Kontrast

Newsletter Dezember 2021

Editorial

Liebe Newsletter-Abonnent*innen, liebe DGBS-Mitglieder,  

ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns. Mit diesem Newsletter haben wir eine gute Gelegenheit, uns an die Erfolge der DGBS zu erinnern. Im Blickpunkt steht vor allem das Thema Entstigmatisierung. 

Federführend für das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit hat die DGBS durch Frau Schüngel eine Antistigma-Kampagne entwickelt und gestartet. Unter anderem ist daraus der Grüne-Schleife-Song von David Floyd mit Video von Andrea Rothenburg entstanden. Für diese erfolgreiche Kampagne wurde die DGBS mit dem „Ulrike-Fritze-Lindenthal Preis“ der DGPPN ausgezeichnet.

Auch der Podcast „Mackenbaracke“ klärt über Bipolare Störungen und die damit einhergehenden Herausforderungen für Betroffene und Angehörige in intensiver Emotionalität auf.

Unabhängig hiervon behandelt der neue Film von Til Schweiger „Die Rettung der uns bekannten Welt“ das Thema Bipolare Störungen. Im Vorfeld des Filmstarts wurde der Vorstand der DGBS um eine Stellungnahme zu diesem Film gebeten. Bei der Weltpremiere wurde die DGBS mit einer hohen Spende belohnt. Dies zeigt, dass die DGBS anerkannter Ansprechpartner für Bipolare Störungen in Deutschland ist, und dass unsere gemeinsame Arbeit honoriert wird.

Diese und viele weitere Nachrichten bereichern unseren Newsletter am Jahresende. Ich wünsche Ihnen allen eine besinnliche Adventszeit und einen guten Start in das Jahr 2022.

Halten Sie Abstand, lassen Sie sich impfen und bleiben Sie gesund

Ihr Harald Scherk

 

 

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DGBS

DGBS erhält DGPPN-Auszeichnung „Ulrike-Fritze-Lindenthal-Preis“

Die DGBS wurde mit dem DGPPN „Ulrike-Fritze-Lindenthal-Förderpreis zur Entstigmatisierung und Autonomie psychisch kranker Menschen“ für ihre crossmediale Antistigma-Kampagne „Bipolar hautnah“ ausgezeichnet. Der 1. Platz ging mit einem Preisgeld von 6.000 € an das Team von Dare2Care und den mit 4.000 € dotierten Platz 2 konnte die DGBS am 25.11.2021 feierlich im Rahmen des DGPPN Kongresses im CityCube Berlin entgegennehmen. Wir freuen uns sehr und bedanken uns herzlich dafür!

Der Startschuss zur crossmedialen DGBS Antistigma-Kampagne „Bipolar hautnah“ fiel am 30. März 2021, am Welttag der Bipolaren Störungen. Mit der Kampagne möchte die DGBS die Perspektive von Menschen mit psychischen Erkrankungen unter Berücksichtigung von Fremd- und Selbst-Stigmatisierung sichtbar machen. Die dazu entstandenen fünf Kurz-Videos der Serie „Bipolar hautnah“ hier auf YouTube zu sehen.

Altınser Çaka

 

Danksagung Professor Peter Bräunig

„Mut ist nicht immer laut. Mut kann auch eine leise Stimme sein, die am Ende des Tages sagt: ‚Morgen werde ich es wieder versuchen‘.“  ~ Mary Anne Radmacher

 

Prof. Peter Bräunig wird nach 42 Jahren ärztlicher Tätigkeit zum 1.1.2022 in den Ruhestand gehen.

Er war Gründungsmitglied der DGBS – Mitgliedsnummer 6 – und hat die Geschicke der DGBS über lange Zeit geleitet und begleitet.

Man kann sagen, er hat sein berufliches Leben mit viel Leidenschaft, Mut und Ausdauer den Menschen mit Bipolaren Erkrankungen gewidmet.

Von 2001-2011 war er im Vorstand der DGBS tätig, davon zwischen 2003 und 2007 als 1. Vorsitzender. In dieser Funktion war er Mitgründer und Unterstützer des Bipolar Selbsthilfenetzwerkes, des Angehörigenverbandes und schließlich der Zusammenführung beider mit der initial wissenschaftlich ausgerichteten DGBS zu einer trialogischen Gesellschaft.

Zusammen mit seinen Kolleg*innen in den jeweiligen Städten war er wissenschaftlicher Leiter der DGBS Jahrestagungen in München, Bonn, Nürnberg und Berlin. Er hat in den von ihm geleiteten Kliniken Behandlungsstrukturen für Bipolar-Betroffene entwickelt, stationär, tagesklinisch und ambulant. Das Department für seelische Gesundheit am Humboldt Klinikum in Berlin ist mit dem Gütesiegel der DGBS ausgezeichnet worden.

Vor COVID waren die ‚Ehemaligentreffen‘ der dortigen Tagesklinik Bipolar immer brechend voll, gute Stimmung inbegriffen. Das Buch ‚Leben mit bipolaren Störungen‘ gibt es mittlerweile in der 3. Auflage.

Prof. Bräunig hat sich öffentlich für die ipolare Sache eingesetzt, mit Publikationen, Radio- und Fernsehbeiträgen. Aber er hat mit seinem Know-how und seiner menschlichen Art auch vielen Betroffenen und deren Angehörigen Mut gemacht, ihnen geholfen und mit großem Engagement an der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen gearbeitet, auch und vor allem fernab der großen Bühne.

Wir möchten im Namen der DGBS „Danke“ sagen.

Stephanie Krüger & Martin Schäfer mit dem Vorstand der DGBS

20. Jahrestagung in Heilbronn sehr erfolgreich

Die diesjährige Jubiläums-Jahrestagung mit dem Motto „Bipolarität in Familie und Beziehungen“ konnte vom 23.-25. September 2021 wie geplant in Präsenz in Heilbronn stattfinden und wurde sehr gut besucht. Die Veranstaltungen aus dem Hörsaal 1 waren als Live-Stream kostenfrei im Internet zu verfolgen.

Die Zusammenfassung und zur Verfügung gestellten Beiträge können Sie hier einsehen.

Die nächste Jahrestagung wird vom 15.-17. September 2022 in Frankfurt am Main stattfinden.

Nadja Stehlin

Zu Weihnachten Gutes tun – Spendenmöglichkeiten

Sollten Sie Ihre Weihnachtseinkäufe noch nicht erledigt haben, so freuen sich die lokalen Geschäfte darüber, wenn Sie diese vor Ort tätigen. Sollten Sie jedoch Ihre Geschenke oder allgemein benötigte Dinge eher online bestellen, so denken Sie doch bitte einmal darüber nach, dies über Gooding oder Amazon Smile zu machen. Wenn Sie die DGBS als Begünstigte auswählen, so bekommt diese einen gewissen Prozentsatz des Umsatzes ohne Ihr weiteres Zutun oder Mehrkosten für Sie als Spende. Es ist ganz einfach – folgen Sie dem Link, loggen Sie sich ein, setzen Sie sich ein Lesezeichen und bestellen zukünftig über das Lesezeichen ganz einfach wie sonst auch – aber mit Unterstützung der wertvollen ehrenamtlichen Arbeit für alle, die mit Bipolaren Störungen befasst sind.

Auch wäre „Spenden statt Geschenke“ eine Möglichkeit die DGBS zu unterstützen. Wir wären Ihnen dafür sehr dankbar.

Nadja Stehlin

Die Rettung der uns bekannten Welt – DGBS erhält 25.000 Euro Spende

Bei der Weltpremiere am 2. November 2021 in der Lichtburg in Essen und der Premiere am 3. November 2021 im ARRI Kino in München des Til-Schweiger-Films „Die Rettung der uns bekannten Welt“ wurden geladene Vertreter*innen der DGBS auf dem Roten Teppich mit Getränken empfangen und konnten den Film gemeinsam mit einigen der Schauspieler*innen das erste Mal im Kino ansehen. Der Film ist eine Tragikomödie und handelt von einem bipolaren jungen Mann, welcher den Extremen der Krankheit begegnet, dabei seine Familie und sich selbst in Gefahr bringt und psychische Krankheiten und deren Ausprägungen in der Psychiatrie kennenlernt. Der Film stellt die Bipolare Störung und auch andere Erkrankungen überspitzt, aber dennoch treffend dar. Der Film läuft seit dem 11. November 2021 in vielen Kinos. Infos & Trailer

Bei der Weltpremiere in Essen wurde der DGBS eine Spende in Höhe von 25.000 Euro für ihre wertvolle Arbeit überreicht. Die DGBS dankt den Machern des Films sehr herzlich dafür! Weitere Infos hier.

Magdalena Meyer & Nadja Stehlin

„Hier ist was in Bewegung“ – der offizielle Song zur Grünen Schleife holt psychische Erkrankungen aus der Tabu-Ecke

Die Grüne Schleife ist das internationale Symbol gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und steht für mehr Akzeptanz von psychisch erkrankten Menschen. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung leidet im Zeitraum eines Jahres an einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung. Deshalb gilt: Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Bipolare Störungen, Borderline, Suchterkrankungen, Schizophrenie, Zwangserkrankungen und weitere müssen raus aus der Tabu-Ecke. Gerade in diesen Zeiten ist es ein ganz besonders wichtiges Thema.

Bei der Auftaktveranstaltung der Berliner Woche der Seelischen Gesundheit am 08.10.2021 feierte das Musikvideo zur Grünen Schleife „Hier ist was in Bewegung“ seine Premiere.

Das Lied stammt aus der Feder des Kölner Musikers David Floyd, der neben seinen eigenen musikalischen Projekten bereits Musik und Texte für Yvonne Catterfeld und Tim Bendzko geschrieben hat und mit Größen wie Raf Camora, Kool Savas und David Garrett auf der Bühne stand.

Viele Menschen wie Erfahrungsexpert*innen, Angehörige, Ärzt*innen und andere Engagierte zeigen in dem Musikvideo ihr Gesicht und machen damit Mut, offener mit psychischen Erkrankungen umzugehen. Auch Prominente wie die Schauspielerin Eleonore Weisgerber, der Fernsehmoderator, -reporter und -redakteur Tobias Krell (Checker Tobi), Film- und Theaterregisseur Rosa von Praunheim, Moderator und Journalist Markus Kavka, Journalist und Autor Hajo Schumacher (Achim Achilles) und Polizeihauptkommissar Toto Heim, den viele aus der Reportage „Toto und Harry“ kennen, engagieren sich in dem Musikvideo für mehr Toleranz. Das Ziel ist, dass sich Menschen in psychischen Krisen noch mehr trauen, ihre Probleme offen anzusprechen und so rechtzeitig notwendige Hilfe erhalten und weniger diskriminiert werden.

Der Verein Psychiatrie in Bewegung e. V. finanzierte die Songproduktion. Die Videoproduktion wurde von der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS), der Barmer Krankenkasse, dem Verein Psychiatrie in Bewegung e. V. und anderen finanziert. Das Video ist Teil der bundesweiten Antistigma-Kampagne „Grüne Schleife“, die von über 100 Bündnispartnern im Aktionsbündnis Seelische Gesundheit getragen wird.

„Hier ist was in Bewegung“ auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=hHajJsSf5H8

„Hier ist was in Bewegung“ auf Spotify: https://spoti.fi/3ALyHPz

Altınser Çaka

Herzlichen Glückwunsch zum Start des neuen Podcasts „Mackenbaracke“!

Nach einem Jahr harter Arbeit der Planung, vielen Stunden im Studio und beim Schneiden ging am 28.11.2021 der neue Podcast zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen an die Öffentlichkeit.

Barbara Dussler, selbst bipolar betroffen, und Max Eicke haben den Podcast konzipiert und erstellt, in enger Zusammenarbeit und mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) sowie mit Unterstützung der Krankenkasse BAHN-BKK und der Körber-Stiftung. Sie lassen uns an ihrer Geschichte teilhaben. Einer Geschichte aus manischer Liebe und tiefer Depression, aus Trennung und intensiver Freundschaft. Und dem Umgang mit dieser schweren Erkrankung, der Bipolar affektiven Störung, die so viel kaputt machen kann und auch bei ihnen viel kaputt gemacht hat. Unsentimental, nüchtern, mit viel Humor bis hin zum Sarkasmus, klar in der Selbstanalyse und schonungslos sich selbst gegenüber, lassen sie uns an Schmerz und Scham, die mit dieser Erkrankung so zerstörend einhergehen, teilhaben. Dabei verlieren sie sich nie in Selbstmitleid, kriegen immer wieder die Kurve zu den faszinierenden, auch unfassbar komischen Erlebnissen. Sie zeigen uns, wie der Umgang mit der Erkrankung auch neue Wege eröffnen kann, wie man daran stärker werden, mehr zu sich finden kann. Dass „Normalität“, die für viele Betroffene so schwer zu erreichen oder zu ertragen ist, bereichernd und beglückend sein kann.

In insgesamt 9 Folgen lernen wir Barbara und Max kennen, lernen viel über den Umgang mit einer schweren psychischen Erkrankung, was es braucht, um die Phasen zu überstehen und die Stabilität zu gestalten. Wir erfahren viel über die bipolare Erkrankung selbst. Dazu haben Barbara und Max Ärzt*innen und Therapeut*innen eingeladen, die die medizinischen Fakten erläutern und einen Einblick von Profi-Seite geben. Außerdem haben sie andere Betroffene und Freund*innen zu bestimmten Themen dazu geholt, denn das System, die umgebenden Menschen, spielen eine wichtige Rolle in der Bewältigung der Erkrankung.

Und nicht zuletzt zeigen sie uns mit ihrem Mut in die Öffentlichkeit zu gehen, dass man sich nicht schämen muss für etwas, das jede/n treffen kann. Die Ursache einer Erkrankung bleibt letztendlich immer ein Rätsel, auf das nur die Betreffenden eine eigene Antwort finden können. Doch die Gesellschaft entscheidet (mit) darüber, ob sich durch die Stigmatisierung weitere Belastungen kränkend einstellen. Um dem entgegenzuwirken haben Barbara und Max viel auf sich genommen und ihnen gebührt aller Dank dafür.

Im Podcast Mackenbaracke entsteht ein Gesamtkunstwerk, in dem man viele Informationen über psychische Erkrankung und den Umgang damit finden kann. Der jedoch vor allem zeigt, wie wichtig es ist, zu sich zu stehen und andere Menschen um sich zu haben, die einen so lieben, wie man ist.

Ich habe Barbara zwei Fragen zur Mackenbaracke gestellt.

Was hat dieser Podcast mit dir gemacht?

„Es war eine emotionale Reise durch die Vergangenheit, auch in Verbindung mit Max und anderen Freunden. Ein Jahr, in dem ich mit mir emotional ins Gericht gegangen bin. Durch alle Beteiligten und vor allem meinen Co-Moderator Max ist aus dem Podcast über Krankheit ein Podcast über Freundschaft geworden.“

Was ist dein Wunsch für die Zuhörenden?

„Für Betroffene: Dass sie sich verstanden fühlen, besonders die, die bisher nicht den Mut hatten, sich an andere zu wenden, sich zu öffnen und zuzumuten.

Für Angehörige: Dass sie etwas mitnehmen können zu den Themen Zuwendung und Abgrenzung.

Für die, die noch gar nichts wissen: Dass sie etwas mehr über psychische Erkrankung verstehen und weniger Ängste davor haben.

Für Profis, vor allem für die, die noch wenig direkten Kontakt mit Betroffenen hatten: sich auf den speziellen Humor, den Sarkasmus und den Schmerz einzulassen, um Patient*innen besser verstehen zu können. Ich möchte ihnen Mut machen zu fragen, fragen, fragen!

Für alle: Dass sie sich gut unterhalten fühlen und gern alle neun Folgen anhören und darüber mit anderen ins Gespräch kommen!“

Auf der Homepage www.mackenbaracke.de finden sich weitere Informationen zum Podcast sowie eine Liste mit Anlaufstellen für den Krisenfall.

Neun Folgen in neun Wochen: Der Podcast „Mackenbaracke“ kann ab 28. November 2021 überall dort, wo es Podcasts gibt, kostenlos abonniert und heruntergeladen werden (z.B. Spotify, Apple Podcasts, Podimo, YouTube). Alle Folgen bleiben auch danach online.

Der offizielle Trailer findet sich unter https://mackenbaracke.podigee.io/t1-trailer

Theresia Alt und Altınser Çaka

Wissenschaft

Corona: Die 4. Welle und Impfdurchbrüche

Wer ist nicht überrascht, wie fulminant trotz der Impfquote die Inzidenz an neuen Infektionen in den letzten Wochen gestiegen ist? Auch wenn Herr Lanz nachts im ZDF nicht müde wird alle zu kritisieren, warum sie nicht früher alles wussten und rechtzeitig alles Notwendige eingeleitet haben – wer wusste es denn wirklich? Ich kann mich nicht erinnern, dass die Immunologen eindeutig gesagt haben, dass der Impfschutz nach 6 Monaten so deutlich abgeschwächt ist. Er schützt immer noch vor schweren Verläufen, aber lange dachten wir ja auch, Geimpfte würden sich viel seltener anstecken. Und es sind nicht nur Ansteckungen viel häufiger als gedacht, auch eine Erkrankung trotz Impfung mit der Folge einer Quarantäne wird häufiger. Sehr traurig ist aber, dass gerade der Osten und Bayern auffällt durch einen hohen Anteil an nicht geimpften Menschen, die jetzt die Inzidenz und Notlage in ganz Deutschland anfeuern. Leider scheinen hier weltfremde und falsche „Anti“-Sichtweisen besonders häufig. Tatsache ist, dass das Krankenhauspersonal viel mehr Angst hat vor den ungeimpften Patienten die krank werden, als vor den geimpften. Das Risiko schwerst krank zu werden und ewige Zeit ein Intensivbett zu blockieren ist für die Geimpften deutlich geringer.

Was sind aber nun diese Impfdurchbrüche? Von einem Impfdurchbruch wird gesprochen, wenn vollständig geimpfte Menschen sich mit dem Coronavirus infizieren und daran erkranken, also Symptome entwickeln. Deutschlandweit sind bislang bei 0,31 Prozent der rund 56 Millionen vollständig Geimpften solche Impfdurchbrüche registriert. Die Rate nahm in den letzten Wochen allerdings massiv zu. Eine Impfung ist kein 100-prozentiger Schutz. Eine Wirksamkeit von 80 Prozent bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei Geimpften 80 Prozent geringer ist. Die Wirksamkeit nimmt aber mit jedem Monat ab. Im Umkehrschluss bedeutet das: Es stecken sich immer mehr Menschen trotz Impfung an. Aktuell weiß man, dass der Schutz 6 Monate nach der Impfung deutlich abfällt, vorallem wenn man ihn anhand der Antikörper im Blut nachweist. Der Schutz vor einem schweren Verlauf bei Infektion ergibt sich aber auch aus der Aktivierung von Gedächtniszellen im Immunsystem, die unabhängig von den Antikörpern aktiv werden, wenn man dem Virus wieder ausgesetzt ist.

Welchen Sinn macht Boostern? Boostern heißt für Menschen, die vor über 6 Monaten geimpft wurden eine erneute Aktivierung des Immunsystems mit dem Ziel, die Antikörpermenge gegen das Coronavirus zu steigern und damit wieder einen höheren Schutz zu haben. Es gibt aber, ohne dass wir wissen warum, auch Menschen, die nie einen richtigen Schutz aufgebaut haben. Für diese wäre die dritte Impfung schon früher notwendig gewesen, um überhaupt einen ausreichenden Impfschutz zu entwickeln.

Unterschied bei Nichtimpfung: Bei Nichtgeimpften ist der Körper überhaupt nicht vorbereitet auf das Coronavirus. Es bestehen für den Körper keine schon erlernten Mechanismen, die schnell aktiviert werden können um das Virus rasch zu bekämpfen. Es kann sich also ungehindert ausbreiten. Zudem entstehen im Rahmen einer möglichen ungezielten und ungerichteten Immunreaktion Komplikationen. Schweres Übergewicht, Diabetes Mellitus, Immunsuppression und vorbestehende Lungenerkrankung sind u.a. Risikofaktoren für schwere Komplikationen. Einweisungsgrund ins Krankenhaus sind dann oft Luftnot und Atemprobleme. Kommt es wegen Sauerstoffmangel zur Intubation, steigt das Sterberisiko massiv. Ungeimpft mit Risikofaktoren auf eine Infektion zu warten ist also wie Russisches Roulette zu spielen.

Sind psychiatrische Medikamente ein Problem? Wenn psychiatrisch schwerer erkrankten Menschen ein erhöhtes Risiko für Komplikationen nachgesagt wird, so liegt das fast immer an den häufigeren schweren körperlichen Erkrankungen. Prinzipiell gibt es bezüglich der Medikation eher Hypothesen, dass atypische Neuroleptika und Antidepressiva sich positiv auf das Immunsystem auswirken und einen schweren Verlauf bei COVID-19 Infektion unwahrscheinlicher machen. Eine ganz aktuelle Arbeit aus Brasilien erbrachte, dass eine Behandlung mit dem Antidepressivum Fluvoxamin (200mg pro Tag über 10 Tage) bei ambulanten Hochrisikopatienten mit neu diagnostizierter COVID-19 Infektion das Risiko für eine stationäre Aufnahme oder intensivmedizinische Maßnahmen sogar signifikant senken konnte (Reis et al. Lancet Global Health 2021).

Fazit: Impfung alleine ist aktuell nicht mehr die Lösung in der 4. Welle, nicht geimpft zu bleiben ist leichtsinnig und gefährlich. Boostern, Abstand, Kontaktreduktion, erhöhte Vorsicht im Winter:  Daran geht kein Weg vorbei.

Martin Schäfer

Lockdown wirkt sich auf Schlaf aus – besonders bei Menschen mit Bipolaren Störungen

Die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin der Med Uni Graz untersuchte das Schlafverhalten im ersten harten Lockdown im Frühjahr 2020 bis zu den folgenden Lockerungen im Mai. Dabei wurden Menschen mit Bipolaren Störungen einer gesunden Kontrollgruppe bezüglich ihres psychischen Wohlbefindens und ihrer Schlafqualität gegenübergestellt. Die Schlafqualität verschlechterte sich bei den Menschen mit Bipolaren Störungen.

Weitere Infos zu der Studie.

Nadja Stehlin

Selbsthilfe

Selbsthilfe nach dem Corona-Lockdown – Upgrade auf ein neues Level

Am 10. Dezember 2021 konnten Interessierte an der digitalen Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes teilnehmen. In diesem Jahr ging es um die Frage, welche Symptome, Neben- und Nachwirkungen Corona für die Arbeit der Selbsthilfe hatte und immer noch hat. Wissenschaftler*innen, Mediziner*innen, Unterstützer*innen und Betroffene aus der Selbsthilfe diskutierten miteinander, welchen Wandel – digital, aber auch in Präsenz – die Corona-Pandemie in der Selbsthilfe ausgelöst hat. Verschiedene Referent*innen und Selbsthilfegruppen berichteten zunächst in kurzen Impulsvorträgen zu den unterschiedlichen Aspekten des Themas. Anschließend folgte eine Podiumsdiskussion, bei der sich die Teilnehmenden der Veranstaltung digital und vor Ort einbringen konnten.

Nadja Stehlin

Jubiläumsjahr für die Niedersächsische Selbsthilfe

Am 12. November 2021 feierte das Selbsthilfe-Büro Niedersachsen mehrere Jubiläen der Selbsthilfe in Niedersachsen.

Die Veranstaltung „Der Wert der Selbsthilfe in der Zivilgesellschaft“ wurde in einem Livestream übertragen und steht allen Interessierten unter diesem Link zur Verfügung. Zu Beginn der Onlineveranstaltung präsentierte das Selbsthilfe-Büro Niedersachsen erste Ergebnisse aus einer Befragung der Selbsthilfe-Kontaktstellen in Niedersachsen. Im Anschluss wurde der Wert der Selbsthilfe in einer Podiumsdiskussion aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Es diskutierten Teilnehmer*innen aus der Politik, dem Gesundheitswesen, der Wissenschaft, der Selbsthilfe-Unterstützung und der Selbsthilfepraxis.

Nadja Stehlin

Politik

Personalplanungsrichtlinie für Psychiatrie und Psychosomatik ist zu kompliziert

Psychiatrische Kliniken beklagen sich darüber, dass die Richtlinie vom Gemeinsamen Bundesausschuss zu kompliziert sei und die Sicherstellung der Versorgung behindere. Dies wurde insbesondere beim Online-Fachforum der Deutschen Krankenhausgesellschaft „Quo vadis Psychiatrie“ deutlich.

Weitere Infos.

Nadja Stehlin

Gesundheitsämter suchen händeringend Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen

Laut eines Artikels im Ärzteblatt fehlen rund 500 Vollzeitkräfte in den Gesundheitsämtern in Deutschland. Dies sei auch auf das Fehlen passender Tarifverträge im Öffentlichen  Gesundheitsdienst zurück zu führen.

Nadja Stehlin

Vereine und soziales Engagement

Tag des Ehrenamtes am 5. Dezember

Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich. Jährlich am 5. Dezember wird dies durch den Internationalen Tag des Ehrenamtes gewürdigt.

Das Bundesinnenministerium betrachtet die freiwillige Arbeit als unerlässlich für "den gesellschaftlichen Zusammenhalt ebenso wie für die Stärkung demokratischer Werte und Haltungen." Ehrenamtliche Tätigkeiten gibt es in vielen Bereichen: Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, Wahlhelfer, Freiwillige helfen Flüchtlingen beim Deutsch lernen oder betreuen herrenlose Hunde in Tierheimen. Die meisten Menschen engagieren sich in Sportvereinen.

Neben der gesellschaftlichen kommt dem Ehrenamt auch eine wirtschaftliche Bedeutung zu.

Problematisch wird es allerdings, wenn ehrenamtliche Helfer immer häufiger Aufgaben übernehmen, die eigentlich Festangestellte erledigen sollen. In der Pflege etwa ist der Fachkräftemangel gravierend, und aufgefangen wird er häufig von Freiwilligen. "Immer häufiger fehlt aufgrund von Arbeitszeitverdichtung und personellen Engpässen in unserer modernen Arbeitswelt die soziale Dimension", sagte Ilse Müller, Vorsitzende des Bundesverbandes Rehabilitation: "Bitter ist vor allem, dass aufgrund von Sparzwängen und Konkurrenzkampf dies auch zunehmend in der Gesundheits- und sozialen Versorgung für chronisch kranke und behinderte Menschen der Fall ist."

Auch ein Großteil der Arbeit der DGBS basiert auf ehrenamtlicher Tätigkeit. An dieser Stelle danken wir allen Engagierten recht herzlich dafür.

Nadja Stehlin

Vom Bruch zur Entwicklung – SuSe Tagung findet 2022 hybrid statt

Vom 23. - 25. Februar 2022 wird die trialogische Tagung "Die Subjektive Seite der Schizophrenie" zum Thema „Vom Bruch zur Entwicklung“ als sogenannte Hybridveranstaltung in Leipzig stattfinden. Nach der Online Tagung Anfang des Jahres 2021 mit über 600 Teilnehmer*innen werden je nach Hygieneregeln 150 bis etwa 400 Teilnehmer*innen vor Ort in Leipzig sein können.

Die Anmeldung wird ab Dezember möglich sein.

Christopher Scharfenberger

Rechtliches

Midterm-Symposium der BMBF-Forschungsgruppe SALUS: Zwang im Voraus planen? Risiken und Chancen von Odysseus-Verfügungen in der Psychiatrie

Ende September 2021 haben wir, die Bochumer BMBF-Forschungsgruppe SALUS, eine zweitägige Online-Veranstaltung zum Thema Odysseus-Verfügungen in der Psychiatrie veranstaltet. An der Veranstaltung waren auch Mitglieder der DGBS als Referentinnen oder als Teilnehmende beteiligt.

Unsere Forschungsgruppe SALUS wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Wir sind an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum und am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt. In unserem Team arbeiten Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachgebieten zusammen, wie der Philosophie, der Medizin, der Soziologie und der Psychologie. Unser Ziel ist es, zu erforschen, ob und, wenn überhaupt, unter welchen Voraussetzungen Zwang in der Psychiatrie gerechtfertigt werden kann. Dabei interessiert uns, wie das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit psychischen Erkrankungen gestärkt werden kann, während gleichzeitig Fragen rund um das gesundheitliche Wohl und Sicherheit berücksichtigt werden. Mit den Ergebnissen möchten wir psychiatrische Professionelle bei der Umsetzung einer ethisch begründeten klinischen Praxis unterstützen, die die Rechte von Menschen mit psychischen Erkrankungen vollumfänglich wahrt. Hierzu wenden wir unterschiedliche Forschungsmethoden an. Zum Beispiel führen wir Studien und Befragungen durch und reflektieren diese philosophisch. Wir bemühen uns zunehmend, partizipativ zu forschen. Dies bedeutet, dass wir verstärkt Menschen mit eigener Krisen- oder Krankheitserfahrung in die Planung und Umsetzung von Forschungsprojekten einbinden. Hier ist uns der Trialog besonders wichtig, bei dem sich unterschiedliche Interessenvertreter*innen wie Betroffene, Angehörige oder psychiatrische Professionelle auf Augenhöhe miteinander austauschen.

In einem Teilprojekt arbeiten wir zu „Odysseus-Verfügungen“. Diese stellen eine besondere Form einer Patient*innen-Verfügung oder Behandlungsvereinbarung dar. Mit einer Odysseus-Verfügung können Betroffene im Voraus festlegen, dass sie unter bestimmten Umständen, wenn sie nicht einwilligungsfähig sind, auch gegen ihren Willen behandelt werden wollen. Zum Beispiel können sie festlegen, dass sie in einer psychischen Krise in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht und behandelt werden wollen. Betroffene können genau angeben, wann sie ein Eingreifen anderer Personen, wie ihrer Angehörigen oder von psychiatrischen Professionellen, in ihr Handeln wünschen. Odysseus-Verfügungen werden insbesondere für Menschen mit bipolaren Störungen diskutiert, um Handlungen während einer manischen Phase vermeiden zu können, die Betroffene danach als schlecht beurteilen oder bereuen. In Deutschland sind Odysseus-Verfügungen bisher rechtlich nicht geregelt. In den Niederlanden ist dies anders: Dort gibt es eine rechtliche Regelung und Odysseus-Verfügungen werden bereits eingesetzt. Für den deutschen Kontext untersuchen wir im Moment zusammen mit der DGBS, wie Menschen mit einer bipolaren Störung, ihre Angehörigen und psychiatrische Professionelle Odysseus-Verfügungen einschätzen. Uns interessiert, welche Risiken und Chancen die befragten Personen für eine mögliche Anwendung von Odysseus-Verfügungen in Deutschland sehen. Wir werten die Ergebnisse gegenwärtig aus und möchten sie dann auch gerne mit den Mitgliedern der DGBS teilen.

Auch in der medizinethischen Debatte werden unterschiedliche Risiken und Chancen diskutiert. Darum haben wir uns entschieden, uns in unserem Midterm-Symposium mit dem Thema zu beschäftigen. An zwei Tagen haben wir Odysseus-Verfügungen aus dem Blickwinkel verschiedener betroffener Personen, verschiedener Fachgebiete (Philosophie, Rechtswissenschaften, Psychiatrie) und verschiedener Länder (Niederlande, Deutschland, Großbritannien) beleuchtet. Mit der Online-Veranstaltung wollten wir die Diskussion aus der Wissenschaft heraus in die breite Öffentlichkeit tragen und einen Begegnungs- und Austauschort für alle Interessierten und von der Thematik Betroffenen schaffen. Wir wollten eine Debatte dazu anzustoßen, ob Odysseus-Verfügungen in Deutschland – z.B. ähnlich wie in den Niederlanden – gesetzlich geregelt und in der psychiatrischen Versorgung verankert werden sollten.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Referent*innen für ihre Bereicherung des Symposiums. Insbesondere die Beiträge der teilnehmenden DGBS-Mitglieder unter den Referent*innen und im Plenum haben die Vielfalt der Argumente und Perspektiven gezeigt. Über die lebhaften Diskussionen haben wir uns sehr gefreut. Sie machen deutlich, dass ein derartiger Austausch zu diesem und weiteren medizinethisch-psychiatrischen Themen zentral ist und auch in Zukunft fortgesetzt werden sollte.

Weitere Infos

Jona Carlet, Mirjam Faissner, Jakov Gather (BMBF-Forschungsgruppe SALUS)

 

Statement einer Angehörigen

Vielen Dank, dass ich nun aus Angehörigensicht einige Gedanken dazu sagen darf

Odysseus-Vorausverfügung

  • Für Angehörige ist es eine große emotionale Belastung, wenn sie einer Zwangsmaßnahme, sei es einer Klinikeinweisung oder Medikamentengabe gegen den aktuell geäußerten Willen des Betroffenen zustimmen müssen, z.B. wenn sie rechtliche Betreuer sind.
  • Um auch weiterhin ihre Betroffenen in wiederkehrenden Krisen unterstützen und begleiten zu können, darf das Vertrauensverhältnis nicht erschüttert werden.
  • Eine gute Vertrauensbasis ist wichtig für das weitere gute Miteinander, egal ob es ein Zusammenleben im gleichen Haushalt ist, wie bei Ehepartnern, oder eine unterstützende Begleitung auf „Entfernung“ wie z.B. bei Eltern und ihren erwachsenen Kindern.
  • Für die Angehörigen ist es einfacher, vor allem emotional erträglicher, wenn sie sich auf das vorab vereinbarte und vom Betroffenen nieder geschriebene berufen können.
  • Nach extremen Krisen, mit z.B. großem finanziellem Schaden für die gesamte Familie, zerfallen oft alle sozialen Netze und damit auch alle weitere Unterstützung.
  • Oft sagen Betroffene nach dem Erkennen des angerichteten Scherbenhaufens, dass es besser gewesen wäre, wenn sie früher gestoppt, sprich früher „aus dem Verkehr gezogen, genauer gesagt in eine Klinik gebracht worden wären“.
  • Aber das lassen die bestehenden Gesetze nur unter ganz engen Kriterien zu.
  • Und diese Einsicht ist bei dem Betroffenen im akuten Stadium nicht vorhanden. Es ist eines der typ. Krankheitssymptome einer Manie, dass der Betroffene überzeugt ist, dass das gesamte Umfeld krank, nicht normal ist und nur er die Welt richtig sieht.
  • Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten der Vorsorge, die aber alle das gleiche Manko haben, nämlich dass die Betroffenen sie in der akuten Krise widerrufen können.
  • Eine Möglichkeit sind z.B. Behandlungsvereinbarungen, die zum Teil ähnliche Formulierungen einer Odysseus-Verfügung beinhalten.
  • Kliniken, die eine Behandlungsvereinbarung ihren Patienten anbieten, berichten von guten Erfolgen. Auch, dass nach Abfassen dieser Vereinbarung und den vorab nötigen reflektierenden Gesprächen, viel seltener überhaupt Zwang angewendet werden muss.
  • Leider bieten immer noch zu wenige Kliniken diese Behandlungsvereinbarungen wegen des hohen Zeitaufwands an.
  • Ein Nachteil ist, dass die Patienten bei ihrer Entlassung meist weder kognitiv noch emotional in der Lage sind, die überstandene Krise mit den aufgetretenen Symptomen zu reflektieren und dementsprechend vorsorgend zukünftige Wünsche zu äußern.
  • Ein besonders großer Nachteil der Behandlungsvereinbarung ist, dass diese nur an die eine Klinik gebunden ist, mit der sie gemeinsam formuliert wurde. 

Zu meiner grundsätzlichen Zustimmung, die Entwicklung der Odysseus-Verfügung weiter zu verfolgen, stelle ich abschließend einige Fragen:

  • Wer führt diese Gespräche und kann kompetent beraten?
  • Wieviel Zeit können sich die Profis dafür nehmen?
  • Wer bezahlt das von welchem Budget?
  • Vor allem Menschen in einer Manie reisen gerne durch die Welt und werden dann irgendwo aufgegriffen. Wie erfährt dann die akute Klinik, dass es eine Odysseus-Verfügung gibt?
  • Evtl. könnte man es über einen Eintrag im Zentralregister lösen, in dem hinterlegt wird, dass es diese Verfügung gibt und wo, bei wem sie vorliegt.
  • Deshalb: Notwendig sind zusätzlich Hinweiskarten, z.B. ein Krisenpass beim Ausweis mit dem Hinweis, dass eine Odysseus-Verfügung besteht und dass folgende Personen z.B. Familie/Vertrauenspersonen, Ärzte, zuständige Kliniken diese vorliegen haben.

Barbara Wagenblast

Zwang ist keine Wahl – Aktion zu Artikel 16 des Partizipativen Landschaftstrialogs

Der Partizipative Landschaftstrialog gibt an: „Die rechtlichen Entwicklungen seit Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) zielen nicht darauf ab, zwangsfreie Konzepte psychosozialer Versorgung gesetzlich zu etablieren, vielmehr werden psychiatrische Zwangsmaßnahmen weiterhin als grundrechtlich zulässig dargestellt. Diese Entwicklung zu hinterfragen, und ihr entgegenzuwirken, ist unser Anliegen. Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail, ist ein Grundanliegen unserer Gruppe, dass die Selbstbestimmungsrechte betroffener Menschen unnachlässig gestärkt werden müssen. Selbstbestimmung ist ein unveräußerliches Recht aller Menschen.“

In einer Online Veranstaltung am 2. Dezember 2021 widmete man sich dem menschenrechtlichen Modell von Behinderung nach der UN-BRK, den Maßnahmen zur Vermeidung von Zwang, der Entwicklung der Rechtsprechung und Gesetzgebung  zu Zwangsmaßnahmen, Peer-Ansätzen und thematisierte die neuen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation für die psychosozialen Dienste.

Weitere Infos.

Nadja Stehlin

Film, Fernsehen, Kunst, Literatur & Musik

„Bipolar“ – Fotoausstellung in der Pinakothek der Moderne war ein großer Erfolg

Vor über einem Jahr wurde auf der DGBS-Website nach fünf Frauen unterschiedlichen Alters gesucht, die Teil eines künstlerischen Fotoprojekts werden sollten. Das Ziel war es, mit künstlerischer Fotografie auf das Thema Bipolarität aufmerksam zu machen, ohne es als Krankheit darzustellen. Und somit einen Beitrag zur Aufklärungsarbeit und Entstigmatisierung zu leisten. Im Laufe der Zeit ist es gelungen, Teilnehmerinnen zu finden, welche bereit waren gemeinsam mit der Fotografin Mica Wintermayr die Ästhetik der Bipolaren Störung zu erfühlen und darzustellen. Nach intensiven, sehr individuellen Gesprächen und kreativem Austausch mit jeder Einzelnen, entstand eine Reihe von einzigartigen Bildern. Die Fotos symbolisieren Momente der persönlichen Extreme und gewähren somit einen intuitiven Zugang, zu der von intensiven Stimmungen geprägten Lebenswelt.

Das Fotoprojekt Bipolar von Mica Wintermayr wurde vom 2.10. bis zum 10.10.2021 in der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt. Es war der fotographische Beitrag in der Ausstellung Feminin im Denkraum Deutschland, welche das soziale und politische Potential des weiblichen in Kunst und Gesellschaft darstellte. Psychische Erkrankungen betreffen einen großen Teil unserer Gesellschaft, und dennoch fällt es uns oftmals schwer darüber zu sprechen, denn die Stigmatisierung ist allgegenwärtig. Mit diesem Kunstprojekt gelang es, der Bipolaren Störung Raum zu geben und das Thema in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen. Die Fotos zeigen „Gesicht und Seele“ und reichen somit dem Betrachter die Hand. Sehen, Fühlen und Begreifen führen zu Offenheit, Toleranz und Akzeptanz.

Hier geht es zu den Fotos

Magdalena Meyer & Mica Wintermayr

Was selbst betroffene Hollywood Stars zu Bipolaren Störungen sagen

In diesem Artikel sollen einige Künstler zitiert werden, bei denen eine Bipolare Störung bekannt wurde und die sich direkt dazu geäußert haben.Eigentlich wollte Rene Russo vor einigen Jahren in der US-Show von Queen Latifah nur ihren Film "Nightcrawler“ vorstellen. Doch als ihr die Frage gestellt wurde, womit sie ihr Leben lang zu kämpfen hatte, überraschte Rene mit ihrer Antwort alle.

Die Schauspielerin gab zu an einer Bipolaren Störung zu leiden und dafür auch bei Dreharbeiten Medikamente zu nehmen. Sie leide schon seit ihrer Kindheit an Stimmungsschwankungen. „Meine Mutter sagte, dass meine Kindheit ein stetiges auf und ab war. Manchmal bin ich total abgestürzt, bin nicht einmal aus dem Bett gekommen und war für nichts zu gebrauchen. Erst habe ich gedacht, es wäre eine Depression und habe Antidepressiva genommen, doch das hat es nur noch schlimmer gemacht“.

Bis dahin hätte sie das noch nie öffentlich erzählt. Sie hatte aber eine Botschaft für alle Menschen, die auch Probleme haben und sich schlecht fühlen, Medikamente zu nehmen. Es sei die richtige Entscheidung für sie selbst gewesen. Es sei nicht einfach mit der Erkrankung zu leben, aber man könne es schaffen. Das bis dahin künstlerisch erfolgreiche Leben, welches in der Öffentlichkeit keine Skandale aufwies, gibt ihr Recht (Quelle: Gala 15.10.2014).                                      

Die Schauspielerin Linda Hamilton wurde weltberühmt mit der Rolle der Sarah Connor in den ersten beiden Terminator-Filmen (1984 und 1991). In erster Ehe war sie mit dem Schauspieler Bruce Abbott verheiratet, in zweiter Ehe mit dem Regisseur James Cameron. Sie sprach folgendermaßen über ihre Erkrankung: „Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren. In meinem Kopf laufen dauernd Wortgefechte ab. Die überschüssige Energie in mir bricht sich auch in meinen Träumen Bahn. Ich glaube, sie haben mir geholfen, halbwegs gesund zu bleiben. Meine Träume sind eine Art nächtlicher Reinigung. Das Gift in mir, die Angst, die Wut, die Verletzlichkeit – all das fließt in meine Träume ein. Danach muss ich diese Gefühle nicht mehr im Alltag ausleben.“ ... „Die ersten Jahrzehnte meines Lebens als Erwachsene waren extrem schwierig für mich und für die Menschen um mich herum. Auf Außenstehende mag ich wie eine starke junge Frau gewirkt haben. Aber wer mich besser kannte, wusste: In mir tobte das Chaos. Ich war schon 40, als ich erstmals als bipolar diagnostiziert wurde. Danach begann ich endlich zu begreifen, was in mir vorging. Ich bekam Medikamente, die mir halfen, therapeutische Hilfe anzunehmen und umzusetzen. Heute weiß ich, was ich tun kann, wenn ich spüre, dass ich abdrifte.“ (Quelle:  Die Zeit 2019, https://www.presseportal.de/pm/ 9377/4396295).                                                       

Die Sängerin Mariah Carey berichtete über ihre Bipolare Störung: „Ich habe in Leugnung und Isolation gelebt". Nach eigenen Angaben leide sie an einer Bipolaren Störung, die bei ihr (schon) 2001 diagnostiziert worden sei (Quelle US-Magazin „People“). Zunächst habe sie es aber nicht glauben wollen, keine Behandlung gesucht und dann einige „der härtesten Jahre meines Lebens" durchgemacht.

Auch der ehemalige Boxweltmeister Tyson Fury gab zu, dass er „manisch-depressiv“ sei und sogar Suizidgedanken entwickelt habe. Im Laufe der Erkrankung flüchtete er sich in Alkohol und Drogen (Quelle NRZ Okt 2016).

Insgesamt sind affektive Störungen gerade in Hollywood häufig. Die Bipolare Störung – so lange sie nicht in schwere Krankheitsphasen umschlägt – kann auch ein Vorteil für die Künstler*innen sein: die Kreativität, Leistungsfähigkeit, Risikobereitschaft und soziale Interaktionen kann besser ausgeprägt sein als bei anderen was den persönlichen Erfolg steigern kann. Bekommen die Symptome aber Krankheitswert hört man für die Bipolare Störung typische Sätze. Bemerkt werden Zustände mit „zu viel Energie“, „unerträgliche Stimmungsschwankungen“ sowie „harte Zeiten“ ohne „zu wissen, was los ist“ und ohne Behandlung. Ebenfalls entstehen Suizidgedanken. Diese Belastung endet oft in einem hohen Maß an Hilflosigkeit und Überforderung von Familie und Freunden. Letztendlich fallen viele Prominente erst dann auf, wenn sie stationär aufgrund von Alkohol- und/oder Drogenproblemen in sogenannte Entzugskliniken in den USA aufgenommen werden. Wenn der Substanzkonsum nur eine Flucht oder der Versuch einer Selbsttherapie war, wird innerhalb eines solchen Aufenthaltes die eigentlich ursächliche Diagnose einer Bipolaren Störung gestellt.

Auch in den Beispielen hier erfolgt die Diagnosestellung zumeist sehr spät. Erfreulicherweise wird aber die Botschaft verbreitet, dass es zwar nicht leicht sei sich, die Erkrankungen und eine medikamentöse Behandlung zu akzeptieren, dass aber nach Akzeptanz einer spezifischen Therapie ein stabiles Leben bzw. beruflicher Erfolg wieder möglich war.

Martin Schäfer

Prometheus dis.order

Am 3. September begeisterte „Prometheus dis.order“ bei der Premiere in der Düsseldorfer Tonhalle. Ihre Inszenierung für das BTHVN-Jubiläumsjahr widmen Nick & Clemens Prokop von TYE (Trust Your Ears GmbH) den Bipolaren Störungen und erzählen Beethovens Musik als Krankheitsepisode.

Dramaturgischer Ausgangspunkt für „Prometheus dis.order“ sind die ganz alltäglichen Auswirkungen der Bipolaren Störungen: Der Kampf der Betroffenen, in den unterschiedlichen Phasen mit ihrer Krankheit umzugehen. Und die ungeheuren Belastungsproben für alle Beziehungen, für Familien, Freundschaften und das Berufsleben. Ist Liebe überhaupt möglich?

Über das Stück

Ludwig van Beethovens Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ wurde 1801 in Wien uraufgeführt. Es erzählt den Mythos des Titanen Prometheus, der aus Lehm Menschen formt und in der Folge versucht, diesen fehlerbehafteten Geschöpfen Kunst und Wissenschaft nahezubringen. Original-Choreographie und Libretto sind verloren, doch was bleibt, ist die ständige Zerrissenheit der Musik. „Wir alle im Produktionsteam waren erschrocken, wie perfekt die Deutung als Bipolare Episode passt. Es war wie eine Offenbarung: Plötzlich ergibt Beethovens Musik absolut Sinn, und sie bekommt dramatische Fallhöhe“, sagen Nick & Clemens Prokop. Zusammen mit der Choreographin Virginia Vidal entwerfen sie für die Düsseldorfer Inszenierung eine Gegen-Geschichte. Fragmenthafte Zwischentexte, denen Stefan Wilkening seine Stimme leiht, ziehen hinein in die Empfindungswelt dieses Prometheus, der hier eine Frau ist – und es wird deutlich, dass die Gestalten als Bipolare Stimmen im Kopf wüten: „Das Schlimmste ist das Leben mit den Kreaturen.“

Hintergründe – Aus dem Programmheft:

Leben mit den Kreaturen

Kurzschlüsse im Maschinenraum: „Die Geschöpfe des Prometheus“ lauern im Kopf – und sind brandgefährlich (von Clemens Prokop)

Ludwig van Beethoven komponierte sein einziges vollständiges Ballett 1801 für das Wiener Burgtheater. Der Choreograf Salvatore Viganò war beauftragt, für Maria Theresia ein neues Werk zu schaffen, und obwohl der gewöhnlich selbst die Musik für seine Ballette komponierte, schien es ihm diesmal angesichts der Prominenz der Aufgabe doch geboten, Beethoven für die Partitur hinzuzuziehen.

Sowohl Viganòs Libretto als auch die Choreographie zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ sind verloren. Aus zeitgenössischen Quellen wissen wir aber von einem heroisch-allegorischen Ballett, und Graf Karl von Zinzendorf fasst zusammen: „Der ganze Parnass ist aufgeboten… Prometheus lässt seine Geschöpfe tanzen, das geht nicht recht voran, die Musik beseelt sie, die Muse der Tragödie erweckt ihr Empfindungsvermögen, indem sie vorgibt, Prometheus getötet zu haben… Das dauert bis gegen 10 Uhr.“

Beethovens Musik gefiel ihm nicht besonders.

Tatsächlich ist Beethovens Ballett-Musik eigentümlich gefärbt. Sie sei „einfacher und unbeschwerter als die Musik für den Konzertsaal“, beobachtet der amerikanische Beethoven-Experte Lewis Lockwood: Beethoven nutzt Klangfarben und Instrumenten-Effekte in einer Art, wie er sie sich für seine Sinfonien im Leben nicht erlaubt hätte. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er später aus dem Prometheus-Finale das Thema der Eroica und der Eroica-Variationen schuf.

Es ist deshalb vielleicht keine Ungerechtigkeit der Repertoirebildung, dass zwar die knallige Prometheus-Ouvertüre immer wieder im Konzertsaal klingt, das Ballett selbst aber nur ein Nischendasein fristet. Schon ein erstes Hören offenbart ein verwirrendes Wimmel-Klangbild. Kleinteilig und zerrissen pendelt es unentschlossen zwischen pathetischem Donnergrollen und geradezu püppchenhafter Illustration. Dazwischen zauberhafte Momente, atemberaubende Wendungen, jähe Abbrüche ins Banale. Dabei ist alles durchzogen von einer eifersüchtigen Sehnsucht nach jener Leichtigkeit, mit der Mozart die Höhen und Abgründe menschlichen Daseins vermessen konnte.

Eine solche Ausgangslage macht es nicht einfacher, „Die Geschöpfe des Prometheus“ als Beitrag zum BTHVN-Jubiläum zu erzählen – nicht als Kuriosität mit der augenzwinkernden Ironie intellektueller Überheblichkeit. Sondern, wie wir das bei jeder Konzerterzählung halten, diese Musik so ernst wie nur möglich zu nehmen.

Der Gedanke war nicht plötzlich da, sondern schlich sich allmählich an, so wie sich auch die Krankheit anschleicht und oft viel zu spät diagnostiziert wird. Der Gedanke war erst eine Ahnung, er begleitete mich über die Zeit mehrerer Monate. Was als vorsichtige These begann, veränderte mein Hören von Beethovens Musik, und plötzlich traten Konturen durch den Nebel, wurden die holzschnitthaften Versatzstücke lebendig. Alles begann plötzlich, Sinn zu ergeben.

„Prometheus bist du“, sagte ich zu meiner Freundin Susann.

„Du bist verrückt“, sagte sie.

Unsere Freundschaft verbindet uns seit mehr als zwei Jahrzehnten, sie hat Höhenflüge und Katastrophen überlebt und schmerzhafte Jahre der völligen Kontaktlosigkeit. Vor allem hat sie ihre Krankheit überlebt, eine bipolare Störung. Früher sagte man dazu manisch-depressive Erkrankung, und auch wenn sie in verschiedensten Schweregraden, Formen und Zuständen auftritt, ist der Kern ein von den Betroffenen nicht steuerbares Pendeln zwischen zwei extremen Zuständen manischer Getriebenheit und depressiver Abstürze. Wie sehr und auch wie schnell diese Zustände über ein „normales“ Maß hinausschießen können, das lässt sich schwer beschreiben und noch schwerer ertragen. Dass die Krankheit nicht geheilt werden kann, wohl aber mit Therapie und Medikamenten in Schach zu halten ist, ist für Menschen wie Susann ein schwacher Trost. Viel zu oft wird die Bipolare affektive Störung nicht korrekt erkannt und viel zu spät behandelt.

Prometheus, der Feuerbringer aus der griechischen Mythologie, ist in den Darstellungen über die Epochen meist ein bärtiger, betagter Mann der Weisheit. Prometheus trägt einen sprechenden Namen: dem „Vorbedenker“ steht die Zukunft vor Augen, und listig stielt der Titan den Göttern das Feuer, um die Menschheit zu zivilisieren mit Kunst und Kultur. Es gelingt ihm nicht, und die ihm auferlegte Strafe ist unschön. Der Stoff hat freilich einige Veränderungen durchlebt. Aus dem listigen Betrüger der ältesten Überlieferungen formte Aischylos den heldenhaften Menschenfreund und legt auch das Deutungsbild des Gottesrebells, das über Aristophanes und Plato in einem großen Bogen bis in die Renaissance führt. In Goethes Prometheus-Ode schließlich holt der Rebell zum großen Schmähgedicht gegen den Göttervater aus.

Jene Schöpfungsepisode, dass Prometheus aus einem Klumpen Lehm Gestalten formt und zum Leben erweckt, ist, wenn man so will, die Frankenstein-Variante des Mythos. Sie wirkt wie ein Satyrspiel zur aufklärerischen Lesart der Reinform, aber schon der Werktitel „Die Geschöpfe des Prometheus“ und alles, was wir von der Uraufführung wissen, deuten genau darauf hin.

„In meinem Kopf“, sagt meine Freundin Susann, „sitzen zwei Typen. Jeden Morgen pokern sie, wer heute zum Zug kommt.“ Was so harmlos beginnt als ein Spiel, entlädt sich gefährlich schnell als Kurzschluss-Gewitter im Kopf. Und türmt sich zu einem Tsunami der Zerstörung. Dabei entfalten die Kreaturen ein unheimliches kreatives Potenzial. Ihre Zerstörungswut kann sich gegen alles richten, gegen sich selbst und andere. Die schärfste Waffe, um Beziehungen zu zerstören, um Freunde in die Flucht zu schlagen, können ihre Worte sein, die einschlagen mit dem absoluten Vernichtungswillen einer Atombombe. Die verführerischste allerdings sind die sirenenhaften Lockungen der inneren Stimme: hinauf aufs Dach in der festen Gewissheit, fliegen zu können.

Die für Prometheus dis.order entstandenen Textfragmente sind Annäherungen an diese Gefühls- und Gedankenwelten, und ich kann meiner wundervollen Freundin Susann nicht genug danken für ihr Vertrauen, das sie mir Schritt für Schritt über die Jahre geschenkt hat. Diese unendliche Scham nach einer weiteren Episode des Fremdgesteuertseins, sagt sie, macht alles noch unerträglicher. Die ständige Angst vor Unverständnis und verbrannter Erde, Verlassenwerden und Einsamkeit. Und vor dem Stigma, für verrückt gehalten zu werden.

Dabei ist die Gefahr viel größer, dass eine manische Phase von Außenstehenden gar nicht erkannt wird. Denn Manie heißt Höchstleistung, sprudelnde Kreativität und unwiderstehliches Charisma. Das mag mit ein Grund sein, warum die bipolare Störung oft genug als irgendwie coole Künstlerkrankheit missverstanden wird: eine kleine Abnormalität als Kreativitäts-Boost. Man muss nicht lange googeln, um die berühmtesten Schauspieler, Sänger und natürlich auch Beethoven als Bipolar ferndiagnostiziert zu finden. Die gesellschaftliche Dimension ist freilich eine radikal andere.

„Spürt ihr‘s nicht? Ich spür‘s.“

„Die Welt im Rücken“ unternimmt der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle den grandios erfolgreichen Versuch, seiner eigenen Erkrankung auf die Spur zu kommen, die ihn über Jahre verfolgt und immer wieder aufs Neue einholt. Aus dem Roman ist auch ein Schauspiel geworden, und in beiden Fällen gelingt ihm eine Wortfassung seiner krankheitsbedingt zersplitterten Lebensgeschichte. Die schrittweise Vermessung der eigenen Biographie am Maßstab ärztlicher Untersuchungsberichte und klinischer Kategorien umkreist konsequent das zentrale Dilemma. Und rekonstruiert aus Perspektiv-Fragmenten die eigene Identität. „Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft“, spricht Melle seine Leser direkt an: „Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein.“

Die mühsame Rückversicherung der eigenen Wirklichkeit entpuppt sich dabei als fortwährende Verhandlung von Selbstwahrnehmung und Fremdeinschätzung – Verhandlungen auf dem schwankenden Boden brüchiger Beziehungen, bröckelnder Vertrauensverhältnisse und schlichtweg falscher Einschätzungen der Situation. Was ist noch Ausdruck einer überaus originellen, charismatischen Persönlichkeit – und was ist längst schon Teil eines uneindeutig vielschichtigen Krankheitsbildes? Die quälende Unvollständigkeit der eigenen Erfahrung macht den Prozess nicht leichter, es legt aber einen ungeahnten Zugang zu den manchmal urkomischen, geradezu ins Absurde drehenden Aspekten der Krankheit. Meistens immer dann, wenn in der Manie der beglückende Rausch der Allmacht auf die Beschränktheit einer ernüchternd engen Realität prallt. Dann schlagen Funken einer richtungslosen und deshalb kaum erklärbaren Ironie, die mitunter schwer auszuhalten ist. Aber was an dieser Krankheit ist denn nicht schwer auszuhalten?

Diese Ironie wenigstens mit den Mitteln der Kunst zu fassen, dieser Wunsch war uns schon ganz zu Beginn der Konzeptionsphase ein zentrales Anliegen. Eine wesentliche Aufgabe kommt hier der Choreographie zu. Sie muss als ein Körpertheater diese Momente einfangen, am besten mit ganz unerhörter und fast provozierender Leichtigkeit. Präzises Überzeichnen und eine scheinbare Beiläufigkeit sollten hier zusammenfinden. Rätselhafte Bewegungs-Rituale könnten Spiegel sein für die Krankheit, der man mit Struktur manchmal zu Leibe rücken kann, mit mühsam eintrainierten Abläufen, die wie ein Notprogramm funktionieren sollen, wenn nichts mehr sonst funktioniert. Vieles davon ist auf den ersten Blick im großen Kontext gar nicht wahrnehmbar. Und jede Komik entsteht erst im Zusammenspiel mit Beethovens Musik. Ihre manchmal irritierend irrlichternde Dynamik, die abrupten Brüche zwischen Originärem und Klischee, ganz zu schweigen vom so hilflos aus der Zeit gefallenen Pathos – all dieses Fragmenthafte in Beethovens Ballettmusik erhält erst in der feinen Karikatur ein verbindendes und damit auch konsistentes Narrativ.

Diese ironische Brechung steckt deshalb – mit voller Absicht! – auch in tieferen Schichten der Erzählung, und erst das Körpertheater der Choreographie verleiht ihr eine wahrnehmbare Gestalt. Das gilt besonders für die Konzeption der beiden Geschöpfe des Prometheus, die wir ihr zur Seite gestellt haben.

„Depri nennen sie den einen, Mani den andern. Gemeinsam sind sie das Dreamteam für jeden Weltuntergang.“

Diese Kreaturen sind, der Mythos erzählt es, und mit ihm erzählt es die Musik, nicht nur charakterlich höchst unvollkommene Geschöpfe. Doch gerade in ihrer Inselbegabung sind sie brandgefährlich. Die Assoziation mit Figuren aus Jump’n’run-Games ist nicht zufällig, wenn man die formelhafte Gestaltung in Beethovens Nr. 8 (Allegro con brio) bedenkt. Das Spiel schraubt sich hier von Level zu Level. Bis nichts mehr geht: Game over. Aus dieser Verankerung in einer digitalen Popkultur passt schließlich auch das legendäre Arcade- und Videospiel Pac-Man nahtlos ins Bild als Chiffre für das permanente Getriebensein durch die eigenen Gespenster.

Beethovens musikalische Gestaltung oszilliert auf verstörende Weise zwischen anrührendsten Momenten innigster Musikalität und einer geradezu provozierend plakativen Illustration. Auch in diesem Kontext sind Querverweise und Anleihen ins popkulturelle Weltgedächtnis wesentlicher Teil einer konsequenten Erzählung – Jacky Chans komische Kampfchoreographie, Kill Bills hochpräziser Blutrausch, Indiana Jones’ märchenhafte Abenteuerwirklichkeit, all das spannt den Bogen zu einer robotoiden Kraftwerk-Erfahrung („We are the Robots“), die sich letzten Endes doch auch wieder nur aus Hoffmanns Erzählungen speist und in Fritz Langs Metropolis (1927) ein monumentales motivisches Echo findet.

Der alles verbindende Gedanke ist einmal mehr die Frage nach Identität und dem Zugriff auf die eigene Persönlichkeit. In diesem Zusammenhang hilft die fast comichafte Ent-Individualisierung der gegenläufigen Kreaturen, um die Krankheit auch in ihren Kapriolen besser begreifen zu können. In der maschinenhaften Manie verzeichnet sich jeder Charakter zwangsläufig entweder zur Karikatur oder verwischt zur rätselhaften Rächerin. In der Gegnerschaft vereint ohnehin nur eine banalisierende Gesichtslosigkeit als Kanonenfutter – sowie der eine kurze Wimpernschlag, in dem sich der Body Count wieder um eins erhöht.

Wie schnell kippt blinde Zerstörungswut in eine klar sehende Zerstörungslust: Gerade die schönsten, die wertvollsten Dinge nimmt die Bipolare Störung ins Visier. Gnadenlos reißt sie Beziehungen und Freundschaften ein, und übrig bleibt genauso viel wie von Beethovens Pastorale.

Über TYE

Mit ihren Medialen Konzertinszenierungen gehören Nick & Clemens Prokop zu den führenden Stimmen für Musik als Ausdruck eines gesellschaftlichen Anliegens. Ihre Arbeiten für das Bayerische Fernsehen, die Hamburgische Staatsoper, die Kassler Musiktage, das Tollwood-Festival, Pacific Symphony und viele andere wollen Wirkung ganz aus dem musikalischen Inhalt, zielen auf Perspektivenwechsel mit künstlerischen Mitteln und den fruchtbaren Diskurs. TYE entwickelt Veranstaltungsformate, die zu inspirierenden Ereignissen werden. Egal ob digital, analog oder hybrid. Das ist es was sich die beiden Unternehmer Nick und Clemens Prokop von TYE auf die Fahnen schreiben. Auf der Suche nach einem geeigneten Textil für die mediale Inszenierung von „prometheus dis.order“ setzen die beiden Künstler auf das lichttechnische Textil von ETTLIN LUX® . Für die Inszenierung im kuppelförmigen Saal der Tonhalle in Düsseldorf entwickelten sie eine Bühnenskulptur, die unterschiedliche Facetten von Licht kombiniert und kontrastiert.

Nadja Stehlin mit freundlicher Genehmigung zur Verwendung der Texte von TYE

Britney Spears ist frei

Die 39-jährige Sängerin Britney Spears, die sich öffentlich zu ihrer Diagnose Bipolare Störung bekannte, war 13 Jahre unter der Vormundschaft ihres Vaters. Dies wurde nun aufgeboben. Bei Gerichtsanhörungen im Juni und Juli hatte die Sängerin in emotionalen Ansprachen ihren Vater heftig angegriffen und Vorwürfe gegen ihre Familie und Betreuer erhoben, sie würden ihr Leben kontrollieren und sich an ihr bereichern. Spears sprach nach der Verhandlung von: „Bester Tag aller Zeiten“.

Nadja Stehlin

45 Minuten - Der Maßregelvollzug: Weggesperrt und vergessen? – Eine Doku des NDR

Wie sieht es hinter den Mauern von Einrichtungen aus, in denen Straftäterinnen und Straftäter mit psychischen Störungen untergebracht sind? Zwei Journalistinnen des NDR recherchierten zwei Jahre lang und sprachen sowohl mit Insassen als auch mit Klinikleiter*innen, Angehörigen und Anwält*innen. Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt des Systems Maßregelvollzug, das große ethische Fragen aufwirft.

Hier zu sehen

Nadja Stehlin

Wondermind - Selena Gomez bereitet eine Social-Media-Plattform für mentale Gesundheit vor

Mit einer Social-Media-Plattform namens „Wondermind“ möchte die Sängerin Selena Gomez, die selbst unter Bipolaren Störungen leidet, Menschen mit psychischen Störungen unterstützen, einen besseren Umgang mit ihrer Erkrankung zu finden und die Stigmatisierung zu beenden. Die Plattform bietet tägliche Übungen zur Stärkung der mentalen Gesundheit sowie einen Podcast mit prominenten Gästen und Fachleuten an. In der Pressemitteilung heißt es, dass die Plattform zu einer der führenden Anlaufstellen für psychische Hilfe werden möchte.

Nadja Stehlin

Ich packe meinen Ressourcenkoffer...

…und ich packe ein: 4. „AUCH“

„Ich packe meinen Ressourcenkoffer…” soll Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Vorgestellt werden kleine Erinnerungshilfen für jene Ressourcen, die man in sich trägt und wie man diese für sich insbesondere in schwierigeren Zeiten bewusst und verfügbar machen kann.

Man nehme eine Box, einen Karton oder einen anderen Behälter. Wenn man möchte, kann man diesen in verschiedene Fächer unterteilen. Hinein kommt heute ein Blatt Papier mit folgendem Text:

„AUCH“

Es gibt einen Mittelpunkt in Deinem Leben, den Du wertschätzen solltest. Er heißt Auch.

Du kannst das Gefühl haben, dass Du das größte Arschloch auf der Welt bist,

und wenn jemand zu Dir sagt, dass Du Auch sehr liebenswert bist,

dann wirst Du zusehen müssen, dass Du dies ebenfalls akzeptierst.

Auch erlaubt Dir, in den Zwischenraum zu gleiten,

zwischen liebenswert zu sein und verachtenswert zu sein.

Wenn Du lernst Auch wertzuschätzen, dann ist das wie eine Erleuchtungsversicherung.

Die Menschen neigen dazu, das Wort "Auch" zu vergessen.

Sie denken, dass es entweder das eine oder das andere ist. Nein, es ist immer Auch.

Was immer es sein mag, das auf Dich zukommt: Du bist hässlich, Du bist schön,

Du bist verwirrt und mitten im Schlamassel, Du weißt nicht, was Du bist, Auch.

Du bist Auch manchmal sehr gut drauf, oder Auch der letzte Heuler,

mit dem zusammen zu sein man sich vorstellen kann, Auch.

Auch bist Du manchmal sehr schön im Fluss: Alles um Dich herum ist sehr schön

und es gibt nichts zu sagen. Du willst wissen, wer Du bist? Du bist Auch.

Klammere niemals zu irgendeinem Zeitpunkt irgendetwas aus. Alles ist immer Auch.

Falls Du irgendetwas ausklammerst, bist Du ein armseliges menschliches Wesen.

Du lässt nicht mehr zu. Auch, Auch, Auch. Auch, das ist es, was Du bist.

Wir haben nur so wenig Zeit zu leben. Innerhalb dieser Zeit schließe alles mit ein.

Ich habe es vermasselt, Auch. Ich fühle mich großartig, Auch.

Ich hatte den größten Orgasmus, Auch. Ich hab‘s blockiert, Auch.

Wenn Du das erlauben kannst, ist es schön. Ich bin schön, weil ich die Auchs in mir erlaube.

Ich bin schön, weil ich meine Hässlichkeit akzeptiere.

Ich akzeptiere, es vermasselt zu haben. Ich akzeptiere es, mich schuldig zu fühlen.

Ich akzeptiere es, dass ich wünschte, ich könnte es besser tun.

Falls Du jemals in eine Situation kommst, wo Du die Dinge nicht akzeptieren kannst —

dies ist Auch ein Auch.

(Aus: The poetic concepts, Denny Yuson-Sánchez, 1997,

Übersetzung Gert Kowarowsky in "Der schwierige Patient", 2011)

Eine Kopie dieses Textes wurde Petra von ihrem Psychotherapeuten übergeben und erinnert sie seitdem immer wieder daran, dass diese Erkrankung nur ein Teil von ihr ist. Wenn sie depressiv ist und mit sich hadert, ihr Selbstwert in den Keller versinkt, dann ist dies immer nur ein „Auch“. Und der Test erinnert sie daran sich nie ganz und gar der Depression zu ergeben. Genauso ist es in der Hypomanie wenn das Ego nur so strotzt, ist auch dies nur ein Teil von ihr. Dass dies nicht in Vergessenheit gerät verdankt sie dann diesem Text und dem Wort „AUCH“

Am besten stellt man sich die Box mit den Ressourcen an einen gut sichtbaren Platz, dorthin wo man sich häufig aufhält, wenn es einem nicht so gut geht.

Petra Geyer & Reiner Schmidt

Sonstiges

Nachruf auf Tanja Heusmann

Völlig plötzlich und unerwartet ist am Freitag, den 10.12.2021 unser sehr engagiertes Mitglied und stellvertretende Referatsleiterin der Betroffenen Tanja Heusmann aus dem Leben geschieden. Sie hatte noch im September für ihre sehr wertvolle Arbeit gemeinsam mit den weiteren Admins der Facebook-Gruppe „Bipolare Störungen“ den DGBS Aretäus-Preis 2021 entgegengenommen.

Tanja setzte sich mit großem Engagement vor allem für einen Informations- und Erfahrungsaustausch zu Bipolaren Störungen ein. Ihr versiertes und umfangreiches Wissen teilte sie gern, sei es in der Facebook-Gruppe oder aktiv in weiteren Arbeitsgruppen. Sie hat unzählige Menschen bei ihren Fragen, Sorgen und Nöten unterstützen können. Für viele war sie nicht nur ein Vorbild im Umgang mit Bipolaren Störungen sondern auch eine gute Freundin, die eine schmerzliche Lücke hinterlässt.

Wir danken Tanja für ihre positive Energie und ihr großes Herz! Ich als Freundin danke ihr ganz persönlich für die hilfreichen Gespräche und ihre Unterstützung.

Tanja war sehr stolz auf ihre Hunde und hat mit viel Liebe eine Webseite für ihren Hovawart und "Gute-Laune-Bär" Quinny gestaltet.

Liebe Tanja, ruhe in Frieden, wir werden dich immer in unserem Herzen bewahren.

Nadja Stehlin für das gesamte DGBS Team

Bericht vom DGPPN Kongress

Vom 24.11. bis zum 27.11. fand auch 2021 der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychosomatik, Psychosomatik, und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin statt – zum zwanzigsten Mal in Berlin Ende November. Doch während normalerweise fast 10.000 Teilnehmende das Kongresszentrum CityCube an seine Belastungsgrenze (und manchmal darüber hinaus) bringen, waren dieses Jahr deutlich weniger Menschen vor Ort. Aufgrund der Corona-Pandemie war der Kongress von Beginn an in einem hybriden Format geplant, also sowohl mit einem virtuellen als auch einem Präsenz-Teil. Die steigenden Inzidenzen ab Oktober machten es dann aber doch nochmal spannend; bei der Planung des Kongresses konnte man sich schlicht nicht vorstellen, dass die Gruppe der Ungeimpften auch im November noch so hoch sein würde. Intensive Diskussion folgten, ob man den Kongress nicht ganz absagen sollte – eine Umstellung auf ein rein virtuelles Format war so spät nicht mehr machbar. Letztlich entschloss sich die DGPPN dann doch, die Präsenzkomponente aufrecht zu erhalten, zum einen, da sehr viele Mitglieder persönlich kommen wollten und ein Austausch nur virtuell im zweiten Jahr doch sehr viel der interaktiven Fortbildungskomponenten vermissen lässt; zum anderen, da ein sehr ausführliches und weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehendes Hygienekonzept erarbeitet worden war. Zusätzlich wurden in den letzten Tagen die virtuellen Möglichkeiten nochmals erweitert.

Der Kongress war dadurch natürlich ein anderer als gewohnt. Wo sich normalerweise fast 10.000 Teilnehmende durch die Gänge quetschen, blieb es dieses Jahr mit maximal knapp 3.000 Besuchern relativ entspannt; dies zeigte sich vor allem in den etwas peripheren Teilen des CityCube. Allerdings wirkte der Kongress zu keiner Zeit wie eine Geisterveranstaltung, im Gegenteil, so mancher fand die etwas luftigere Atmosphäre sogar ganz angenehm. Ein großer Nachteil war leider, dass viele Organisationen aus der Selbsthilfe und auch die DGBS nicht selbst vor Ort sein konnten. Auch einige Workshops und Symposien fielen der Pandemie zum Opfer, wobei sich die Gesamtzahl der ausgefallenen Veranstaltungen in engen Grenzen hielt. Schmerzlicher war da schon die Absage jeglicher sozialen Events, wie das „Get together“ und ähnliches, die unter Pandemie-Bedingungen nicht zu verantworten waren.

Was gab’s Neues zum Thema „Bipolar“? In der Industrieausstellung leider sehr weniges: Entsprechend der Tatsache, dass in den letzten Jahren kein neues Medikament zur Behandlung der Bipolaren Störung zugelassen wurde – im Gegensatz zu den USA – gab es natürlich auch keinen Stand zu dieser Indikation. Es ist zu hoffen, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird! Mehrere Symposien beschäftigen sich mit den Forschungsergebnissen aus dem BMBF-Projekt „BipoLife“, allen voran natürlich das „BipoLife“-Symposium selbst, das auf der DGBS-Jahrestagung seine Premiere hatte und auf dem Prof. Hautzinger zur Psychotherapie, Prof. Reif zur Genetik und Dr. Mikolas zur Bildgebung berichteten. Letzterer stellte auf einem anderen Symposium dann auch noch die Nützlichkeit von modernen Analysemethoden (Machine Learning) in der Diagnostik Bipolarer Störungen dar. Das State-of-the-Art Symposium, in dem alle neuen Entwicklungen zu Diagnostik und Therapie dargestellt werden, übernahmen dieses Jahr wieder Prof. Schäfer aus dem DGBS-Vorstand und Prof. Bauer aus Dresden, der ja ebenfalls der DGBS langjährig verbunden ist.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass es erfreulich war, überhaupt einmal wieder mit Kollegen „in echt“ sprechen zu können (unter strikter Einhaltung der AHA-Regeln und mit Maske, natürlich). Menschen sind nun einmal soziale Wesen, und eine Zoom-Kachel ist kein Ersatz für das echte Leben. Ein wenig mehr zum Thema „Bipolare Störungen“ hätte man sich im Programm schon gewünscht; und die nachvollziehbarer Weise abgesagten sozialen Events wurden vermisst. Ich hoffe sehr, dass wir im November 2022 wieder einen etwas normaleren Kongress erleben dürfen, gern auch mit mehr Inhalten zum Thema „Bipolar“, und uns dann zahlreich in Berlin wiedersehen werden!“

Andreas Reif

Impressum

 

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Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autor*innen verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

 

Impressum

Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS)

Postanschrift Geschäftsstelle:
DGBS
Klinik für Psychiatrie
Heinrich-Hoffmann-Straße 10
60528 Frankfurt am Main
Tel.: 069/ 6301 - 84 398 (Dienstag und Donnerstag 13:00 bis 16:00 Uhr)
E-Mail: info@dgbs.de
Vorsitzender: PD Dr. Harald Scherk, Riedstadt

Redaktion – Referat Öffentlichkeitsarbeit:

  • Altınser Çaka
  • Nadja Stehlin
  • Barbara Wagenblast

Autoren in dieser Ausgabe:

  • Theresia Alt
  • BMBF-Forschungsgruppe SALUS
  • Altınser Çaka
  • Petra Geyer/Reiner Schmidt
  • Stephanie Krüger
  • Magdalena Meyer
  • Andreas Reif
  • Martin Schäfer
  • Christopher Scharfenberger
  • Harald Scherk
  • Nadja Stehlin
  • Barbara Wagenblast
  • Mica Wintermayr
  • Vorstand der DGBS

News

19.01.2022Studienteilnehmende für Präventionsstudie CHIMPs-NET gesucht

Die zentralen Ziele der Studie bestehen darin, die psychische Gesundheit und Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen von psychisch erkrankten Eltern (aber [… weiterlesen]
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