Kontrast

Hilfe - Berentung!

BU-Berentung bei Ärzten

Als ich in der frühen Phase (2014) der Gruppe "Selbst betroffenen Profis" meine Berufsunfähigkeit aufgrund meiner bipolaren Erkrankung erwähnte, gab es einen kleinen Aufschrei. Spontan wurden Sorgen geäußert, wie das sei, wenn man/frau seinen Beruf im Alter von 50 Jahren verliere. Was kann das Leben ausfüllen, wenn die gewohnte Arbeit wegfällt? Wie ist ein Leben ohne unseren wertvollen, langjährigen Beruf, in dem man/frau gebraucht wird und berufliche sowie persönliche Anerkennung erhält? Kann solch ein Leben weiterhin gelingend sein? Findet man/frau sich schließlich damit ab? Diese Gruppendiskussion hat mich motiviert, über meine BU- Berentung zu schreiben um authentisch Mut und Zuversicht zu vermitteln. Er ist mit abweichenden oder geteilten Erfahrungen anderer „Selbst Betroffener Profis“ ergänzt worden. 

 

Erfahrungen mit der BU-Rente

Nachfolgend schildere ich meine persönlichen Erfahrungen von der Beantragung bis Gewährung einer Berufsunfähigkeitsrente (BU-Rente) in einem ärztlichen Versorgungswerk. Gehören Sie nicht der ärztlichen Berufsgruppe an, finden Sie in Ihrem Versorgungswerk, in Ihrer gesetzlichen Rentenversicherung sowie bei privaten Berufsunfähigkeitsversicherungen andere Bedingungen vor, die nicht auf Ihre Berufsgruppe übertragbar sind.

 

Begutachtung und Folgegutachten

Ist man/frau schwerwiegend erkrankt oder liegen gehäufte Krankheitsphasen vor, kann vom behandelnden Facharzt/-ärztin oder einer Klinik eine vorübergehende oder dauerhafte BU-Berentung empfohlen werden. Manchmal genügt ärztlichen Versorgungswerken der Befund der akut-behandelnden Klinik als erstes Gutachten (ohne externes Gutachten). Danach fragen!

Mit Schreck erfuhr ich damals, dass es keine Teilberentung bei der Berufsunfähigkeit gibt. Weder in meinem Fall noch bei anderen ärztlichen Versorgungswerken in Deutschland. Weiterhin wird eine neu beantragte BU-Berentung meist nur befristet bewilligt. In meinem Fall auf 2 Jahre - rückwirkend vom Tag der Antragstellung. 

 

Alle zwei Jahre: Folgegutachten

Da es keine dauerhafte Berentung gab, war alle zwei Jahre ein weiteres fachärztliches Gutachten notwendig. Dabei flossen neben den alten Berichten aktuelle psychiatrische Befundberichte mit ein, die man/frau selbst bezahlen muss (nach GOÄ). Ich selbst wurde nach dem dritten Gutachten dauerhaft BU-berentet. Dennoch verlangt meine berufsständische Versorgungsanstalt alle 2 Jahre ein aktuelles fachpsychiatrisches Gutachten um zu prüfen, ob ich wieder als Ärztin einsetzbar bin.

 

BU-Rente bei Ärzten nur als Teilberentung!

Leider ist bei allen ärztlichen Versorgungswerken in Deutschland eine Teilberentung im ärztlichen Beruf nicht möglich. Dies zeigen die uns vorliegenden Berichte von Betroffenen ebenso wie die schriftlichen Auskünfte der Versorgungsanstalten soweit wir Antwort auf unsere Anfrage dazu erhielten (Stand 25.03.21).

Wir „Selbst Betroffene Profis“ empfinden dies als ungerecht im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, wo Teilberentungen durchaus möglich sind. Für unsere Berufsgruppe gilt bei chronischer Erkrankung leider nur ein 100% Arzt-Dasein oder 0% Arzt-Dasein. Dazwischen bleibt keine anteilige Beschäftigungsmöglichkeit.  Und das in Zeiten des Fachärzt*innenmangels. 

 

BU-Rente und berufsfremde Tätigkeiten

Übers Ehrenamt ergab sich bei mir Jahre nach der Berentung die Möglichkeit einer berufsfremden Beschäftigung. Vor Tätigkeitsbeginn muss dies aber mit dem ärztlichen Versorgungswerk abgeklärt werden. BU-Rentner*innen können berufsfremd nur nach Genehmigung arbeiten!

BU-Versicherung

Unser Tipp an dieser Stelle:
Es ist sinnvoll, möglichst früh und jung eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, bevor zu viele Krankheitsphasen und altersbedingt noch weitere Krankheiten diagnostiziert werden. 

 

Auswirkungen der Berentung

Was passiert mit mir/meinem Berufsleben, wenn ich als Ärztin/Arzt nicht mehr arbeiten kann ohne gravierende gesundheitliche Risiken in Kauf zu nehmen? Manchmal geht es einfach nicht mehr weiter mit diesem Beruf, der verbunden ist mit einer hohen psycho-physischer Belastung wie auch mit einer großen Verantwortung gegenüber Patienten, die jederzeit leistungsfähige Ärzte erwarten.

 

Ratsuchende Kolleg*innen melden sich

Ratsuchende Kollegen*innen melden sich in der Mail- u. Telefonberatung der „Selbst Betroffenen Profis“. Viele Menschen sind - das wird jetzt nicht wirklich überraschen - ziemlich verzweifelt über ihren aktuellen Gesundheitszustand, gleichzeitig über das drohende, meist ungewollte Berufsende mit einer noch ungewissen Zukunftsaussicht. Und wir müssen dann darüber hinaus informieren, dass jede ärztliche Versorgungsanstalt in Deutschland unterschiedliche Statuten zur BU-Rente hat.

 

Finanzielle Sorgen

Viele Ratsuchende haben große existentielle und finanzielle Sorgen und Ängste vor Rentenbeginn. Wie lange reicht mein Geld auf dem Konto, bis über die Gewährung einer BU-Rente überhaupt entschieden wird? Wie hoch wird die BU-Rente ausfallen? Berufstätige Mütter haben z.B. wegen der Kinder länger in Teilzeit gearbeitet und fragen sich nun, ob sie lange genug eingezahlt haben? Oder Sie sind Single und tragen somit alleine fortlaufenden Lebenshaltungskosten. Als alleinerziehende Mutter sorgen Sie sich über Ihre Finanzen und gleichzeitig sind da ständige Gedanken über das Wohlbefinden der Kinder.  

 

Soziales Netzwerk

Jetzt kommt die Stunde des sozialen Netzwerkes. Unterstützung durch Freunde spielt eine wichtige Rolle.

Ein tragfähiges soziales Netz ist zur Krisenbewältigung wichtig, aber ganz besonders auf dem Weg hin und nach einer Berentung. Anerkennung und Selbstwertgefühl, die früher durch den Beruf genährt wurden, können auch im Ehrenamt oder z.B. durch die Mitarbeit bei uns in der DGBS e.V. oder anderen Institutionen erlangt werden. Vielleicht können Sie nach der Stabilisierungszeit wieder eine Aufgabe im Rahmen einer alternativen Tätigkeit erleben, die weniger belastend und zeitlich mehr begrenzt ist als der Arztberuf?

 

Positive Seiten einer Berentung

Eine Berentung hat auch positive Seiten. Während meiner Berufstätigkeit stand ich oft unter Druck, um hohen Anforderungen zu entsprechen. Ich konnte meinen Beruf manchmal nicht mit meiner Krankheit vereinbaren. Meine Gedanken kreisten oft und lange um die Arbeit. Erst mit der Berentung konnte ich dies abstellen und mich ganz auf die Genesung konzentrieren. Jetzt hatte ich die Zeit, die ich brauchte, um meine Lebens- und Krankheitsgeschichte aufzuarbeiten, um krankmachende Muster aufzuspüren und sie zu verändern. Ich lernte, meine Gedanken und Gefühle noch mehr positiv zu beeinflussen. Dies alles war ein wichtiger Schritt, um die neue Lebenssituation anzunehmen. Ich konnte eine neue Identität aufzubauen, die nicht mehr durch meinen Beruf definiert war. Blicke ich zurück, war mein Arztberuf mit ständigem Schicht- und Nachtdienst, seinem gestörtem Tag-Nachtrhythmus und seinen Überstunden ein erhebliches Krankheitsrisiko gewesen. Seit meiner Berentung habe ich die Zeit, die ich als bipolar betroffener Mensch brauche, um meine Frühwarnsymptome gut im Blick zu haben und ausreichend Schlaf zu bekommen. Ich kann präventiv erfolgreich einsetzen, was ich durch die Psychoedukation erkannt habe.  

 

Mitglied bei den "Selbst Betroffenen Profis"

Es war enorm entlastend, mit dieser oft existentiellen Krankheit nicht alleine bleiben zu müssen. Sich mit Betroffenen austauschen zu können, die als Gesundheitsmitarbeiter*innen auch "zwischen allen Stühlen" saßen. Erst die Gruppenmitglieder haben mir restlos vermitteln können, dass ich weder an meiner Krankheit noch am Ausbruch weiterer Phasen schuld bin. Ich auch als Ärztin keinesfalls die Macht habe, diese chronische Erkrankung zu unterdrücken. (siehe auch Artikel "Scham" auf der gleichen Website).

Dr. med. Gabriele Schöck, Referat Selbst Betroffene Profis

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