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Buchempfehlung für Angehörige, aber keinesfalls nur für Angehörige

Ein ambitioniertes Projekt mit mutigen und sehr differenzierten Beiträgen: 17 Angehörige berichten über ihre Erfahrungen und ihr Leben mit einem bipolaren oder schizophrenen meist erwachsenen Kind oder einem erkrankten Partner bzw. Partnerin. Die Lektüre ist erschütternd, aufrüttelnd und, ja, auch ermutigend.

Wen interessiert schon die Not der Angehörigen? Wen interessieren die oft völlig aus der Bahn geworfenen Biographien der Angehörigen? Wir selbst schweigen oft viel zu lange und ertragen die Last, weil wir gar nicht anders können. Wir fragen uns selbst, was haben wir falsch gemacht, wo haben wir den rettenden Pfad verpasst, was haben wir übersehen? Wir befinden uns in einem ständigen Ausnahmezustand, in ständiger Überforderung und versuchen mit aller Kraft, alles am Laufen zu halten. Oft fühlt es sich in Krisenzeiten so an, als würde es nie mehr besser werden. Alles konzentriert sich auf die Erkrankung und den oder die Erkrankten. Alles ist davon beherrscht. Wo bleiben wir Angehörigen? Zum Innehalten bleibt oft keine Zeit. Und Hilfe für Angehörige gibt es nach wie vor wenig, geschweige denn Sympathie oder Anerkennung.

Von alledem spricht das Buch. Angehörige sind in der Tat Erfahrene und haben viel zu erzählen. In dieser außergewöhnlichen Textsammlung stehen überaus lebendige, lebenskluge und schonungslos ehrliche Berichte. Bisweilen auch selbstkritische. Die Angehörigen, in der Mehrzahl Mütter von schizophrenen Söhnen, nehmen uns mit in die Abgründe ihrer Ängste, Verzweiflung, Schuldgefühle, Überforderung und Einsamkeit. Und viele berichten zu irgendeinem Zeitpunkt von einer Art Schlüsselerlebnis, das es ihnen ermöglichte, ihren Kurs zu ändern, die eigene Einstellung zu justieren oder bisher rätselhafte Dinge und Verhaltensweisen plötzlich zu verstehen. Den meisten Eltern in diesem Buch gelingt es schließlich, die Erkrankung ihres Kindes anzunehmen als Teil ihres Lebens. Bei Partnerschaften sind die Wege wieder etwas andere.

Das Buch steht in einem gewissen Gegensatz zum Vorgängerbuch „Der Sinn meiner Psychose“, worin Psychiatrieerfahrene in spannenden Beiträgen darüber berichten, was sie als positiv an ihren Psychosen erleben und erlebt haben. Die Angehörigen finden in diesem Vorgängerbuch interessanterweise überhaupt keine Erwähnung. Umgekehrt sind die Betroffenen in dem jetzt erschienenen Buch naturgemäß allgegenwärtig. Die Angehörigen, die hier berichten, erkennen in der Regel keinen „Sinn“ in ihren Erfahrungen als Angehörige. Doch sie schreiben darüber, wie sie nach und nach lernen, die Situation anzunehmen und die guten Zeiten bewusster und intensiver als zuvor zu erleben. Sie schreiben auch darüber, wie wichtig es ist, sich selbst nicht zu vergessen und zu verlieren. Ob es wirklich ein „Ermutigungsbuch“ ist, wie der Untertitel besagt, da bin ich mir etwas unschlüssig. Zumindest ist es gleichzeitig auch ein Ernüchterungsbuch, denn es beschönigt nichts. Es ist aber auch ein Trostbuch, weil wir uns verstanden fühlen.

Mich würde interessieren, ob auch Betroffene oder „Profis“ mit diesem Buch etwas anfangen können und wollen. Sie müssten sich darauf einlassen und zuhören, ganz im trialogischen Sinne.

Dem Buch ist zu wünschen, dass es viele, viele Leser findet. Es schließt eindeutig eine Lücke, und es bleibt zu hoffen, dass es weitere Projekte dieser Art gibt, wo vielleicht auch Kinder über ihre Erfahrungen mit bipolaren und psychotischen Eltern schreiben oder auch weniger nahe Verwandte oder Freunde, die in vielen Fällen (mit)leiden, obwohl sie weniger eng verstrickt sind. Erst die Vielfalt der Erfahrungen und Lösungsversuche führt die Situation der Angehörigen wirklich plastisch vor Augen und zu hoffentlich mehr gegenseitigem Verständnis.

Stefanie Hubert
Co-Leiterin des DGBS-Referats Angehörige

Angehörige sind Erfahrene

Ein Ermutigungsbuch
Hrsg. Fritz Bremer und Hartwig Hansen
Paranus Verlag (2015), 185 Seiten
19,95 Euro
Erhältlich bei Amazon

 
 
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