Kontrast

Aretäus-Preis 2019

Der Aretäus-Preis 2019 wurde an Dr. med. Astrid Freisen für ihr außergewöhnliches Engagement verliehen. Den Preis überreichte Eleonore Weisgerber von der Stiftung InBalance.
Die Laudatio hielt der Vorsitzende der DGBS, Prof. Dr. Martin Schäfer gemeinsam mit Frau Weisgerber auf der Auftaktveranstaltung der 19. Jahrestagung am 10. Oktober 2019 in Frankfurt am Main:

Liebe Mitglieder der DGBS, liebe Gäste, liebe Preisträgerin,

mit dem Aretäus-Preis möchte die DGBS Menschen oder Institutionen würdigen, die ein besonderes Engagement durch Initiativen, Projekte, Ideen oder eigene Aktivitäten im Themenbereich "Bipolare Störung" zeigen.

Der Preis in 2019 geht an Frau Dr. med. Astrid Freisen vor allem für Ihr Engagement als Mitgründerin, Leiterin und (Weiter)-Entwicklerin des DGBS Referats Selbst Betroffene Profis.

Frau Dr. Freisen lernte die Bipolare Störung eigentlich zuerst als Angehörige kennen, Der Kontakt mit der DGBS begann aber 2006 zunächst im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Stabilisierung sozialer Rhythmen mithilfe von Handcomputern“.

Als bei ihr selbst 2010 eine Bipolare Störung diagnostiziert wurde, reagierte sie trotzdem mit Schuld- und Schamgefühlen und mit der Frage, wie ihre Tätigkeit als Weiterbildungsärztin im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie durch die bipolare Diagnose beeinflusst werden könnte. Sie forschte deshalb nach realen oder virtuellen Selbsthilfegruppen für Ärztinnen und Ärzten mit psychischen Erkrankungen um sich über Erfahrungen auszutauschen und fand nichts. Dies widersprach jedoch etlichen Studien, die für Ärzte und Ärztinnen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für psychische Störungen zeigen.

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen gestaltete sie deshalb ein Symposium auf der Jahrestagung 2014 in Würzburg, wo es um „Selbst Betroffene Profis“ gehen sollte mit dem Ziel, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Der Titel des Symposiums lautete „Zwischen allen Stühlen: Selbst betroffene Psychiaterinnen und Therapeutinnen“. Damit trat Frau Dr. Freisen somit auch selbst mit ihrer Erkrankung in die Öffentlichkeit. Ein erster sehr mutiger Schritt, da ja auch der eigene Arbeitgeber möglicherweise nicht immer frei von Vorurteilen agiert.

Im Anschluss an das Symposium bekannten sich mehrere Zuhörende zu ihrer eigenen psychischen Erkrankung. Anschließend gründete sich mit zwei Teilnehmenden die Arbeitsgruppe der „Selbst Betroffenen Profis“. Die Gruppe vergrößerte sich zunehmend, nachdem ein eigener Bereich auf der DGBS-Homepage angelegt wurde, mit der sich die Gruppe öffentlich vorstellte und eine Kontaktaufnahme über eine eigene Email-Adresse möglich wurde. Ein Bedarf war also ohne Zweifel vorhanden. Die Gruppe begann mit der Beratung von betroffenen Kolleg*innen und unterstütze per Email, Telefon oder digital bei Fragen zum Leben und Arbeiten mit der Bipolaren Störungen, Fragen zu Schwerbehinderung oder zur Berentung. Gleichzeitig wurde besonders von Frau Dr. Freisen die Öffentlichkeitsarbeit vorangetrieben und internationale Kontakte geschaffen.

2015 fand auf der Jahrestagung in Chemnitz der erste Workshop unter dem Titel „Betroffene Profis im Dialog mit sich selbst“ statt, an dem aufgrund der vom Vorstand wahrgenommenen Besonderheit und Bedeutung auch ich als 1. Vorsitzender und Frau Petra Pieper als Vorstandsmitglied und Angehörigenvertreterin aktiv teilnahm.

Es folgten öffentlich relevante Auftritte und Aktivitäten, kurze Artikel in Fachzeitschriften, Radiosendungen zum Thema und sogar ein Fernsehbeitrag. 2017 begann eine internationale Zusammenarbeit mit dem Doctors`Support Network (DSN) aus Großbritannien, einer Selbsthilfe- und Interessenvertretungsgruppe für psychisch kranke Ärzte und Medizinstudenten. Mit diesem organsierte Frau Dr. Freisen 2018 ein Symposium auf dem World Psychiatry Congress der World Psychiatric Association in Berlin. Dieses Symposium führte zu weiteren Anfragen verschiedener Medien, u.a. eine Berichterstattung im Medical Tribune und im Springer Verlag. Es folgten Auftritte im Fernsehen (z.B. im ZDF Magazin „Volle Kanne“ und SWR-2 Impuls) und zuletzt im Juli 2019 in der Sendung im Deutschlandfund-Radio mit den mir.

Auf eine Anfrage hin unterstützt Frau Dr. Freisen ein Forschungskolloquium der Universitäten Hamburg, Leipzig und der Medizinischen Hochschule Brandenburg, das sich wissenschaftlich mit dem Thema Eigene Krisen- und Behandlungserfahrungen von Mitarbeitenden im psychosozialen Bereich beschäftigt.

Aufgrund der hohen Bedeutung wurde die Arbeitsgruppe von der DGBS mittlerweile in ein eigenes DGBS Referat gewandelt.

Aktuell besteht das Referat der Selbst Betroffenen Profis aus Vertretenden der Berufsgruppen der Ärzt*innen, Psycholog*innen und Krankenpfleger*innen. Alle Mitglieder des Referats sind bipolar betroffene Profis. Die Gruppe ist offen für alle bipolar Betroffene, die in psychosozialen Berufsfeldern arbeiten oder gearbeitet haben.

Weiterhin besteht eine virtuelle Selbsthilfegruppe von ca. 10 Teilnehmenden, die sich alle 6 Wochen austauscht, sowie eine aktive Arbeitsgruppe von 6 Teilnehmerinnen, die alle 4 Wochen plant, austauscht und berät. Sehr wichtig ist dem Referat ein persönliches jährliches Treffen, da der persönliche Kontakt nicht zu ersetzen ist. Für die Zukunft wünscht sich das Referat die Entwicklung von Regionalgruppen, wobei man mit einer Nord-/Südgruppe starten würde.

Das wichtigste Ziel von Dr. Freisen ist und bleibt die Entstigmatisierung psychischen Erkrankungen gerade eben auch den Profis selbst. Wenn ein Behandelnder frei sagen kann, dass er eine psychische Erkrankung hat, fällt es einem anderen Betroffenen vielleicht auch leichter. Das Beispiel selbst aus der Anonymität herauszutreten soll anderen Mut machen. Aber leider ist die Realität noch eine andere: Wenn Behandelnde mit Diabetes öffentlich darüber sprechen und forschen, wird das mit hoher Bewunderung aufgenommen und die besondere eigene Erfahrung und Kompetenz respektiert. Das auch nur im Ansatz für den Bereich psychische Erkrankungen zu schaffen sollte unser aller Ziel sein. Burn-out und Suchterkrankungen sind da nur zwei Beispiele, die ja extrem weit verbreitet sind bei Behandelnden, die Scham aber sehr groß ist sich Hilfe zu suchen.

Nun freuen wir uns Frau Dr. Astrid Freisen den diesjährigen Aretäus-Preis für ihr besonderes Engagement im Bereich der Bipolaren Störung überreichen zu dürfen!



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