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Wenn nichts mehr geht - Trennung? Oder auch: Hilfe durch Nichthilfe

Darf ich mich trennen (nicht nur als Partner, auch als Familienmitglied!), wenn es gar nicht mehr geht, oder muss ich mich dann schuldig fühlen?

Ja, Sie dürfen! Es fällt natürlich sehr schwer, einen psychisch erkrankten, lieb gewonnenen Menschen zu verlassen. Aber wenn Sie für sich (und eventuell vorhandene Kinder) keine andere Möglichkeit für ein gemeinsames Zusammenleben mehr sehen, sollten Sie auch die Konsequenzen ziehen.

Oft ist das der Fall, wenn der Betroffene über lange Zeit keine Krankheitseinsicht zeigt, sich nicht behandeln lassen will und infolgedessen keine Aussicht auf eine Besserung der Situation besteht. Es bringt dann nichts, sich aufzuopfern und die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Lassen Sie sich nicht von anderen einreden, dass Sie bleiben müssen. Es ist und bleibt Ihre Entscheidung, die Sie ganz ohne Schuldgefühle treffen können. Und vielleicht birgt eine (räumliche) Trennung oder ein (zeitlich begrenzter) Kontaktabbruch auch ganz neue Möglichkeiten: Manchmal muss man erst einen Schritt voneinander weggehen, um wieder zwei Schritte aufeinander zugehen zu können.

Lesen Sie zur „Hilfe durch Nichthilfe“ beziehungsweise zum Phänomen der „Co-Abhängigkeit“ bitte auch folgenden wichtigen Text:

Einem anderen Menschen helfen, ihn trösten, ermutigen, unterstützen ist schwierig. Es erfordert - neben Wissen, gutem Willen und Energie - vor allem Verständnis für die Situation des anderen. Ganz besonders dann, wenn der Mensch, dem man helfen möchte, an einer psychischen Erkrankung leidet. Bestimmte Aspekte der Bipolaren Störung können (scheinbar) unentbehrlich für den Erkrankten werden, etwa die Tatkraft und das Glücksgefühl, das oft eine (hypo)manische Episode begleitet, weshalb es bisweilen nicht einfach für ihn ist, den Krankheitswert einer solchen Phase zu erkennen.

Wer sich zum Ziel setzt, einen anderen Menschen tatkräftig zur Krankheitseinsicht zu bringen, wird zwangsläufig als Gegnerin bzw. Gegner erlebt. Er will dem anderen das entziehen, was dieser meint, vor allem anderen zum Leben zu brauchen. So wird das Helfen-Wollen zum ständigen Kampf. Auf Bitten, Appelle, Drohungen folgen Kränkungen, Versprechungen und Enttäuschungen.

Andererseits leisten Angehörige oft ihr Möglichstes, um die Erkrankung nach außen zu verheimlichen. Sie entschuldigen den Erkrankten beim Arbeitgeber, bei Bekannten und Verwandten oder begleichen durch die Krankheit verursachte Schulden. So wird Hilfe zum Feigenblatt. Was in der besten Absicht geschieht, verkehrt sich zum Gegenteil: Es hilft dem Betroffenen, die Erkrankung auszuleben, nicht aber, zur Krankheitseinsicht zu kommen, geschweige denn Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Fehlschlagende Hilfe und das Ringen um Einsicht sind - fast immer - kennzeichnend für die Beziehung zwischen Betroffenen und den Menschen, die ihnen helfen möchten. Hilflosigkeit auf beiden Seiten ist oft das Ergebnis. Die Erkrankten sehen sich machtlos ihrer Krankheit ausgeliefert. Sie sind unfähig geworden, ihr Leben aktiv zu gestalten. Die Angehörigen sind am Ende ihrer Kraft und verlieren alle Hoffnung.

So weit muss es nicht kommen. Zwar können die Angehörigen das Verhalten eines erkrankten Menschen nicht unmittelbar beeinflussen, sie können jedoch dazu beitragen, dass er Hilfe annimmt und einen Weg findet, mit der Krankheit so umzugehen, dass ein lebenswertes Leben für ihn und seine Umwelt möglich wird.

Menschen mit einer Bipolaren Störung verdecken ihre Erkrankung oft vor sich und den anderen. Zum einen aus Angst vor Konsequenzen, zum anderen um sich einen Rest an (Selbst-) Achtung zu erhalten. Jeder Versuch, einen betroffenen Menschen zur Einsicht zu zwingen und ihm seine Erkrankung zu beweisen, z.B. indem man die Manifestationen einer manischen Epsiode genau auflistet, erlebt er als Angriff gegen seine Person, gegen den er sich mit aller Kraft wehren muss.

Wenn Sie sich diese Zusammenhänge vor Augen führen, können Sie sich ihrer / ihrem erkrankten Angehörigen gegenüber gefasster verhalten. Kränkungen und Enttäuschungen erschüttern Sie weniger. Sie können dann eher akzeptieren, dass Sie im Kampf gegen die Krankheit immer wieder unterliegen (müssen).

Die typischerweise stattfindenden Auseinandersetzungen sind aber nicht nur nutzlos. Sie schaden darüber hinaus Ihnen und dem Menschen, dem Sie helfen möchten:

  • Die ständigen Streitereien zerstören die Vertrauensbasis der Beziehung weiter.
  • Sie bieten der / dem Erkrankten Gelegenheit dazu, Rechtfertigungen für das eigene Verhalten in den Fehlern der anderen zu suchen und die eigenen, massiven Schuld- und Schamgefühle zu verdrängen. "Angriff ist die beste Verteidigung!"
  • Da Ihre Gedanken ständig um das Verhalten Ihrer /Ihres Angehörigen kreisen, bestimmen ihre / seine Höhen und Tiefen auch Ihr Befinden. Sie schränken Ihr eigenes Leben dadurch massiv ein und werden (mit-)abhängig von der Erkrankung Ihrer / Ihres Angehörigen.

Menschen mit einer Bipolaren Störung müssen selbst zur Einsicht in ihre Situation finden. Zum richtigen Umgang mit der Krankheit brauchen sie die Unterstützung von Fachleuten. Alle Versuche, ihr Verhalten direkt zu beeinflussen, werden fruchtlos und immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen sein.

Sie können jedoch versuchen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Ihre Angehörige / Ihr Angehöriger Hilfe annimmt. Hierzu müssen Sie den Willen und den Mut finden, den Kampf gegen die Krankheit aufzugeben und einen gänzlich anderen Weg einzuschlagen. Sie müssen die vielfältigen Ängste, die Sie in Ihrer Rolle gefangen halten, überwinden und sich loslösen von den gegenseitigen Beschuldigungen und Debatten. Das bedeutet auch, dass Sie nicht länger Aufgaben und Verantwortung der / des Erkrankten übernehmen und sie oder ihn die Anforderungen des täglichen Lebens wieder spüren zu lassen.

Denn gerade die laufende Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags trägt dazu bei, dass Betroffene ihre Krankheit leugnen und sich hinter dem Glauben verstecken können, sie kämen ja im Leben noch zurecht, also könne es so schlimm nicht sein. Werden ihre Fehlleistungen sichtbar und droht gar der Verlust der Anerkennung durch ihre soziale Umgebung, leiden sie sehr darunter. Sie sind dadurch gezwungen, ihre Realität wahrzunehmen und die Konsequenzen ihrer Erkrankung zu tragen.

Indem Sie sich (wieder) Ihren eigenen Interessen zuwenden und aus dem zermürbenden Kreislauf ausscheren, gerät Bewegung in Ihre erstarrte Beziehung. Die Atmosphäre, in der Sie leben, verändert sich. Auf Dauer wird spürbar werden, dass Sie nun ein zufriedeneres Leben führen. Das kann bei ihr oder ihm die Sehnsucht nach Veränderung verstärken.

In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff "Hilfe durch Nicht-Hilfe" gebraucht. Nicht-Hilfe bedeutet aber nicht Nichts-Tun. Im Gegenteil, dieser neue Weg der Hilfe erfordert von Ihnen Konsequenz und viel Kraft. Er bedeutet für Sie einen Prozess der Veränderung, in dessen Verlauf Sie eine Reihe neuer Einstellungen gewinnen und neue Verhaltensweisen erlernen:

Aufhören zu leugnen

Sie anerkennen die Erkrankung Ihres Angehörigen als gegeben und trennen sich endgültig von der Hoffnung, all dies sei nur ein böser Spuk, der wieder verschwinden wird.

Den Krankheitswert einer akuten Phase erkennen

Sie akzeptieren, dass Ihr Angehöriger weder willensschwach noch lieblos oder gar bösartig ist. Sie reagieren nicht länger mit Vorwürfen auf die unausweichlichen und sich ständig wiederholenden Enttäuschungen und Vertrauensbrüche.

Die eigene Angst überwinden

Sie bewältigen die Ängste, die auf Sie einstürmen und Sie vor dem neuen Weg der Hilfe zurückschrecken lassen:
"Wenn ich dir nicht mehr helfe, gelte ich als herzlos und hart!"
"Alles wird noch viel schlimmer werden! Er wird völlig abgleiten."
"Er wird seinen Arbeitsplatz verlieren."
"Alle werden merken, wie es um meine Frau steht, und über uns reden."
Und so weiter und so fort!

Aufhören zu helfen

Sie kümmern sich nicht weiter um Dinge, die nicht ihre Aufgabe sind und versuchen nicht länger, die Krankheit und ihre Folgen zu verheimlichen. Gerade dieser Schritt fällt vielen sehr schwer und verlangt angesichts der Angst vor der Reaktion von Verwandten, Freunden und Nachbarn viel Mut.

Schuldgefühle überwinden

Angehörige von psychisch Erkrankten quälen sich häufig mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Ganz besonders gilt das für die Eltern betroffener Kinder. Vielleicht haben Sie in der Vergangenheit Fehler gemacht, vielleicht auch nicht. Wichtig ist, dass Sie jetzt lähmende Schuldgefühle überwinden und Ihr Verhalten auf eine neue Chance für sich und den Betroffenen ausrichten.

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen

Sie haben sich - vielleicht jahrelang - ausschließlich auf Ihren Angehörigen und seine Angelegenheiten konzentriert. Dabei haben Sie die Entfaltung Ihrer eigenen Interessen vernachlässigt. In dem Bemühen, ihm zu helfen, sind Sie selbst hilflos geworden. Oft haben Sie (im Stillen) den anderen für die Freudlosigkeit Ihres Lebens verantwortlich gemacht. Jetzt erkennen Sie, dass diese Haltung zu nichts führt. Sie beginnen, Ihr Leben wieder selbst zu gestalten, um es erfüllter werden zu lassen.

Ich bin nicht du, du bist nicht ich

Indem Sie (wieder) die Verantwortung für Ihr eigenes Leben übernehmen, können Sie auch Ihrem Angehörigen die Verantwortung für das eigene Leben zurückgeben. Nicht länger sehen Sie in ihm einen Teil von sich selbst, für dessen Handlungen Sie wie für eigene verantwortlich sind.

Konsequent bleiben

Dinge, die Sie ankündigen, führen Sie auch durch und Dinge, die Sie nicht durchführen können oder wollen, drohen Sie auch nicht mehr an. Sie machen deutlich, dass das, was Sie sagen, ernst zu nehmen ist.

Alle Verhaltensänderungen ihrer Angehörigen verunsichern bipolar Erkrankte zutiefst. Sehr häufig werden sie deshalb versuchen, sie wieder in das alte Verhalten zurückzudrängen, indem sie besondere Schwierigkeiten produzieren und mit Trennung oder gar Selbstmord drohen. Möglich auch, dass sie mit neuen Versprechungen ihre Angehörigen wieder auf die alte Rolle einzustimmen versuchen.

Vergegenwärtigen Sie sich alle Schwierigkeiten und denken Sie daran, wie oft Sie entgegen Ihren Vorsätzen in Ihr gewohntes Verhalten zurückgefallen sind. Dann wird Ihnen deutlich werden, wie schwer das ist: Aufhören zu helfen. Doch bis heute ist "Hilfe durch Nicht-Hilfe" oft die einzige erfolgversprechende Verhaltensalternative für die Angehörigen von nicht Krankheitseinsichtigen geblieben.

Die Hoffnung auf rasche Erfolge wird sich allerdings nur selten erfüllen. Dennoch brauchen und sollten Sie die Hoffnung nicht aufgeben und den einmal beschrittenen Weg konsequent weitergehen. Psychische Veränderungen brauchen vor allem Zeit. Und schließlich bietet dieser Weg nicht nur eine Chance für den Menschen, dem Sie gerne helfen möchten, sondern auch für sich selbst.

Im Laufe des beschriebenen Prozesses lernen Sie auch sich selbst besser kennen. Haben Sie noch Kraft und Liebe genug, Ihrem Angehörigen die Zeit zu lassen, die er braucht, um Krankheitseinsicht zu finden? Sind Sie noch bereit, wieder ein gemeinsames Leben aufzubauen? Oder sind Sie nur aus Angst vor der Trennung oder aus Pflichtgefühl bei ihm geblieben? Dann werden Sie am Ende des Prozesses in der Lage sein, die lange beabsichtigte Trennung zu vollziehen. Und damit tragen Sie unter Umständen mehr zur Einsicht und Behandlung des Betroffenen bei als mit Ihrem Verharren in einer aussichtslosen Beziehung.

Anmerkung: Vor einiger Zeit erschien eine Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die sich unter anderem mit der Co-Abhängigkeit Angehöriger von Suchterkrankten befasst. Vieles davon trifft auch auf Angehörige psychisch Kranker zu.

Wir haben von der Autorin dieses Artikels, Frau Petra Mader, die Genehmigung erhalten, diejenigen Teile ihres Textes zu verwenden und auf die Bipolare Störung hin umzuschreiben, von denen wir annehmen, dass sie für die Angehörigen bipolar Erkrankter nützlich sein könnten.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Frau Mader!

 

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