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Pressebericht zur 10. Jahrestagung

Freitag, 15. Oktober 2010

Über 600 Teilnehmer bei Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen


Die zehnte Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) fand nun in Friedrichshafen unter Leitung von Professor Dr. Dr. Michael Bauer (Dresden) sowie Professor Dr. Peter Brieger (Kempten) unter dem Thema „Bipolare Störungen - über Grenzen hinaus" statt. Mit über 600 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren Ländern war die Jahrestagung die bislang größte der DGBS.


Friedrichshafen. Neben dem Austausch über die politischen Grenzen (Deutschland, Österreich, Schweiz) hinweg war die Überwindung der Grenzen zwischen Professionellen, Angehörigen und Betroffenen ein zentrales Anliegen der Tagung: Es gab neben wissenschaftlichen Symposien und Workshops auch trialogisch organisierte Veranstaltungen, die dem Austausch zwischen Angehörigen, Betroffenen und Profis „auf gleicher Augenhöhe" dienten. Auch die Vorbereitungsgruppe der Jahrestagung war „trialogisch" besetzt. Dietmar Geissler (Kempten) als Betroffenenvertreter sowie Barbara Wagenblast (Rielasingen) wiesen auf die Relevanz des trialogischen Ansatzes hin. Das wissenschaftliche Gewicht der Tagung wurde durch Grußworte von Professor Dr. Peter Falkai (President-elect der DGPPN), Professor Dr. Martin Preisig (1. Vorsitzender der Schweizer Gesellschaft für Bipolare Störungen) und Professor Dr. Christian Simhandl (Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für bipolare Erkrankungen) untermauert.


Historie, Versorgung und Leitlinie


Im Festvortrag der Veranstaltung durch Professor Dr. med. Dr. h. c. mult. Andreas Marneros (Halle-Wittenberg) stellte dieser geschichtliche Aspekte der manisch-depressiven Erkrankung dar und verwies auf tiefe Verwurzelung dieses Krankheitskonzeptes bis hin zur griechischen Heilkunde und Philosophie. Ein Schwerpunkt der Jahrestagung waren Themen der Versorgung und Gemeindepsychiatrie. Professor Dr. Thomas Becker aus Günzburg/Ulm stellte erste Ergebnisse der S3-Leitlinie psychosoziale Hilfen der DGPPN dar: Er betonte die Bedeutung von Assertiv Community Treatment (ACT), von Home Treatment und anderen gemeindepsychiatrischen Hilfen für die Versorgung schwerer psychischer Erkrankungen. Thomas Bock und Daniel Schöttle aus Hamburg stellten Ergebnisse aus der dortigen integrierten Versorgung dar, die Konzepte des Assertiv Community Treatments mit nachweisbarem Erfolg umgesetzt hatten. Dietmar Geissler (Kempten) schilderte die Anforderungen eines Betroffenen an ein „gutes" Versorgungssystem.


Weiterer thematischer Schwerpunkt der Tagung war der Entwicklungsprozess der S3-Leitlinie Bipolare Störung. Diese Leitlinie, die von DGBS und DGPPN gemeinschaftlich erstellt wird, steht vor dem Abschluss. Der Leitlinienprozess wurden von Andrea Pfennig (Dresden) und Reinhard Gielen (Hamburg) reflektiert. Mathias Berger (Freiburg) stellte dem die Entwicklung der S3-Leitlinie unipolare Depression entgegen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen „unipolar" und „bipolar" Leitlinie ist, dass die S3-Leitlinie Bipolare Störung trialogisch entstanden ist und somit bereits im Prozess der Konsenuskonferenzen die Perspektiven von Angehörigen und Betroffenen berücksichtigte.


Juristischer Dschungel und Empowerment


Von Seiten der Angehörigen war ein Symposium zu der Position von Erkrankten und Angehörigen im „juristischen Dschungel" organisiert worden. Andrea Temme, Chefärztin der Reichenau, beleuchtete die ärztliche Perspektive von Zwangsmaßnahmen und Schweigepflicht. Dies wurde juristisch von Uwe Brocks, Fachanwalt aus Hamburg sowie dem Präsidenten des Landgerichts Kempten, Dr. Erich Denk, kommentiert. Es entwickelte sich eine intensive und kontroverse Diskussion zu den rechtlichen Aspekten von Betreuung, Unterbringung und Zwang.
Konzepte der Salutogenese, von Recovery und Selbstbefähigung waren Themen, die die Betroffenen ins Zentrum eines Symposiums stellten. Der innovative Ansatz der „Ex-in-Projekte" wurden präsentiert: Betroffene engagieren sich nach entsprechender Ausbildung als „Genesungsbegleiter". Europaweit sind solche Projekte erfolgreich.


Bipolare Störungen häufiger als unipolare?


Jules Angst (Zürich), einer der Väter des modernen Konzepts Bipolarer Störungen, präsentierte aus der Zürich Studie neue Daten zum Verlauf bipolar affektiver Störungen: Er berichtete Hinweise, dass Bipolare Störungen mindestens ähnlich häufig auftreten wie unipolare, vom Verlauf her aber schwerwiegender sind. Waldemar Greil (München/Kilchberg) zeigte anhand der Verordnungsdaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, dass sich in den letzten Jahren gravierende Veränderungen in der Pharmakotherapie ergeben hatte: Polypharmazie und anwachsende Verordnungen atypischer Neuroleptika sind hier kontinuierliche Trends. Martin Preisig aus Lausanne betonte den Zusammenhang zwischen Bipolaren Störungen und kardiovaskulären Risikofaktoren.


Das Spektrum zwischen Bipolarer Störung und Schizophrenie bzw. Psychose war ein Thema eines Symposiums, in dem Paul Hoff (Zürich), Peter Falkai (Göttingen) und Georg Juckel (Bochum) sich besonders auf die Kraepelinsche Dichotomie bezogen und sie mit modernen Forschungsdaten konfrontierten. Deutlich wurde, dass empirische Forschung bislang kaum Hinweise geliefert hat, dass hier disjunkte Entitäten vorliegen. Eine klare Trennlinie ist bislang nicht zu ziehen.


Kinder psychischer Kranker sind ein Thema, das allgemein wachsende Beachtung findet. Das Symposium „Übersehene Helden - wie erleben und überleben Kinder die psychische Erkrankung der Eltern?" zeigte zum einen empirische Befunde zur Situation Kinder psychisch kranker Eltern, es präsentierte dann aber auch mit dem FIPS-Beratungsprojekt in Günzburg Mut machende Ansätze für eine Verbesserung der Versorgungssituation.


Dass Hilfe und Selbsthilfe via Internet immer bedeutsamer wird, ist offenkundig: Verschiedene Chatrooms, Selbsthilfeforen und auch Betreuungs- und Behandlungskonzepte im Internet existieren. Ein Symposium von Volker Mehlfeld und Ulrich Hemmeter (St. Gallen) präsentierte die Projekte. Die Vielfalt virtueller Angebote ist bedeutsam und bislang zu wenig bekannt.


Welchen Stellenwert haben Neuroleptika in der Therapie?


Ein hochrangiges Symposium zur Neurobiologie Bipolarer Störungen - „Neues aus Bildgebung und Genetik" fasste aktuelle Befunde zur Genetik (Thomas G. Schulze -NIMH/Göttingen), Bildgebung (Oliver Gruber - Göttingen) sowie zur Überlappung zwischen Bipolarer Störung, ADHD und Panikstörung in genetischer Hinsicht (Andreas Reif - Würzburg) zusammen. Hinsichtlich des Stellenwerts von Neuroleptika in der akuten und Langzeitbehandlung äußerten Max Schmauß (Augsburg) und Bruno Müller-Oerlinghausen (Berlin) unterschiedliche Einschätzungen: Dennoch war es Konsens, dass eine moderne Therapie Bipolarer Störungen auf Einsatz atypischer Neuroleptika nicht verzichten kann, auch wenn die Relevanz von Lithium weiter hoch ist.


Stigma - auch bei Bipolaren Störungen


Einer der Höhepunkte der Tagung war das Symposium zum Thema „Stigmatisierung". Beate Schulze (Zürich) stellte beeindruckend aktuelle Befunde der Stigmaforschung dar, wies aber auch darauf hin, welche Interventionen (von „Irrsinnig menschlich." bis BASTA) heute in Deutschland existieren. Larissa Wolkenstein (Tübingen) präsentierte empirische Befunde zur Stigmaforschung bei Bipolaren Störungen; Volker Mehlfeld berichtete eigene Erfahrungen mit Stigmatisierung und soziale Diskriminierung.


Störungsspezifische Diagnostik und Therapie verbessern die Qualität


Die Tagung präsentierte aktuelle Ergebnisse der Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen: Störungsspezifische Konzepte, die trialogisch Angehörige und Betroffene wie auch Profis einbeziehen, verbessern die Qualität von Behandlung und Diagnostik. Dabei zeigen sich auch im Bereich bipolar affektiver Störungen Problemfelder wie Zwang und Gewalt, die Versorgung Kinder psychisch kranker Eltern oder auch der Bereich der Stigmatisierung. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) hat sich dem integrativen Ansatz gestellt, Grenzen zu überwinden: Die Tagung verband Biologie und psychosoziale Versorgung, blickte über Versorgungssektoren und Regionen hinweg und wurde gemeinschaftlich von Betroffenen, Angehörigen und Profis organisiert. Auch unter diesen Aspekten war die Jahrestagung ein voller Erfolg.


Im nächsten Jahr findet die Jahrestagung vom 29.09. bis 01.10.11 in Mannheim statt. Kooperationspartner wird dann das Zentralinstitut für seelische Gesundheit sein.


Quelle: Pressemeldung des "Bezirk Schwaben"

 

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