Bipolare Störungen und Sexualität
Sexualität ist ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens und steht bei Bipolaren Störungen häufig in engem Zusammenhang mit den jeweiligen Stimmungsphasen. Viele Betroffene erleben im Verlauf ihrer Erkrankung deutliche Veränderungen der Libido, die sowohl für sie selbst als auch für Partner:innen und Angehörige sehr belastend sein können. Diese Veränderungen sind keine bewusste Entscheidung, sondern Ausdruck der Erkrankung.
Erhöhte Libido in der (Hypo-)Manie
In manischen oder hypomanischen Phasen kommt es häufig zu einer stark erhöhten Libido. Sexualität rückt in diesen Phasen oft stark in den Vordergrund – sexuelle Gedanken und Impulse nehmen zu und können einen drängenden, kaum kontrollierbaren Charakter annehmen. Dieses Phänomen wird auch als Hypersexualität (teilweise auch mit Promiskuität) bezeichnet.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bei Menschen mit Bipolaren Störungen die Stimmungsschwankungen auch mit Veränderungen des sexuellen Antriebs einhergehen: In manischen Episoden berichten viele über erhöhten sexuellen Antrieb und teilweise auch mehr sexuelle Interaktionen, während depressive Episoden oft mit niedrigem sexuellem Interesse verbunden sind. Zudem zeigen breitere Umfragen, dass ein sehr hoher Anteil der Betroffenen Perioden mit hypersexuellem Verhalten erlebt – in einer großen Befragung gaben etwa 88 % der Teilnehmenden an, solche Verhaltensphasen gehabt zu haben, oft über mehrere Wochen.
Typisch für Hypersexualität in der Manie sind:
Innerhalb fester Beziehungen kann diese gesteigerte Libido für Partner*innen überfordernd oder verunsichernd sein. Viele Betroffene berichten zudem, dass ihr Verhalten während manischer Phasen im Nachhinein als schambesetzt oder belastend erlebt wird.
Herabgesetzte Libido außerhalb der Manie
Außerhalb manischer Phasen, insbesondere in depressiven Episoden, zeigt sich häufig das gegenteilige Bild: Viele Menschen mit Bipolaren Störungen erleben eine deutlich herabgesetzte Libido oder sogar vollständige sexuelle Unlust. Sexualität verliert an Bedeutung, Nähe und Intimität können als anstrengend oder schwer zugänglich empfunden werden.
Auch zwischen den Episoden berichten Betroffene oft von einem Libido-Niveau, das deutlich unter dem der (Hypo-)Manie liegt, was zu Verunsicherung im eigenen Erleben und zu Frustration in Beziehungen führen kann.
Zudem können auch Medikamente, die bei Bipolaren Störungen eingesetzt werden, bei manchen Betroffenen zu einer verringerten Libido führen sowie Erregungsstörungen, Orgasmusstörungen oder andere sexuelle Funktionsstörungen auslösen oder begünstigen.
Auswirkungen auf Beziehungen
Die starken Schwankungen der Libido sind nicht nur für die Betroffenen selbst belastend, sondern können auch Partnerschaften und intime Beziehungen belasten. Studien zeigen, dass Hypersexualität in manischen Phasen und Hyposexualität in depressiven Phasen die sexuelle Zufriedenheit von Paaren negativ beeinflussen kann und dieses Muster oft über die Episoden hinaus wirkt.
Häufig berichten Partner:innen von Missverständnissen oder Frustration, wenn sich sexuelles Verhalten oder Bedürfnisse stark unterscheiden, Verletzungen durch impulsives Verhalten in manischen Phasen oder Schwierigkeiten, Nähe und Distanz im Wechsel der Phasen zu verstehen und gemeinsam zu leben.
Belastungen für Betroffene und Angehörige
Die Veränderungen der Sexualität im Rahmen Bipolarer Störungen sind für alle Beteiligten häufig emotional sehr belastend. Viele Betroffene empfinden Scham, Schuldgefühle oder Angst vor den Konsequenzen ihres Verhaltens, besonders wenn sie während manischer Phasen Grenzen überschritten haben.
Partner*innen und Angehörige fühlen sich oft hilflos, verletzt oder überfordert, insbesondere wenn sexuelles Verhalten als widersprüchlich oder unverständlich erlebt wird. Dies kann das Vertrauen und die emotionale Nähe in Beziehungen stark belasten.
Was helfen kann – ein guter Umgang mit dem Thema
Ein wichtiger erster Schritt ist, Veränderungen der Libido als Symptom der Bipolaren Störungen zu verstehen – nicht als mangelnde Liebe, fehlende Treue oder persönliches Versagen. Psychoedukation, also das Wissen über die Erkrankung und ihre Auswirkungen, kann helfen, Schuldgefühle zu reduzieren und mehr Verständnis zu entwickeln.
Hilfreich können sein:
Wenn Sexualität oder sexuelles Verhalten stark belastet, kann auch eine Paarberatung oder Paartherapie sinnvoll sein. Für Singles ist es wichtig, sich selbst mit Mitgefühl und Akzeptanz zu begegnen und Unterstützung anzunehmen, wenn das eigene Verhalten oder die eigenen Gefühle als belastend erlebt werden.
Ein guter Umgang mit Sexualität bei Bipolaren Störungen bedeutet nicht, alles kontrollieren zu müssen. Vielmehr geht es darum, achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen, Hilfe zuzulassen und sich bewusst zu machen: Veränderungen der Libido gehören für viele Betroffene zur Erkrankung – sie sind erklärbar, behandelbar und kein persönliches Versagen.
Hören Sie auch in die entsprechende Folge des "Crazy Turn - Ich bin bipolar"-Podcast rein.
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