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Drei Regeln für den Umgang mit Bipolaren in akuter Krankheitsphase (mit besonderem Augenmerk auf die Manie)


Ich bin seit einigen Jahren im Bipolar-Selbsthilfeforum der DGBS als schreibender Betroffener und Angehöriger zweier weiterer bipolar Betroffener, meines Bruders und meines Vaters, aktiv. 

Angehörige, die während einer Phase ihres Verwandten oder, oft noch dramatischer, ihres Lebenspartners, verzweifelt feststellen, dass alle Regeln des Zusammenlebens und alle ihre Verhaltensstrategien des täglichen Lebens auf einmal ungültig werden können, sind im Forum oft auf der Suche nach Antworten, die ihnen Bücher, Broschüren, Ärzte oder auch Sozialarbeiter nicht geben konnten.


Wie soll ich mit meinem betroffenen Partner/Verwandten richtig umgehen, wenn er gerade eine akute Krankheitsphase hat?



Dieses Thema beschäftigt nahezu alle Angehörige, die ihre Beziehung zum Betroffenen nicht rigoros abbrechen möchten, früher oder später, und stellt eine große Herausforderung dar, die nicht selten jahre- oder sogar jahrzehntelang mehr schlecht als recht gemeistert wird.



Gerade in einer aktuellen Krise fehlt es den Angehörigen oft an klaren Richtlinien, wie sie sich verhalten sollen, während beschreibende Informationen über die Erkrankung an sich relativ leicht zu bekommen sind. 
Oft besteht so etwas wie der Wunsch nach einem Handbuch, einer „Bedienungsanleitung“ für den psychisch Kranken, nicht nur nach der Aufklärung über das Wesen der Krankheit. Das Eine ergibt sich eben nicht automatisch aus dem Anderen. 



Meist herrscht große Unsicherheit und die Angst, etwas falsch zu machen, wenn der Angehörige sich zum ersten Mal mit einer akuten Phase auseinandersetzen muss. Co-abhängige Kommunikationsstrukturen können sich recht schnell entwickeln und später manchmal über Jahrzehnte bestehen bleiben.



Das Thema betrifft somit also auch die psychische Gesundheit aller Beteiligten.



Den folgenden Text habe ich im Laufe der Jahre mehrmals hilfesuchenden Angehörigen mehr oder weniger unverändert geschrieben, er ist sozusagen die Quintessenz dessen, was ich nach 45 Jahren als Angehöriger und 25 Jahren als Betroffener über funktionierende Kommunikation in Krankheitsphasen schreiben kann. 

Es sind eigentlich generell sehr gute Kommunikationsregeln, die aber gerade im Gespräch mit einem akut psychisch Kranken große Vorteile für beide Beteiligten bieten und damit auch das Verhältnis beider zueinander ganz essentiell verbessern können…



Auch wenn der Text sich in erster Linie mit der Kommunikation mit Manikern beschäftigt, welche noch einmal eine besondere Herausforderung darstellt, gelten diese Regeln auch für alle anderen Krankheitsphasen, ob Depression, schizoaffektive Phasen oder auch Mischzustände.



Mit Manikern ist in extremen Zuständen oft eine „ganz normale“ Kommunikation überhaupt nicht mehr möglich. Doch auch in Manien kann es, wenn der Zenith überschritten ist, der Maniker merkt, dass er sich sozial durch sein Verhalten isoliert, er sich manchmal nicht mehr verständlich mitteilen kann und in seinem Zustand einsam ist, eine generelle „echte“ Gesprächsbereitschaft (nicht Monologe), oder auch Sehnsucht nach den "ganz normalen" Gesprächen geben.



Manchmal klingt auch auf eine hilflose Art ein Wunsch nach Normalität selbst beim Maniker durch. Er sucht sich seine Manie ja nicht gezielt aus und wenn sie läuft, kann sie auch subjektiv zum Fluch werden, vor allem, wenn auch dysphorische Zustände auftreten. Es ist für den Maniker unglaublich frustrierend festzustellen, dass niemand mit seinem Tempo mithalten kann, dass Menschen Angst vor ihm bekommen, die er eigentlich liebt, und vor allem, sich immer wieder selbst nicht mehr zu verstehen. 



Er fühlt sich dabei oft sehr allein und unverstanden. Gesunden Menschen kann er niemals richtig vermitteln, was er wirklich fühlt, dabei hat er oft ein unbändiges Verlangen danach, denn er hat Gefühle von Freiheit, Großartigkeit, allumfassender Wahrheit, Wichtigkeit, die direkt durch seine Hirnchemie ausgelöst werden und mit nichts vergleichbar sind, was „normale“ Menschen fühlen.


Selbst mit Drogen ist es nicht wirklich möglich, an das heranzukommen, was ein Maniker real in seinem Nervensystem erleben kann. Es gibt Maniker, die sich mit Kokain, einem stark euphorisierenden Stimulanz, beruhigen können, weil die Manie imstande ist, weitaus größere Euphorie und Aufregung in ihnen zu erzeugen, und sie erst dann einen Effekt verspüren, wenn im Überdosierungsbereich bereits wieder paradoxe Wirkungen einsetzen. 



Es ist wichtig zu wissen, dass es unmöglich ist nachzuempfinden, was ein Maniker oder Psychotiker fühlt, aber man kann mit ein wenig Empathie wenigstens Teilaspekte erfassen, wie z.B. die Getriebenheit oder manchmal auch die Hilflosigkeit, wenn es darum geht, sich anderen mitzuteilen. 



Ein häufiges Problem beim Gespräch mit einem Maniker ist, dass er rasend schnell denkt und spricht, dass er den Faden verliert und mit etwas scheinbar völlig anderem fortfährt, dass seine Gedanken sich überschlagen und er im Gespräch dauernd die Richtung wechseln kann.



Das sucht er sich nicht aus. 



Dies ist Teil der rauschhaften Wirkung, die die Manie hat. Es hat wenig Sinn, ihn ständig darauf hinzuweisen oder dafür zurechtzuweisen, für einen Maniker wirken seine eigenen Gedanken meist in sich völlig logisch und korrekt.



Ich habe unzählige Male am Ende eines Gesprächs in der Manie ratlos dagesessen, wenn mein Gesprächspartner die Unterhaltung abbrach, weil es nichts mehr mit dem Ausgangsthema zu tun hatte. Es liegt oft nicht in der Macht des Manikers, klaren roten Fäden zu folgen. Das ist Teil der Krankheit. Ein Maniker ist oft extrem ablenkbar, selbstzentriert oder auch fahrig, und obwohl das Verhalten extrem sein kann, passiert es oft, ohne dass er es selbst bemerken kann. 



Es gab eine Party, da fand ich mich beim Ende eines Gesprächs/Satzes auf einmal völlig alleine im Raum wieder. Angeblich hatte man mir mehrmals erfolglos mitgeteilt, dass die Party vorbei sei und alle waren gegangen. Zwei Stunden vorher... Ähnliches erlebt man in der Manie häufig. 



Die folgenden 3 Grundregeln sind gedacht für Gespräche mit Manikern, bieten aber generell viele Vorteile für die Kommunikation mit Angehörigen und Partnern. 



1. Bleib freundlich.


Das ist ganz essentiell. Freundlich im Sinne von "wie ein Freund". Wie würde sich ein Freund verhalten? 


  • Ein Freund lässt immer seine Hilfsbereitschaft erkennen. 

  • Ein Freund redet mit ehrlichem Interesse mit mir, und zwar auf Augenhöhe. 

  • Ein Freund hört einem aufmerksam zu, und fragt, wenn er etwas nicht versteht.
  • Ein Freund ist nicht von mir abhängig, er steht immer wohlwollend an meiner Seite und sagt mir ehrlich seine Meinung. 

  • Ein guter Freund sagt einem die Wahrheit, auch wenn das unangenehm ist. Niemals würde er mich anlügen, nur um mich nicht aufzuregen.


Auch in der zweiten Bedeutung von „freundlich" ist diese Regel unbedingt einzuhalten. Bevor man selbst unfreundlich wird, unbedingt das Gespräch beenden, aber mit einer kurzen Begründung und der Ankündigung, wenn man weniger aufgeregt ist, wieder zu einem Gespräch zur Verfügung zu stehen. Wenn man selbst die Fassung verliert, wütend oder unfreundlich wird, ist das sinnvolle Gespräch sowieso zu Ende.


Das ist nicht schlimm. Das kann passieren, gerade im Gespräch mit einem Menschen in einer akuten Manie. Aber dann ist es sofort Zeit, sich aus dem Gespräch zurückzuziehen, bis die eigene Aufregung wieder verflogen ist. 
Dies kann auch einfach eine ganz kurze räumliche Trennung sein, z.B. geht man kurz in ein anderes Zimmer, um sich zu beruhigen (angekündigt).


Gegen die Heftigkeit, die ein Maniker im Zorn entwickeln kann, gegen seinen teilweise unbändigen Willen und sein übersteigertes Selbstbewusstsein hat ein psychisch gesunder Angehöriger keine Chance. Es ist einfach kein ehrlicher Kampf, der Maniker ist durch seine Hirnchemie, die fehlende Kritikfähigkeit und das krankhaft erhöhte Selbstbewusstsein bei Aufregung und Streit oft sehr stark im Vorteil. Daher auf jeden Fall bei einem Streit sofort das Gespräch abbrechen, die Auseinandersetzung ist in keinem Falle zu gewinnen. Die Eskalation ist das Ende des Gesprächs. Wenn man nicht mehr freundlich sein kann, muss das Gespräch unterbrochen oder beendet werden. 



2. Bleib ehrlich. 


Daher kann ich auch nur davor warnen, sich zu sehr selbst zu zensieren, nur um den Maniker „nicht aufzuregen". Wenn er in einer aggressiven Stimmung ist, gibt es nichts, was ihn nicht aufregen könnte.


Wenn er merkt, dass sein Gesprächspartner ihn anlügt, weil er Angst vor ihm und seiner Reaktion hat, kann das die Situation deutlich verschlimmern. Ein Maniker will in den allermeisten Fällen gar keine Angst bei Anderen auslösen, zumindest nicht, wenn er wirklich ein Gespräch führen möchte. Er möchte aber unbedingt ernst genommen werden. (Einzige Ausnahme: Er ist gerade sehr fröhlich und scherzt...)


Mich hat die ängstliche, co-abhängige Art, immer darauf zu achten, wie ich wohl reagiere und dann entsprechend die eigene Kommunikation anzupassen, die meine Mutter durch die Jahrzehnte mit meinem Vater verinnerlicht hatte, oft so sehr aufgeregt, dass ich nach einem verwandtschaftlichem Sonntagnachmittagsbesuch für mindestens ein bis drei Tage ernsthaft ausgelaugt und krank war. Auch noch, als ich bereits in medikamentöser Therapie war. Tatsächlich fiel dies meiner Lebensgefährtin sehr viel deutlicher auf als mir, ich war diese Art der Gespräche schon viel zu gewohnt.


Es handelt sich bei solchen co-abhängigen Kommunikationen oft um Manipulationsversuche, die den Maniker ruhigstellen sollen. Und das ist alles andere als gesund, weder für den Angehörigen noch für den Betroffenen. Erst einmal funktioniert es absolut nicht so wie gewünscht und zweitens - gibt es irgendjemanden, der Manipulation gut findet, die unbewusst abläuft?


Das hat nichts mit Freundlichkeit oder Ehrlichkeit zu tun, es ist eine Ebene, auf der dauernd durchdringt: "Ich habe Angst vor dir." Und das bedeutet im Umkehrschluss "DU bist angsteinflössend" - allerdings ohne es auszusprechen. 


Ein Maniker merkt, wenn man ihm nur „nach dem Mund redet", um ihn nur ja nicht zu provozieren. Und das kann unerträglich sein. Ein guter Freund würde so etwas nie tun. Man sollte also unbedingt ehrlich sein.


Ein Maniker hat Störungen in der Wahrnehmung und im Denken, es fällt ihm schwer, die Realität zu sehen. Dazu ist der Angehörige jedoch in der Lage und er muss unbedingt in der Realität bleiben. Die Weltsicht eines Manikers einfach zu bestätigen bedeutet, seine Krankheit zu verschlimmern. Man könnte die Regel genauso gut auch „Bleib authentisch" oder „Bleib als Person erkennbar" nennen. 



3. Bleib konsequent. 


Wer mit einem Maniker auf gesunde Art reden will, der muss unbedingt konsequent bleiben.


Ein Maniker ist selbst nur in den allerwenigsten Fällen zur Konsequenz fähig, da die Gedanken dauernd in Bewegung sind und sich ihm ständig neue Möglichkeiten eröffnen, so dass er nur selten ein Thema konsequent beibehalten kann.


Also ist Konsequenz die Aufgabe des Angehörigen. Das bedeutet, was man sagt, sollte man ernst meinen.


Werden im Gespräch Konflikte angesprochen, muss der Angehörige seine Meinung konsequent vertreten. Auch wenn das bedeutet, dass es zur Eskalation kommt und dann das Gespräch abgebrochen werden muss (siehe die erste Regel).


Wenn man einem Maniker seine eigenen Grenzen klar macht, gibt man ihm dadurch automatisch auch etwas, worauf er sich verlassen kann, denn er selbst kann die Grenzen seines Handelns einfach nicht mehr sehen und richtig beurteilen. Wenn dann das Gegenüber sagt: „Stopp, bis hierhin und nicht weiter“, so ist das eine klare Mitteilung, die man verstehen kann. Auch als Maniker. Die Konsequenz der Grenzüberschreitung muss jedoch ganz klar vorher angekündigt werden.


Beispiel: Der Angehörige sagt in einer aufkommenden Streitsituation, in welcher der Maniker ankündigt, er wolle aus Wut randalieren: "Wenn du hier bei mir etwas kaputt machst und tobst, werde ich die Polizei rufen."

Oder zum Beispiel am Telefon: "Wenn du mir jetzt mit Selbstmord drohst, dann habe ich Angst um dich und bin gezwungen, Hilfe zu rufen."


Oder: "Wenn du mich weiter so beschimpfst wie jetzt gerade, werde ich das Gespräch abbrechen."


Das heißt, man muss seine Grenzen klar kommunizieren, sobald sie überschritten werden, man muss mitteilen, was sonst die Konsequenz ist, und man muss dann auf jeden Fall auch konsequent sein, wenn es zur weiteren Grenzverletzung kommt. Der Maniker muss sich darauf verlassen können, dass man es ehrlich und ernst mit ihm meint. Dazu gehören auch manchmal ernste Konsequenzen.


Dies ist die praktische Anwendung der sogenannten Abgrenzung, die Angehörigen immer wieder als Ratschlag gegeben wird.


Nicht zuletzt bedeutet "konsequent bleiben" auch, dass man diese drei Grundregeln auf jeden Fall einhalten muss. Bemerkt man, dass man eine dieser Regeln nicht mehr einhalten kann, muss man das Gespräch beenden. 



Davon abgesehen, dass es ganz einfache Regeln sind, die eigentlich für alle freundschaftlichen Gespräche gelten müssten, können sie die Gespräche und das Verhältnis zwischen dem Angehörigen und dem Betroffenen generell sehr stark verbessern - vor allem langfristig. Sie beugen Co-Abhängigkeit vor und schaffen Klarheit für alle Beteiligten.


Ehrlich, freundlich, konsequent, das ist leicht zu merken und klingt erst einmal ganz einfach.


Ist es aber nicht! Es braucht sehr viel Übung und man muss gerade als Familienangehöriger sich selbst immer wieder überprüfen. Oft ist es sehr schwer, gerade diese einfachen Regeln einzuhalten.


Aber es gibt eigentlich keine Alternative, wenn man auf Dauer mit einem Betroffenen auskommen möchte, der immer wieder Phasen durchlebt, ob aus Uneinsichtigkeit oder auch, weil ihm Therapie und Medikation nur unzureichend helfen können oder beides. Alles andere endet leider meistens ungesund - sowohl für den Betroffenen wie für den Angehörigen. 


zyklothym“ (Pseudonym)

Der Name des Autors ist der DGBS bekannt.

 

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