rettenden Seil, das sie vor dem Absturz bewahrte.

Sie dachte an die Sommer ihrer Kindheit zurück; an den Urlaub mit ihren Eltern. Ans Meer, die salzige Luft, all die anderen Kinder auf dem Campingplatz. Und an die Abende, an denen sie bis spät in die Nacht am Lagerfeuer gesessen hatten.

An Geborgenheit.

22:09 Uhr - Kilometer 23

Ein Erdbeben erschütterte diesen wunderschönen Gedanken und ließ ihn langsam einstürzen. Die Bilder lösten sich auf, vorbei war es mit dem Gefühl der Wärme und der Sicherheit. Was übrig blieb, war das dunkle Innere des Toyota, drum herum eine graue Welt ohne Konturen und eine nahezu erdrückende Stille. Diese Stille war es, die Mona dazu veranlasste, sich wieder zu fassen.

[Willst Du etwa hier stehen bleiben?]

Willst DU nicht die Klappe halten?

Sie drehte den Zündschlüssel. Der Anlasser hörte sich nicht gut an. Die Lichtmaschine musste defekt sein, die Batterie wurde während der Fahrt vermutlich nicht mehr ausreichend geladen. Mona war das egal, solange dieser eine Start noch glücken würde. Das war das einzige, was plötzlich in ihrem Leben zählte.

Gesundheit? Karriere? Familie? Scheiß drauf...

 Der Anlasser stotterte, gab sich alle Mühe und schließlich reichte seine Kraft tatsächlich aus, um den Motor wieder zum Leben zu erwecken. Sie dachte nicht mehr an all die Dinge, die bisher geschehen waren, sie hatte sie säuberlich beschriftet und auf dem Speicher ihrer Erinnerungen abgestellt. Alles war in bester Ordnung. Der Motor lief und alles andere war nicht geschehen.

Das war sie, ihre vernünftige Erklärung: Nichts von all dem war geschehen.

Mona trat die Kupplung, ihre Beine zitterten noch immer. Sie legte den ersten Gang ein und gab mehr Gas als sonst, damit der Motor unter keinen Umständen abstarb. Ein weiterer Start mit dieser Batterie war unwahrscheinlich. Und das Tanklicht erinnerte sie auf unangenehme Weise daran, dass sie ohnehin nicht mehr sehr weit fahren konnte. Höchstens noch fünfundzwanzig Kilometer.

Wäre es klüger, umzudrehen? So konnte sie mit ein wenig Glück gerade noch die Tankstelle am westlichen Stadtrand erreichen, mit dem allerletzten Tropfen. Sie könnte aber genauso gut stehen bleiben.

[Fifty-Fifty, würde ich sagen.]

Sie entschied sich, noch ein paar Meter zu fahren. Nur noch ein paar Meter. Und dann noch ein paar mehr, wenn es sein musste. Es war vernünftig, das zu tun. Denn das Ortsschild musste jeden Augenblick auftauchen.

[Ja, klar...]

Und morgen früh konnte sie in aller Ruhe tanken.

Mona atmete tief durch und nahm die verschiedensten Gerüche im Wagen wahr: Schweiß, vermischt mit dem Duft ihres Parfums. Den Plastikgeruch, den die Innenausstattung selbst nach fünfzehn Jahren noch ausdünstete. Und den widerlichen Duftbaum, dem selbst die Klappe des Handschuhfachs keinen Einhalt gebieten konnte. Und sie roch die angeschmorte Luft, die aus den Lüftungsschlitzen kam. Diese Luft roch irgendwie nach Tot und Vergänglichkeit. Monas Sinne waren definitiv überreizt. Doch das Fenster blieb oben. Der Anblick dieser Fratze wollte sich einschleichen, doch sie ließ es nicht zu. Diese Tür war fest verschlossen.

Sie fühlte einen seltsamen Druck auf ihrem ganzen Körper, als befände sie sich auf dem Grund eines tiefen Schwimmbeckens, das mit Angst gefüllt war. Und dieser Druck wurde immer stärker. Sie wusste, dass sie auf keinen Fall die Nerven verlieren durfte. Doch es war schwer, dagegen anzukämpfen. Sie biss fest auf ihre Unterlippe, fühlte den Schmerz und versuchte, sich darauf zu konzentrieren.

Sie wollte unter keinen Umständen an irgendetwas denken, das sich außerhalb des Wagens befand.

22:13 Uhr - Kilometer 24

Ein Gedanke schoss durch ihren Kopf. Erfreulicher und ermutigender als alle anderen.

Das Handy! Du bist so unglaublich blöd!

Die linke Hand wanderte in die Handtasche und ertastete dort ein Röhrchen Aspirin, einige Kugelschreiber, eine Quittung vom letzten Tankstop, Kaugummis, einen kleinen Taschenspiegel, ihre Sonnenbrille, und allerlei Kleinzeug, das undefinierbar zwischen ihren Fingern hin und her wanderte.

Doch kein Handy.

Sie sah neben sich und tastete nun mit den Augen nach dem, was die Finger nicht gefunden hatten, aber das Handy war nirgends zu sehen. Auch nicht im Fußraum, wo ein Teil des Handtascheninhalts gelandet war, als sie gestoppt hatte.

Mona war gerade im Begriff anzuhalten und unter dem Sitz nachzusehen, als gleich zwei Gedanken sie davon abhielten. Erstens wollte sie nicht anhalten. Auf keinen Fall sollten die Räder noch einmal zum Stillstand kommen, bevor Mona zu Hause war oder an einem anderen Ort, an dem die Anwesenheit vertrauter Dinge sämtliche bösen Geister vertreiben konnten.

Und zweitens tauchte ein Bild vor ihrem inneren Auge auf: das Handy in ihrer Hand. Sie stand im Pausenraum und hatte kurz nach Feierabend noch eine Nachricht verschickt, dann das Mobiltelefon auf den Tisch gelegt und ihre Jacke von der Garderobe genommen. Daran erinnerte sich Mona. Aber sie erinnerte sich nicht daran, es wieder zurück in die Handtasche gesteckt zu haben.

22:15 Uhr - Kilometer 25

Sie nahm die schemenhaften Umrisse am Straßenrand nur noch teilnahmslos wahr. Der Nebel schien an einigen Stellen Schatten zu werfen, doch Mona konnte in diesen Gebilden nichts erkennen.

Bäume! dachte sie plötzlich. Sind es vielleicht Bäume?

[Der Nebel! Er greift nach dir!]

Sie zuckte bei dem Gedanken zusammen. Der Atem setzte aus und auch das Herz schien stillzustehen. Nur für einen Moment. Dann setzte beides mit einer derartigen Heftigkeit wieder ein, dass Monas Körper sich verkrampfte und nach vorne krümmte.

Nichts als ein leises Stöhnen entwich ihr.

Ein säuerlicher Geschmack stieg in ihr empor. Als sie gerade dachte, dass der Schrecken und die Qual in ihr nicht mehr stärker werden könne, als sie gerade so angespannt war, dass jede noch so kleine zusätzliche Erschütterung ihre Sicherungen zum Schmelzen bringen müsste, da streifte etwas ihren linken Oberschenkel.

Sie schrie.

Und um ein Haar hätte sie die Kontrolle über ihre Blase verloren.

22:18 Uhr - Kilometer 26

Es war ihr Handy. Es klingelte nicht, vibrierte nur. Mona schaltete während der Arbeit immer den Ton aus, ließ die Vibration aber an. Sie hatte es nicht vergessen; es war ihr zuvor nur aus der Handtasche gefallen, als sie nach Kaugummi gesucht hatte, und zwischen Mittelkonsole und Beifahrersitz gelandet. Mit weit aufgerissenen Augen griff Mona danach und starrte es an.

Im Display stand Unbekannter Anrufer, die Tastenbeleuchtung blinkte. Ihr Herz pumpte Blut mit erschreckender Gewalt bis in die kleinste Pore ihres Körpers, der von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz zu pulsieren schien. Er pulsierte wie das Handy.

Monas Hand öffnete sich reflexartig und das zitternde, zappelnde, blinkende Unding landete in ihrem Schoß. Nachdem es ihr gelang, wieder einen annähernd klaren Gedanken zu fassen, griff sie hektisch danach, drückte die Gesprächstaste und meldete sich mit unsicherer Stimme: „Ha...Hallo?“

Rauschen.

[Oder Flüstern?]

Sie nahm das Handy vom Ohr, um sich zu vergewissern, dass die Verbindung (zu wem auch immer) noch stand. Laut Display tat sie es.

„Hallo? Ist da jemand? Hallo? Ich...“

Rauschen. Langes Rauschen.

Mona fehlte plötzlich der Mut, auch nur ein Wort mehr zu sagen. Weg waren die Gedanken daran, auf diese Weise Hilfe zu holen. Verschwunden war das Gefühl, am anderen Ende der Leitung könnte ihre heile Welt auf sie warten, die vernünftige Erklärung.

Als sie gerade auflegen wollte, hörte sie einen Schrei, ganz leise. Er kam aus der Hörmuschel und traf Mona wie ein Peitschenknall. Dann war das Display plötzlich dunkel, das Handy aus.

In einem Anfall aus Entsetzten und Angst verlor Mona die Kontrolle. Sie schrie auf, fletschte die Zähne und schleuderte das Telefon mit all ihrer Kraft gegen die Innenseite der Beifahrertür. Doch die Verkleidung der Tür bestand aus weichem Kunststoff und so wurde das Geschoss zurück gefeuert. Es flog nur Zentimeter an Monas Nase vorbei, krachte gegen ihre Seitenscheibe und landete zwischen den Pedalen.

Tränen fluteten die braunen Augen, und verzerrten ihre Sicht.

Mona trat mit aller Kraft auf die Bremse. Der Wagen stand sofort.

22:19 Uhr

Ohne über Angst, Panik oder den leeren Tank nachzudenken, wendete sie den Toyota. Immer wieder rutschte sie am Lenkrad ab, mit schwitzenden Händen, von Panik getrieben.

Das nächste Mal nur mit Servolenkung. Verdammte Mistkarre.

Als sie im rechten Winkel zur Straße stand und der Scheinwerfer den linken Straßenrand ausleuchtete, erschrak sie erneut. Es war nichts zu sehen, das auch nur ansatzweise real gewirkt hätte. Die wenigen Grasbüschel wirkten nicht materiell, sondern lediglich wie ein Überbleibsel aus Monas Erinnerungen. Und das Gras schien vor dem Licht regelrecht zurückzuweichen, als traue sich die Welt da draußen nicht an sie heran.

Noch nicht.

Hektisch beendete sie das Wendemanöver, ständig darauf bedacht, den Motor nicht abzuwürgen und beschleunigte den Wagen auf fast fünfzig Sachen.

Viel zu schnell, doch es war ihr egal.

Ich werde es zu bis zu dieser Tankstelle schaffen. Es wird knapp, aber ich werde es schaffen.

Doch dieser aufmunternde Gedanke wurde plötzlich von einem anderen verschluckt, der gleichermaßen seltsam wie beängstigend erschien.

[Hast du eben wirklich gewendet? Oder fährst du immer noch in die andere Richtung? Bist du dir sicher, wirklich gewendet zu haben?]

Sie war es nicht. Mona begann an Dingen zu zweifeln, die noch vor Sekunden Realität waren.

Ich werde es nicht schaffen bis zur Tankstelle.

[Es gibt keine Tankstelle.]

Du hast recht, es gibt keine Tankstelle.


22:30 Uhr

Keine Tankstelle, kein gar nichts. Raum und Zeit existierten nicht mehr, zumindest nicht so, wie Mona es kannte.

Sie befand sich tatsächlich in einem Riss des Rationalen. Im Handschuhfach einer Bestie, weggeschlossen und entsorgt, bis sie vielleicht irgendwann noch einmal von Nutzen sein konnte, für etwas Unvorstellbares, etwas Grausames. Sie wehrte sich nicht mehr gegen diese Vorstellung, dazu fehlte die Kraft und der Mut. Sie ergab sich, ließ sich fallen, überwältigt von Resignation und Trotz. Ihr Kopf ließ kaum noch Gedanken zu; es lief ein Notprogramm zur Erhaltung der wichtigsten Funktionen.

Doch tief in ihr glomm immer noch ein Funke, ganz schwach und verwundbar: die Mühle.

Nachdem sie das alte Gebäude vorhin passiert hatte, war sie noch ziemlich genau zehn Kilometer gefahren, bevor sie den Wagen gewendet hatte. Das bedeutete, sie würde in zwei Kilometern wieder daran vorbei kommen. Einfache Algebra. Dreisatz. Oder zumindest so was in der Art. Dieser Logik konnte nichts und niemand etwas entkommen. Denn so funktionierte die Welt, im Kleinen wie im Großen. In guten wie in schlechten Zeiten.

Oder?

„Nichts oder!“ sagte sie laut, um ihre eigene Stimme zu hören. Sie klang seltsam fremd.

Ein gemeiner Gedanke begleitete sie, seit sie das Auto gewendet hatte. Sie wollte keinesfalls darüber nachdenken, doch es war schwer, sich dagegen zu wehren.

Es war dumm, umzudrehen. Ich wäre gleich zuhause gewesen.

Hätte sie wirklich nur noch hundert Meter fahren müssen?

[Natürlich. So wäre es gewesen. Deinetwegen sind wir am Arsch.]

Mona konnte die Ereignisse der letzten Stunde nicht mehr voneinander trennen, schon gar nicht in eine logische Reihenfolge bringen. Die Sache mit der Straße. Die Mühle. Der Nebel. Das Wenden. Dieses Gesicht im Fenster, das nicht ihr eigenes und zugleich doch sie selbst gewesen war. Das alles ergab keinen Sinn mehr. Und wo waren die letzten siebzig Minuten geblieben? Sie wusste es nicht. Sie schienen einfach innerhalb einer Sekunde verflogen zu sein. Eine Sekunde, in der Mona eingeschlafen war und einen furchtbaren Traum gehabt hatte.

So muss es sein.

[Da hast du sie. Deine vernünftige Erklärung.]


22:47 Uhr

Mona ignorierte den Kilometerzähler. Sie hätte die Mühle bereits vor einem Kilometer wieder passieren müssen. Sie ignorierte auch die Tankanzeige. Das Benzin konnte unmöglich für den Rückweg ausreichen.

Vor allem aber ignorierte sie die Tatsache, dass sogar das Gras am Straßenrand verschwunden war und die Fahrbahn nun gar keine Begrenzung mehr hatte.

Keine Mühle.

[Keine Mühle.]

Keine Ally McBeal.


Mona war nur noch Passagier. Das Geräusch des Motors drang gedämpft zu ihr durch, als befände sie sich unter Wasser. Die wenigen Lichtreflexe, die in ihre Augen drangen, waren verschleiert. Ihre Finger fühlten sich an, als seien sie betäubt, durch eine schwache, örtliche Narkose.

22:49 Uhr
    
Monas Stimmung schlug urplötzlich um. Sie begann zu schreien, so laut, dass ihre Stimme sich überschlug und schließlich brach unter der Last der Verzweiflung. Sie drosch mit den Händen auf das Lenkrad ein und auf die Lehne des Beifahrersitzes. Die Augen füllten sich erneut mit Tränen und der gebrochene Schrei endete als ein verkümmertes Wimmern. Die Lippen bebten und ihre Hände zitterten.

„Das kann alles nicht... Nicht mir...“ Mona begann zu schluchzen, ließ ihrer Furcht freien Lauf. Tränen liefen an ihren Wangen herab. Doch die Hände waren zu schwach, um sich vom Lenkrad zu lösen und nach einem Taschentuch zu tasten. Schleimige Flüssigkeit rann aus ihrer Nase und tropfte in ihren Schoß.

Erst nach einigen Minuten versiegten ihre Tränen. Mona zog die Nase hoch und schaffte es schließlich, sie mit dem Ärmel abzuwischen. Mit der Zunge benetzte sie ihre spröden die Lippen mit Feuchtigkeit und sie konnte das Salz der Tränen schmecken. Ihr Atem verlangsamte sich. Weinen tat gut. Es war wie eine innere Reinigung, gab neue Kraft.

Doch gerade als Mona dachte, ihre Angst unter Kontrolle bringen zu können, da passierte das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte.

Der Nebel

Der Vortrieb des Motors wurde schwächer und endete schließlich in einer erdrückenden Stille.

Der Tank war leer. Der Toyota rollte langsam aus.

Reflexartig griff Mona, begleitet von einem neuen Panikanfall, nach dem Zündschlüssel. Sie drehte ihn. Der Anlasser tat widerstrebend seine Arbeit, doch der Wagen sprang nicht mehr an. Mona stöhnte ungläubig auf und versuchte es erneut.

Und noch einmal.

Und noch einmal.

Dann brach die altersschwache Batterie unter der Last zusammen. Mona drehte den Schlüssel erneut, doch nichts geschah. Der Anlasser streikte, nur noch ein gequältes Brummen war zu hören. Das Licht brannte noch, war aber wesentlich schwächer als zuvor.

Die Stille wurde ohrenbetäubend.

Das Monster hatte Mona verschluckt. Und nun würde es sie ganz langsam verdauen. Nichts würde von ihr übrig bleiben.

Verschwindet etwa die ganze Welt?

[Nein, nur du...]


Das Handy klingelte. Und Mona sah es zwischen ihren Füßen aufleuchten. Es war  zuvor ausgegangen, ganz sicher. Nun klingelte es hartnäckig. Eines der letzten Überbleibsel aus einer normalen Welt und doch so gespenstisch.

Mona nahm es an sich und hob ab. Sie wagte es immer noch nicht zu atmen.

Stimmen. Schrecklich verzerrt und unwirklich. Sie griffen nach Monas letztem Rest Verstand.

Dann wieder Stille. Doch sie währte nicht lange.

Grelles Licht schoss wie ein Giftpfeil aus dem Radio, und bohrte sich in Monas Augen. Van Morrisons Stimme erklang zunächst ganz leise, ganz sanft und liebenswert. Sie wurde mit jedem Wort lauter.

„And my Mama told me...“

Der Wagen erzitterte, als wäre ein schwerer Lastzug an ihr vorbeigerauscht. Mona krallte die Hände in den Sitz.

„...there´ll be days like this“

Dieses Lied! Es passte einfach nicht, denn es war positiv, freundlich und leichtfertig!

Es passt einfach nicht, verdammt nochmal!

Mona war am Ende. Sie klammerte sich an den Griff der Tür und riss sie mit aller Gewalt auf. Die Musik wurde immer lauter, die alten Lautsprecher begannen zu krächzen.

Sie presste ihre Hände auf die Ohren und taumelte hinaus.

Dann plötzlich verstummte die Musik und wieder herrschte diese unglaubliche Stille.

Mona wagte sich einen Schritt nach vorne. Der Nebel wich zurück. Nur ein wenig, aber deutlich erkennbar.

[Keine Täuschung. Es geschieht wirklich.]

Sie tat noch einen Schritt und tatsächlich reagierte die trübe Substanz. Sie lebte.

Noch ein Schritt.

Der Nebel wich von ihr.

Und noch ein Schritt.

Wo ist der verdammte Straßenrand?

Mona tat noch zwei weitere Schritte nach vorne und war selbst erstaunt über den Mut, den sie dafür aufbrachte.

Die Straße hatte keinen Rand mehr. Tatsächlich war da gar nichts. Sie sah nach unten und bemerkte, dass auch der Asphalt fehlte. Der Nebel hatte ihn geschluckt. Das verbleibende Licht aus dem Wageninnern reichte gerade noch aus um zu sehen, wie das milchige Zeug ihre Füße umschlang.

Dann wurde es dunkel, die Batterie erstarb.

Mona schrie auf, doch konnte sie ihren eigenen Schrei fast nicht hören. Der Nebel schien alles zu verschlucken, selbst ihre Gedanken. Einfach alles. Sie drehte sich um und wollte zu ihrem Wagen zurück, doch in dieser perfekten Dunkelheit konnte sie nichts sehen. Sie tat fünf Schritte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Die Hände vor sich ausgestreckt. Am ganzen Leib zitternd.

Voller Konzentration und mit frischen Tränen in den Augen tastete sie sich voran.

Nichts.

Sie ging noch zwei Schritte.

Nichts.

Wo um Gottes Willen ist das Auto? Bitte. Bitte.

Mona blieb stehen, wollte keinen Schritt mehr weiter gehen. Sie wollte gar nichts mehr, weder atmen noch denken. Sie tastete verzweifelt um sich und schrie erneut.

Da war nichts mehr. Die Welt war verschwunden und das, was sie vertrieben hatte, wollte Monas Schreie nicht hören.

Der Nebel umhüllte Mona.

Sie konnte ihn auf ihrer Haut spüren, bevor ihr gänzlich die Sinne nahm.

Kein Raum, keine Zeit. Der Riss schloss sich hinter ihr.

Von Mona fehlte jede Spur.

Auch ihr Wagen, der verlassen und mit geöffneter Fahrertür am Ortseingang gefunden worden war, konnte keine Hinweise liefern. Die Polizei schloss ein Gewaltverbrechen nicht aus, obwohl die Spurensicherung in dem Wagen keinerlei Indizien dafür gefunden hat.

Noch etwa dreißig Minuten nach dem Auffinden des Wagens war das Radio gelaufen, trotz einer offensichtlich leeren Batterie. Jeder Versuch, es auszuschalten, war gescheitert.

Sieben Monate, nachdem der Fall zu den Akten gelegt worden war, tauchte Mona wieder auf.

Man fand sie exakt an der gleichen Stelle, an der man ihr Auto gefunden hatte. Sie trug dieselbe Kleidung wie am Abend ihres Verschwindens. Man brachte sie aufs Revier und musste ihr ein starkes Beruhigungsmittel injizieren. Sie war schwer verstört, stand voll-kommen neben sich und behauptete immer wieder, erst vor wenigen Minuten aus ihrem Fahrzeug ausgestiegen zu sein.

Nach eingehenden Untersuchungen sprachen zwei Psychologen gemeinsam die Empfehlung aus, das Mädchen auf unbestimmte Zeit in eine Fachklinik einzuweisen. Ihre Eltern stimmten schweren Herzens zu.

Doch Monas Zustand verschlechterte sich. Sie sprach in den folgenden Monaten kaum noch ein Wort und sie beantwortete keine einzige Frage.

Dennoch blieb sie keineswegs stumm.

Jede Nacht sang sie immer und immer wieder das gleiche Lied, ganz leise, so lange, bis sie schließlich eingeschlafen war.

© Pascal Schäfer

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